Hightech-Supermacht : Silicon Wadi statt Silicon Valley

Israel hat sich vom Agrarland zur Hightech-Supermacht entwickelt. Bald will es zu den reichsten Ländern der Welt gehören.

Charles A. Landsmann

Tel Aviv Was in Kalifornien als Silicon Valley weltberühmt wurde, ist in Israel das Silicon Wadi. Der Hightech-Gürtel im Norden von Tel Aviv erstreckt sich vom Industrievorort Petah Tikva bis zum Diplomatenviertel Herzlia-Pituah. Hier tüfteln kleine, kreative Start-Up-Unternehmen Ideen für den Weltmarkt aus. Auf nichts sind die Israelis so stolz wie auf die Entwicklung ihrer Hightech-Industrie, wie Umfragen zum 60. Unabhängigkeitstag zeigen. Bei neuen IT-Technologien sind die Israelis Weltklasse – nur die USA sind noch besser.

Der jüdische Staat hat in den vergangenen sechs Jahrzehnten eine erstaunliche wirtschaftliche Entwicklung erlebt: Von einer sozialistisch geprägten Agrarwirtschaft – Symbol war die dickhäutige Jaffa-Orange – zur heutigen Hightech-Supermacht, dessen Aushängeschild der Pharmakonzern Teva ist, heute weltgrößtes Unternehmen für Nachahmermedikamente. „Das israelische Wunder“ titelte die neue Wirtschaftszeitung „Kalkalist“ zum Unabhängigkeitsfest des Landes, das keine eigenen Rohstoffe besitzt.

Diese Entwicklung ist umso erstaunlicher, als Israel sieben Kriege und zwei Intifadas durchlitten hat, gewaltige Sicherheitsausgaben und die Verneunfachung der Bevölkerungszahl verkraften muss. Und nicht zu vergessen: Die Bremswirkung einer wuchernden Bürokratie, die für den Schriftsteller Ephraim Kishon ein Spaß, für den israelischen Bürger dagegen eine Kollektivbestrafung ist.

Ein Vergleich des Bruttosozialprodukts pro Kopf mit Staaten, die wenige Jahre vor Israel gegründet wurden, macht den erstaunlichen Aufschwung noch deutlicher. 1950 betrug das Bruttosozialprodukt in Israel 2817 Dollar, in Jordanien 1663 Dollar, in Syrien 2409 Dollar, im fernen Südkorea 770 Dollar. Und heute? Liegt Israel bei 25 762 Dollar, der Nachbarstaat Jordanien dümpelt weiter bei 4700 Dollar, Syrien unverändert bei 2409 Dollar. Und selbst das fernöstliche Wirtschaftswunderland Südkorea bleibt mit 24 600 Dollar zurück.

Doch Israel hat sich noch mehr vorgenommen. In dieser Woche beriet die Regierung erstmals den Plan „Israel 2028“, eine von Wirtschaftsexperten ausgearbeitete ökonomische Wunschvision, unter Führung des Teva-Präsidenten Eli Horowitz und des ehemaligen Generaldirektors des Finanzministeriums, David Brodet. „Ohne nationale Strategie ist die Zukunft der Gesellschaft und des Staates gefährdet“, heißt es da mahnend, und weiter: „Israel darf nicht Mittelmaß sein.“ Vielmehr soll der jüdische Staat laut Plan in 20 Jahren zu den zwölf bis 15 reichsten Ländern der Welt gehören.

Die wichtigsten Zeichen auf dem Weg dorthin lauten: sechs Prozent jährliches Wachstum, gewaltige Infrastruktur-Investitionen, ein Quantensprung in der Bildung, die Einschränkung der Verteidigungsausgaben und die Verringerung der wirtschaftlich-sozialen Differenzen.

Auffallend ist die Betonung des aktuellen Bildungsnotstandes. Darum stehen auch die Erhöhung der Hochschulausgaben sowie der Investitionen in Erziehung, Forschung und Entwicklung an erster Stelle des Forderungskataloges – und zwar alles in gewaltigen Ausmaßen.

Israel, das einst stolz auf sein Erziehungswesen und den hohen Bildungs- und Ausbildungsstandard war, rangiert auf diesem Gebiet heute in die Schlussgruppe der entwickelten Staaten. Hauptschuldig dafür sind die vom nationalkonservativen Likud angeführten Regierungen, die Milliardensummen von Schulen und Universitäten in das Siedlungswesen umleiteten und bei denen Erziehung und Bildung auf der Prioritätenliste von der Spitze ins untere Mittelfeld abrutschten. In den letzten drei Jahrzehnten vergrößerte einzig die Regierung des ermordeten Ministerpräsidenten Yitzchak Rabin das Budget des Erziehungsministeriums.

Unter den diversen Likud-Regierungen löste sich Israels von den osteuropäischen Gründervätern sozialistisch ausgerichtete Wirtschaft aus der Umklammerung des Staates. Der große Liberalisierungsschub Ende der Siebziger- und zu Beginn der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts unter dem ökonomischen Grünschnabel Menachem Begin und dem populistischen Finanzminister Yoram Aridor resultierte in einer Rekord-Inflationsrate von 450 Prozent. Die Israelis bekämpften sie mit dem Wechsel der Landeswährung, erst von der Lira zum Shekel, dann zum noch heute gültigen Neuen Shekel.

Benjamin Netanyahu – zuerst als Ministerpräsident und vor allem zuletzt als Finanzminister – intensivierte nicht nur die Privatisierung ganzer Wirtschaftszweige, sondern führte auch eine streng neoliberale Wirtschaftsordnung ein. Unter deren negativen sozialen Auswirkungen leiden heute noch vor allem Rentenempfänger, andererseits sank dank seiner Bemühungen die Arbeitslosenrate gewaltig: von ihrem Höchststand 1992 von 11,2 Prozent auf 6,5 Prozent in diesem Februar. Die Zahl der Arbeitskräfte stieg von 631 000 im Jahre 1955 – nach Abschluss der großen Integrationswelle – auf heute 2,9 Millionen.

Mit Hightech und dem Pharmakonzern Teva erklärt sich die rasante Zunahme der Exporte seit 2003 auf 46,3 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr. 1950 waren es 35 Millionen Dollar.

Wie groß die Dynamik ist, aber auch der Ehrgeiz, zeigt symptomatisch die Reaktion auf die Quartalszahlen von Teva in der vergangenen Woche. Die Umsatzsteigerung von „nur“ 24 Prozent gegenüber dem vorjährigen Vergleichsquartal auf 2,6 Milliarden Dollar soll einige Experten geradezu enttäuscht haben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben