Hildegard Müller, Energieverband : "Klimaschutz verteuert den Strom"

Hildegard Müller, Geschäftsführerin des Energie- und Wasserverbandes, über steigende Strompreise, die Rolle der Erneuerbaren und längere AKW-Laufzeiten

Alfons Freese
Hildegard Müller
Hildegard Müller, Geschäftsführerin des Energie- und Wasserverbandes. -Foto: Rückeis

Frau Müller, wer liefert Ihnen den Strom nach Hause?

Ich lebe an unterschiedlichen Orten und habe darum verschiedene Lieferanten.

Und wie sind die Preise dieser Lieferanten?

Unterschiedlich. Es gibt ja inzwischen auch erhebliche Differenzierungen bei den Stromprodukten.

Verstehen Sie die Preisgestaltung?

Ich weiß ziemlich genau, wie sich Preise bilden. Die Beschaffungskosten und die Einkaufsstrategie des Versorgers sind ein Faktor. Ferner die Nutzungsentgelte für die Netze, die regional unterschiedlich sind. Schließlich spielen bei den Steuern und Abgaben auch die erneuerbaren Energien eine Rolle.

Viele Stromanbieter rechtfertigen die jüngste Preiserhöhung mit den Kosten für erneuerbare Energien. Stimmt das?

Das ist einer von mehreren Faktoren. Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist richtig und wichtig. Mehr als 1000 Unternehmen in unserem Verband sind auf diesem Feld aktiv. Der Erfolg des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG) wirkt sich aber auf den Preis aus. Das muss offen gesagt werden können. Bei der EEG-Umlage steigen die Kosten an. Ein Haushalt wird dafür ab 2010 statt bisher 3,50 Euro fast sechs Euro im Monat bezahlen. Dazu kommen noch die teilweise sehr unterschiedlichen Netzgebühren. Auch sie hängen unter anderem mit den Erneuerbaren zusammen. Es sind erhebliche Investitionen erforderlich, um Regenerative an die Netze anzuschließen. Alles in allem ergibt sich der Preis also aus verschiedenen Faktoren, mit einem zunehmenden Gewicht der Erneuerbaren.

Anfang des Jahres haben Sie geglaubt, zum Jahresende könnte es Preissenkungen geben. Nun passiert das Gegenteil.

Der Markt hat sich seitdem verändert. Das Bild ist uneinheitlich: Von den 1100 Stromversorgern erhöhen zum Jahreswechsel rund 100 die Preise. Die meisten halten die Preise aber stabil, ein anderer Teil reduziert auch. Diese Unternehmen haben womöglich zu anderen Zeiten an der Strombörse eingekauft oder andere Netzgebühren. Eine weiterer Punkt hängt mit der Krise zusammen: Die Stromnachfrage geht insgesamt zurück, dadurch steigt der Anteil der erneuerbaren Energien. Und da EEG-Strom teurer ist, steigen die Durchschnittspreise.

Der Ruf der Branche ist angeschlagen: Abzocker, die ihre Marktmacht nutzen, Umweltverschmutzer, unfähige AKW-Betreiber. Kommt die Energiebranche gar nicht mehr aus diesem Imageloch?

Preisdiskussionen sind immer schwierig. Aber die Branche wird noch offener und präziser die Zusammenhänge erläutern. Ich wünsche mir zum Beispiel, dass die Politik und die Öffentlichkeit das Thema Erneuerbare ein bisschen mehr mitverantworten. Jetzt macht sich mancher einen schlanken Fuß, wenn er sagt, die Erneuerbaren spielten keine Rolle bei der Preisbildung. Dabei hatte das EEG das Ziel, die Entwicklung der Erneuerbaren als Beitrag zum Klimaschutz voranzutreiben, was den Strom natürlich verteuert.

Sie erwarten nicht, dass die Erneuerbaren im Jahr 2050 den Strombedarf komplett decken. Warum so skeptisch?

Die Energiewirtschaft glaubt, dass bis 2020 ein Anteil der Erneuerbaren von 30 Prozent erreichbar ist. Und 2050 wollen wir eine kohlenstoffneutrale Stromerzeugung haben. Doch es muss klar sein: Allein mit Erneuerbaren werden wir die kommenden Jahre nicht klarkommen. Wir müssen für diese Übergangszeit vernünftig über den Mix konventioneller Energieerzeugung reden. Aber dieses Land führt bedauerlicherweise keine sachliche und offene Diskussion darüber, wie es mit Kohle-, Gas- und Kernenergie im Ergänzungsmix zu den Erneuerbaren aussieht.

Dann versuchen wir das mal: Die Kohle hat keine Perspektive ohne die CO2-Abscheidung, aber das dafür erforderliche Gesetz bekommt die Politik nicht hin. Und die Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke gibt der Kohle den Rest.

Natürlich ist CCS – also die CO2-Abscheidung und -Speicherung – für die Kohle ein wichtiges Thema. Nicht nur für unsere heimischen Kraftwerke. Als jemand, der standortpolitisch denkt, hätte ich es gerne, dass die Technologie hier im Land mit entwickelt und dann international eingesetzt wird. Weltweit wird die Kohleverstromung zunehmen – und neue Technologien wie die Kohlenstoffabscheidung sind unverzichtbar.

Kommen wir in Deutschland in 20 Jahren ohne Kohle klar?

Braun- und Steinkohle haben derzeit einen Anteil von 42 Prozent an der Stromerzeugung. Und dieser Anteil wird nur langsam geringer werden – unabhängig von der Zukunft der Kernenergie. Es gibt einen erheblichen Erneuerungs- und Modernisierungsbedarf bei Kohlekraftwerken, die im Schnitt 30 Jahre alt und älter sind. Dieser Bedarf kann wegen der langwierigen Genehmigungsverfahren und der Widerstände in der Bevölkerung nur schwer abgearbeitet werden. Die Infrastrukturskepsis ist erheblich. So gibt es inzwischen übrigens auch große Probleme mit Bürgerinitiativen, wenn es darum geht, den Windstrom vom Norden in die Mitte Deutschlands zu transportieren und dafür entsprechende Netzleitungen zu bauen. Der weitere Ausbau der Erneuerbaren funktioniert aber nur, wenn wir erheblich in Netze investieren können.

Wie erklären Sie die Widerstände?

Wir haben in Deutschland ein so hohes Versorgungsniveau und eine so zuverlässige Energieversorgung, dass dem Einzelnen nicht mehr deutlich wird, was wir dafür tun müssen.

Es geht um Akzeptanz. RWE hat sich darum nicht sehr bemüht, als der Konzern in Schleswig-Holstein erste Untersuchungen für CO2-Speicher durchführte. Dann ist die Politik aufgeschreckt und hat das CCS-Gesetz zurückgezogen. Wie geht es weiter?

Energiepolitik kann man nicht aus der Perspektive nur eines Bundeslandes heraus machen, hier braucht es den gesamtstaatlichen Zusammenhang. Wir werden künftig viel mehr Energieversorgung dezentral haben, auch direkt in den privaten Haushalten. Aber wenn wir ein Industrieland bleiben wollen, dann brauchen wir den nationalen Zusammenhalt. In Nordrhein-Westfalen haben die Menschen über Jahrhunderte von der Energie gelebt, aber auch einen Preis dafür gezahlt, zum Beispiel durch Umsiedlungen. Und wenn Länder geografische Besonderheiten haben, dann muss man die mit in die energiepolitischen Überlegungen einbeziehen.

Und was wird nun aus dem CCS-Gesetz?

Wir hoffen, dass dieses Gesetz baldmöglichst von der Politik verabschiedet wird.

Dann sind wir mindestens 15 Monate später dran als gedacht…

Wir bedauern das sehr. Wichtig ist, dass die Bundesregierung so schnell wie möglich ihre Vorstellungen zu CCS äußert. Und natürlich wäre es besser, wenn wir vor dem beabsichtigten Energiekonzept im Oktober 2010 ein Gesetz hätten.

Wer verhandelt eigentlich über die Laufzeiten der Atomkraftwerke, machen Sie das?

Nein, das machen die Unternehmen. Die haben ja damals auch die Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Energieversorgern zum Ausstieg geschlossen. Wir als Verband sprechen uns aus volks- und gesamtwirtschaftlichen Gründen für eine Laufzeitverlängerung aus. Die Vereinbarungen über eine Laufzeitverlängerung sollten dabei wettbewerbsneutral sein und allen Unternehmen der Branche zugute kommen.

Bedarf es da nicht einer Moderatorin?

Dafür ist es zu früh. Wir kennen noch gar nicht die Erwartungshaltung der Politik.

Wann werden wir wissen, welche AKW wie lange laufen?

Ich denke, dass dies spätestens im angekündigten Energiekonzept geregelt wird.

Frau Müller, als Sie vor gut einem Jahr vom Kanzleramt zum Verband wechselten, gab es reichlich Geraune: Wie kommt die junge Frau mit den alten Herren in den Konzernen klar? Wie war das erste Jahr?

Wer aus der Politik kommt, hat die Erfahrung gemacht, dass es Bereiche gibt, in denen Frauen nicht in der Mehrheit sind. Ich habe hier offene Strukturen vorgefunden. Im Verband haben wir einen hohen Frauenanteil, bei Führungskräften mehr als 25 Prozent. Die Themen sind spannend, und ich habe meinen Wechsel nicht bereut.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

KARRIERE

Hildegard Müller (42) absolvierte eine kaufmännische Ausbildung bei der Dresdner Bank und studierte anschließend BWL. Später arbeitete sie wieder bei der Bank und machte Karriere in der CDU. Mit 15 Jahren war Müller in die Junge Union eingetreten, 1998 wurde sie Vorsitzende der Jugendorganisation. 2002 wurde sie in den Bundestag gewählt, 2005 wechselte sie als Staatsministerin zu Angela Merkel ins Kanzleramt. Seit Oktober 2008 ist Müller Hauptgeschäftsführerin des Energieverbandes.

VERBAND

Im Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sind 1800 Unternehmen der Energie- und Wasserwirtschaft organisiert. Der BDEW wurde im Herbst 2007 von fünf Einzelverbänden gegründet und hat seinen Sitz in Berlin, wo rund 180 Mitarbeiter für den Verband arbeiten.

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