High-Tech in Friedrichshafen : Die Stadt der Zukunft

In Friedrichshafen am Bodensee rüstet die Telekom Privathaushalte, Krankenhäuser und die Verwaltung mit High-Tech aus. Die kleine Stadt wurde unter 51 Bewerbern ausgewählt.

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Klaus Vogt steht in seinem Wohnzimmer und hantiert mit drei Fernbedienungen gleichzeitig. „Das überlässt meine Frau immer mir“, sagt der 70-Jährige. Routiniert führt er seinen Gästen vor, was die schwarze Empfangsbox neben Fernsehbildern noch so alles auf den schicken Flachbildschirm im Wohnzimmerschrank zaubern kann. Urlaubsbilder zum Beispiel, Filme aus einer Online-Videothek oder E-Mails. Dafür hat der Fernseher zusätzlich eine ultraflache Tastatur. „Noch eine Fernbedienung“, sagt Vogt fast entschuldigend. Dabei kommt der Ingenieur im Ruhestand ganz gut mit der neuen Technik in seinem Haus zurecht. Richtig euphorisch wird er, wenn er sein iPad vorführt und auf dem Tablet-PC die Fotos von seiner Fahrt mit dem Zeppelin zeigt. „Das iPad gebe ich auf keinen Fall wieder her“, erklärt er. Auch seinen Terminkalender führt er inzwischen digital.

Von außen sieht die Doppelhaushälfte der Familie Vogt kein bisschen futuristischer aus als die anderen Häuser im beschaulichen Friedrichshafener Stadtteil Fischbach. Zum Bodensee sind es nur ein paar Schritte. Dass Klaus und Edeltraud Vogt mit einer superschnellen Internetverbindung ausgestattet sind, neben der Settopbox im Wohnzimmer und dem Computer im Büro auch über Laptop, iPad, zwei iPhones und einen smarten Stromzähler verfügen, verdanken sie T-City. Das ist ein gemeinsames Projekt der Stadt Friedrichshafen und der Telekom. Es soll zeigen, wie moderne Informations- und Kommunikationstechnik die Lebens- und Standortbedingungen einer Stadt verändert. Die Idee kam von der Telekom, die Friedrichshafen 2007 aus 51 Bewerber-Städten auswählte. Ein Zukunftslabor sollte die Stadt mit knapp 59 000 Einwohnern werden. Doch den Namen mochten die Friedrichshafener nicht, schließlich wollten sie nicht so etwas wie Versuchstiere sein. Jetzt heißt es Zukunftswerkstatt.

Dabei geht es um mehr als die neun Zukünftler genannten Haushalte, die wie die Vogts von der Telekom mit modernster Kommunikationstechnik ausgestattet wurden. Insgesamt sind bereits mehr als 40 Projekte realisiert – vom verbesserten Bürgerservice über mobiles und vernetztes Arbeiten, Telemedizin, Computerkurse für Senioren bis zum interaktiven Wandern. Je nachdem welche Projekte noch realisiert werden, will die Telekom bis zum Jahr 2012 bis zu 80 Millionen Euro in Friedrichshafen investieren. Schwerpunkte, so sagt Bürgermeister Andreas Brand, sind die Themen Energie, Gesundheit und effiziente Verwaltung.

Zwei Ärzte im Klinikum Friedrichshafen wollen auf die neuen Errungenschaften der Telemedizin nicht mehr verzichten. „Ich bin froh über jeden Patienten, der nicht kommt“, sagt Detlev Jäger, Leiter der Kardiologie. Er zeigt auf dem kleinen Fernsehschirm in seinem Büro, warum viele Patienten mit Herzinsuffizienz nicht mehr kommen müssen – und sich dennoch besser betreut fühlen. Die Patienten messen zu Hause täglich ihre Daten wie Blutdruck und Gewicht und geben sie über eine Fernbedienung am Fernsehschirm ein, die Daten werden in die Klinik übertragen. Wenn die Werte nicht in Ordnung sind oder der Patient vergisst, sie einzugeben, bekommt er einen Anruf von Krankenschwester Claudia Fink. 30 Patienten nehmen an dem Pilotversuch teil, die älteste ist 88 Jahre alt. „Die Patienten sind begeistert“, sagt Jäger. Er selbst ist es auch, denn er ist überzeugt, dass die Versorgung der Patienten besser und billiger wird – vor allem auf dem Land, wo der nächste Arzt eventuell weit weg ist. „Es ist wichtig, dass Telemedizin sich durchsetzt“, sagt Jäger. Dafür braucht man allerdings in jeder Praxis und bei jedem Patienten zu Hause auch eine schnelle Internetverbindung.

Dass es die in Friedrichshafen gibt, davon profitiert auch Hans-Walter Vollert, Leiter der Frauenklinik und des Brustzentrums. Früher musste er einmal in der Woche zu seinen Kollegen nach Konstanz fahren. Nun findet die interdisziplinäre Tumorkonferenz, an der verschiedene Spezialisten teilnehmen, per Life-Videokonferenz statt. Alle Teilnehmer sehen die Befunde in hochauflösenden Bildern vor sich. „Auch der niedergelassene Arzt kann sich in die Tumorkonferenz einwählen, wenn es um einen seiner Patienten geht“, sagt Vollert. Von der Bündelung der Kompetenzen profitiert die Klinik bereits. „Die Fallzahlen haben sich bei uns mehr als verdoppelt“, sagt Vollert. „Es spricht sich herum, dass wir hier gute Arbeit machen.“

Für Oberbürgermeister Brand ist es wichtig, dass es bei T-City nicht um technischen Schnickschnack geht, wie etwa den digitalen Bilderrahmen mit Mobilfunkanschluss, der in Hotels aufgestellt werden sollte. Brand möchte, dass sich für die Bürger der Stadt etwas verbessert. Seine Bilanz der ersten Halbzeit: „Die Zufriedenheit auf beiden Seiten steigt.“ Immerhin kann Brand über ein Problem anderer Provinzstädte nur lächeln. Sie müssen noch darum kämpfen, schnelle Internetanschlüsse zu bekommen. „Wir haben die Infrastruktur als Voraussetzung“, sagt Brand. Nun möchte der Oberbürgermeister seine Verwaltung effizienter machen, zum Beispiel mit einem Anliegen- und Ideenmanagement. „Wir wollen nicht nur Beschwerden bekommen, sondern es geht mir um Ideen und Vorschläge, welche konkreten Projekte wir angehen sollen“, sagt Brand. „Daran habe ich als Verwaltungschef ein vitales Interesse.“

Ebenso wie an der Zukunftsfähigkeit des regionalen Versorgers. Im Rahmen von T-City installierten die Technischen Werke Friedrichshafen bereits 1404 intelligente Stromzähler, bei denen Strom zu bestimmten Zeiten, wenn die Nachfrage geringer ist, bis zu 20 Prozent günstiger ist. Smarte Stromzähler wie auch intelligente Versorgungsnetze gelten als wichtige Voraussetzung, um den Anteil erneuerbarer Energien im Energiemix zu erhöhen. Von dem bisherigen „Clever-Tarif“ der Technischen Werke ist Rentner Klaus Vogt allerdings noch nicht überzeugt. Die Ersparnis sei zu gering, sagt er. „Im Moment ist das Angebot noch nicht attraktiv.“

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