Wirtschaft : Herta Sowa

Geb. 1910

Gregor Eisenhauer

„Ich war überhaupt nicht so. Da hab’ ich was verpasst!“ Manche Prinzessin wird spät wachgeküsst. Und bezaubert dann die Welt.

Herta Sowas Leben begann, als ihr Mann starb. Nicht dass sie unglücklich gewesen wäre mit ihm. Sie lebten in einer schönen DreizimmerWohnung mit Balkon, die sie akkurat eingerichtet hatte. Ihr Mann war fleißig, bot nie Anlass zur Klage. Wenn er abends heim- kam, las er die Zeitung. Am Wochenende löste er gern Kreuzworträtsel. Sie war ihm eine gute Hausfrau, und ihrem Sohn eine gute Mutter. Ihr Vater war Gürtler, machte die Beschläge an den Holzrädern, und hatte als gestandener Handwerker zu allem eine Meinung, auch zur Politik – was Herta sehr bewunderte.

Das Mädchen sollte nicht aufs Lyzeum, also lernte sie Hutmacherin. Immer adrett gekleidet, arbeitete sie im Warenhauspalast Tietz, bis sie ihren ersten Mann traf und heiratete.

Er musste in den Krieg. Herta wurde schwanger, aber nicht von ihm. Sie schrieb ihm einen Brief; sie konnte nicht anders, als ehrlich sein. Er bat, dennoch zu ihr zurückkehren zu dürfen. Über Jahre lebten sie zu dritt, bis sie sich entschied: Für den Vater des Kindes, auf das sie so stolz war.

1978 starb ihr Mann. Für Selbstmitleid nahm sich Herta Sowa nicht viel Zeit; sie tat sich um. Volkshochschule, Literaturkurs, Museumsgruppe, sie traf auf Menschen, die zwanzig, dreißig Jahre jünger waren, und sie bewunderten für ihren Elan. Sie war nicht mehr allein, ob beim Singletanz oder in der Wandergruppe „Die Schnecken“. Sie reiste nach China, nach Ägypten, tat, was rüstige Senioren tun, aber im Unterschied zu vielen anderen immer mit dem kleinen dankbaren Lächeln dafür, dass sich für sie die Welt noch einmal geöffnet hatte – und so vieles besser geworden war. Georgette Dee fand sie wunderbar, und auch, dass der Bürgermeister schwul ist und man nicht mehr heiraten muss, um zusammenzuleben. „Überhaupt, dass die Frauen so viel mehr aus sich machen können heutzutage!“

Ihre Freundin nahm sie mit zu „Dirty Dancing“, und nach dem Film seufzte sie „Also ich war überhaupt nicht so. Da hab’ ich was verpasst!“ Am nächsten Tag ging sie nochmal allein in die Nachmittagsvorstellung – über siebzig war sie da.

Sie wohnte noch immer in ihrer Wohnung, freute sich über die schönen Kissenbezüge, die selbst genähten Gardinen und den Cezanne an der Wand; sie mochte die Impressionisten.

Wenn Gäste zum Kaffee kamen, holte sie ihr bestes Geschirr heraus, und deckte fein; das musste seine Ordnung haben. Sie kochte gern, an Feiertagen Rehrücken und Eier mit Quetschkartoffeln und Senfsauce, wenn es mal nicht so feierlich war. Und immer war sie dankbar, wenn es den anderen schmeckte. „Früher saßen wir zwei an meinen Geburtstagen stumm am Tisch und haben gewartet, dass der Sohn anruft. Heute: 14 Postkarten, neun Anrufe und hier die Runde!“

Kurz vorm 90. Geburtstag stürzte sie, Oberschenkelhalsbruch, aber sie raffte sich noch einmal auf – auch der Enkel wegen, die sie so gern aufwachsen sehen wollte.

Eigentlich wollte sie ja kein Grab: „Wer weiß, wer sich kümmert. Soll ja schließlich ordentlich aussehen… Verstreut die Asche lieber irgendwie in der Luft.“ Dennoch hat sie dann mit ihrer Freundin und ihrem Sohn die Grabstelle ausgesucht – „dann müsst ihr mir aber auch immer die letzten Neuigkeiten am Grab erzählen!“

Sie wurde weniger und weniger in den letzten Jahren, und dennoch zog es noch immer alle zu ihr hin. „Was wollt ihr noch von mir? Ich bin doch nur noch ein Hauch.“ – „Auch ein Hauch kann noch wärmen!“, entgegnete eine Bekannte.

Ihr letzter großer Ausflug ging ins KaDeWe. 93 war sie da. Zwei Wochen vorher begann die minutiöse Planung: „Wir machen das so: Erst in die Strumpfabteilung, dann zu den Mänteln, und dann die Lebensmittelabteilung, diese Mettwurst, die gibt’s nur da!“

Die Vorfreude wurde bis zum letzten Tropfen ausgekostet, erst dann zog sie los mit ihrer Freundin. Und als sie ins Taxi stieg, trat das Lächeln in ihr Gesicht, das all’ ihre Freunde jetzt so sehr vermissen. Denn alles, was Herta Sowa tat, war ein Kompliment an das Leben.

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