Wirtschaft : „Heute wird mit echtem Geld bezahlt“

Goldman-Sachs-Banker über Hunger nach Größe

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Herr Schenck, Eon, BASF, Linde, Adidas, Deutsche Börse, Merck – die Liste deutscher Konzerne, die milliardenschwere Übernahmen planen oder hinter sich haben, wird immer länger. Woher kommt dieser Hunger nach Größe?

Viele der genannten Unternehmen sind in einer ähnlichen Entwicklungsphase. Sie sind gesund, sie haben Geld, sie sind entschuldet und sie blicken optimistisch in die Zukunft. Deutschland war im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen lange Zeit in Europa unterrepräsentiert. Das ändert sich jetzt. Auch die beteiligten Investoren, die ohnehin Anlagemöglichkeiten suchen, begrüßen es, wenn die Unternehmen eine Idee für externes Wachstum verwirklichen – statt ihre Barmittel nur auszuschütten.

Das war früher andersherum. Warum?

Vor ein paar Jahren waren die Investoren froh, wenn die Unternehmen Schulden zurückbezahlt, Kosten gesenkt oder frühere Einkäufe sinnvoll integriert haben. Diese Aufgaben sind erledigt. Heute bekommen die Unternehmen von Investoren wieder Applaus, wenn sie sich neuen strategischen Zielen zuwenden. Und die lassen sich nicht immer mit organischem Wachstum erreichen. Manchmal muss man sich in bestimmte Geschäfte hineinkaufen.

Sind die Investmentbanken hier die treibenden Kräfte?

Ich glaube, da würden wir uns zu große Schuhe anziehen. Wir sind Erfüllungsgehilfen. Die strategischen Köpfe, die eigentlichen Masterminds, sitzen in den Vorständen. Ich habe noch keinen Vorstand kennen gelernt, der sich von Investmentbankern in eine Transaktion hat treiben lassen. Natürlich liefern wir Ideen und gehen auf Firmen zu. Aber wir sind in erster Linie Dienstleister. Das ist unser Job.

Sind deutsche Vorstände selbstbewusster geworden?

Die erwähnten Unternehmen haben Vorstände, die das Heft selbst in die Hand nehmen. Sie wollen eine aktivere Rolle in der globalen Konsolidierung einnehmen. Wir beobachten seit einem Jahr eine sehr viel offensivere Haltung bei einigen Unternehmensleitungen. Das heißt nicht, dass sie vorher nicht auch offensiv eingestellt waren. Aber die Umstände haben es nicht erlaubt.

Wie groß ist die Gefahr, dass eine Übernahme scheitert? Die Erfahrung lehrt, dass es meistens schief geht.

Da widerspreche ich Ihnen. Außerdem ist das Risiko, zu scheitern, heute kleiner als Ende der 90er Jahre. Man beschäftigt sich heute viel intensiver im Vorfeld von Fusionen und Übernahmen mit den möglichen Synergien und mit der anschließenden Integration der Unternehmen.

Also fürchten Sie nicht die Gefahr einer neuen Überhitzung?

Die sehe ich nicht. Anders als zur Jahrtausendwende wird mit echtem Geld bezahlt – und nicht mit überteuerten Aktien als Tauschwährung. Die Unternehmen nehmen heute häufig Schulden auf, um einkaufen zu gehen. Und der Kapitalmarkt achtet sehr gewissenhaft darauf, wofür er sein Geld zur Verfügung stellt.

Wie hoch schätzen Sie das Transaktionsvolumen in Deutschland in diesem Jahr?

Ich glaube, 2006 wird ein sehr aktives Jahr, noch aktiver als das vergangene. Es ist aber schwer, das Transaktionsvolumen zu schätzen, weil einzelne Transaktionen das Niveau schnell nach oben treiben können. Das gesamte Geschäft mit Fusionen und Übernahmen wird in Deutschland gegenüber 2005 um zehn bis zwanzig Prozent wachsen.

Wie wichtig ist es für ein Land, einen nationalen Champion zu haben?

Für den Kapitalmarkt sind nationale Champions nicht so wichtig. Aber die Politik hat in manchen Bereichen ein gewisses Interesse daran, zu wissen, was aus ihren Großunternehmen wird. Das ist in Deutschland nicht anders als in Frankreich oder Spanien. Unterschiede gibt es nur in den Methoden, mit denen Regierungen bestimmte, vor allem regulierte Branchen schützen. Absurd würde es, wenn in Europa künstliche Grenzen eingezogen werden, die man eben erst abgeschafft hat. Europa soll ja eigentlich ein großer Binnenmarkt sein.

Das Gespräch führte Henrik Mortsiefer

Marcus Schenck

leitet bei Goldman Sachs das Investment Banking für Deutschland. Er war an großen Transaktionen, etwa der Mannesmann- Übernahme durch Vodafone, beteiligt.

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