Wirtschaft : Heute prämiert, morgen bestraft

Wie die Lehrstellenumlage aus Vorzeigefirmen Verlierer macht

M. Peters/F. Wisdorff

Berlin . Beim Besuch der Handelskammer in Schwerin machte Bundeskanzler Gerhard Schröder am Dienstag noch mächtig Dampf. Die Ausbildungsplatzumlage, dröhnte der Kanzler, sei ein Mittel gegen Trittbrettfahrer in der Wirtschaft, die sich ihrer Pflicht zur Ausbildung entzögen. Kurz darauf zeichnete Schröder 46 Unternehmer aus Mecklenburg-Vorpommern für „herausragende Leistungen in der Berufsausbildung“ aus. Doch vielen der Unternehmen, denen der Kanzler gestern noch generös eine Urkunde in die Hand gedrückt hat, wird er im Herbst wahrscheinlich eine dicke Strafe aufbrummen – weil sie „Trittbrettfahrer“ sind, die nicht genügend ausbilden. So werden aus Gewinnern plötzlich Verlierer.

Bei der Auslese zwischen guten und bösen Unternehmen legt die Bundesregierung derzeit noch völlig andere Maßstäbe an, als künftig bei der geplanten Ausbildungsplatzabgabe gelten sollen. Auswahlkriterien bei der Preisvergabe an der Küste waren gute Noten der Azubis, mindestens zehnjähriges Ausbildungsengagement der Firmen und ehrenamtlicher Einsatz, etwa in Prüfungsausschüssen. Die Ausbildungsquote, die bald der Maßstab sein soll, um zu entscheiden, ob ein Unternehmen Strafe zahlen muss oder nicht, spielte dagegen überhaupt keine Rolle.

Wäre das so gewesen, dann wären viele der frisch Gekürten leer ausgegangen: weil die Zahl ihrer Azubis weniger als sieben Prozent der Belegschaft ausmacht, also unter der Musterquote liegt, die der Regierung vorschwebt.

So bildet die Kaffeeröstertochter Tchibo Logistik GmbH im Mecklenburg-Vorpommerschen Gallin zum Beispiel bei 900 Beschäftigten gerade mal 40 Lehrlinge aus – eine schlappe Quote von 4,4 Prozent. Auch die Aker MTW Werft GmbH in Wismar, die der Kanzler am Dienstag mit seinem Besuch beehrte, schafft nur eine Ausbildungsquote von 4,8 Prozent. Beim DVZ Datenverarbeitungszentrum Mecklenburg-Vorpommern GmbH sieht es mit einer Quote von 3,6 Prozent noch schlechter aus. Die verlangten sieben Prozent künftig zu schaffen, sei bei der aktuellen Beschäftigungslage sehr „schwierig" , sagte Erhard Bomme, Sachgebietsleiter Personalwesen bei DVZ.

Bei der Ankündigung Schröders, dass die Einführung der umstrittenen Ausbildungsplatzumlage vor allem wegen der im Osten angespannten Situation am Lehrstellenmarkt unumgänglich sei, können viele Ost-Unternehmer nur trocken husten. Die Sparkasse Parchim-Lübz zum Beispiel, auch sie gerade für vorbildliche Ausbildungsbemühungen ausgezeichnet, leistet sich bei 245 Beschäftigten derzeit elf Azubis – eine Quote von 4,5 Prozent. „Wir würden gerne mehr junge Leute ausbilden“, sagt Personalchefin Christine Klement, „aber wir finden seit Jahren nicht genügend geeignete Bewerber“. Daran, sagt sie, werde auch eine Ausbildungsplatzabgabe nichts ändern. „Was nutzen uns denn schlechte Bankkaufleute?“, fragt die Personalchefin resigniert.

Das gleiche Problem hat die Kreissparkasse Ludwigslust, die bei 272 Beschäftigten 14 Azubis in die Geheimnisse des Bankgeschäfts einweist. Mit der Quote von 5,1 Prozent hätte sie dem Kanzler als „Trittbrettfahrer“ unangenehm auffallen müssen.

Auch die LFW Ludwigsluster Fleisch- und Wurstspezialitäten GmbH&Co KG hat Schröder prämiert. Das Unternehmen bildet bei 150 eigenen Beschäftigten acht Lehrlinge aus – eine Quote von 5,3 Prozent. Die LFW ist zwar guten Willens, aber auch das wird ihr nicht helfen. „Im Zweifelsfall“, sagt Prokuristin Urte Warncke, „würden wir lieber die Abgabe zahlen, statt schlechte Lehrlinge einzustellen“.

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