Hertie : "Wahnsinnig viel verschlafen"

Der insolvente Hertie-Konzern soll weitergeführt werden. Branchenbeobachter sehen das äußerst skeptisch. Schon lange ist das Haus auf der Suche nach einem Konzept.

Maren Peters

BerlinGanz am Ende versuchte der Insolvenzverwalter noch tapfer, Aufbruchstimmung zu verbreiten. „Wenn wir es schaffen, Ihr Vertrauen zu erhalten, bin ich sehr zuversichtlich, dass mir auch bei Hertie eine Sanierung gelingen wird“, sagte Biner Bähr am Freitag mit Blick auf die Vertragspartner und Kunden der zahlungsunfähigen Warenhauskette.

Doch während die Kunden das dem Rechtsanwalt der Kanzlei White&Case abnehmen mögen, sind Branchenexperten skeptisch, ob es überhaupt eine Zukunft für die Häuser geben kann. Am deutlichsten sagt das Manfred Hachmeyer von der Unternehmensberatung Deloitte. „Hertie ist auf gar keinen Fall zu retten“, meint er. Das Unternehmen habe in der Vergangenheit „wahnsinnig viel verschlafen“. Das Konzept, mit einer bunten Warenpalette auf Kundenfang zu gehen, sei definitiv „von gestern“.

Für viele war es keine Überraschung, dass Hertie in der vergangenen Woche Insolvenz anmelden musste. Der britische Finanzinvestor Dawnay Day, der die Kaufhäuser 2005 von Karstadt-Quelle übernommen hatte, war in eine finanzielle Schieflage geraten, die deutschen Hertie-Häuser waren nicht mehr zu halten. Betroffen sind davon nach Angaben der Gewerkschaft Verdi insgesamt 4500 Beschäftigte in 73 Hertie-Filialen, drei davon stehen in Berlin.

Schon lange ist das traditionsreiche Haus, das Hermann Tietz („Her-Tie“) 1882 in Gera gründete, auf der Suche nach einem schlüssigen Konzept. „Bis jetzt hat noch niemand in Deutschland ein solches Konzept gefunden“, sagt Herbert Kuhn, Handelsexperte beim Marktforscher Trade Dimensions. Die Umsätze von Hertie gingen seit Jahren zurück. Angeblich soll die Kette in den vergangenen Jahren jeweils 30 Millionen Euro Miese gemacht haben.

Man muss fairerweise sagen: Es ist nicht allein Herties Problem, dass die Kunden wegbleiben. Auch andere kleinere Warenhäuser haben Probleme. Woolworth etwa kränkelt auch seit Jahren. Im vergangenen Herbst war der Finanzinvestor Cerberus eingestiegen, seit 1998 hatten die zuletzt 340 Filialen der Billigkette in Deutschland und Österreich dem britischen Finanzinvestor Electra gehört.

„Die kleineren Warenhäuser haben es schwer“, sagt Handelsexperte Kuhn. Sie seien nicht in der Lage, das Konsumversprechen an die Kunden einzulösen. Das meint auch Marktforscher Wolfgang Twardawa von der Nürnberger Gesellschaft für Konsumfoschung (GfK). Das Konzept, alles unter einem Dach anzubieten und dabei „Konsumtempel“ für Konsumenten zu sein, könnten kleine Warenhäuser – anders als die großen Häuser – heute nicht mehr einlösen.

Zudem setzen starke Fachhändler wie Mediamarkt/Saturn und H&M sowie Discounter die kleinen Warenhäuser immer stärker unter Druck. „Fast jeder Discounter bietet inzwischen bei wöchentlichen Aktionen ähnliche Produkte an wie Hertie und Woolworth – meistens noch in besserer Qualität und zu einem günstigeren Preis“, sagt Kuhn von Trade Dimensions. Hertie sei es nicht gut bekommen, sich in der Warenbeschaffung von der früheren Mutter Karstadt abzukoppeln, meint Kuhn. In der Folge seien die Preise gestiegen, die Qualität aber schlechter geworden.

Dabei war Hertie einst stolz auf die besondere Güte seiner Waren. „Qualität bedeutet, dass der Kunde und nicht die Ware zurückkommt“, hatte Hertie-Mitgründer Oscar Tietz seinen Familien-Managern eingetrichtert. Die haben sich lange Zeit auch daran gehalten – und waren damit erfolgreich.

Dass sich nun neben Qualitäts- und Strukturproblemen auch noch das Marktumfeld schwierig entwickelt, ist bitter für Hertie. Explodierende Preise haben den Unternehmen kräftig zugesetzt. Ob es für alle Hertie-Häuser unter diesen Umständen eine Rettung gibt, daran zweifeln viele Experten. „Es wird einige geben, die überleben, andere werden schließen müssen“, sagt Kuhn. „Klar ist: Weiter so geht es nicht“, sagt GfK-Experte Twardawa. „Sonst ist die nächste Pleite programmiert.“ Maren Peters

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