Wirtschaft : Hilflos, hungrig und ziemlich verzweifelt Mitarbeiter besetzen Ausbesserungswerk der Bahn in Opladen

Corinna Visser

Kurz vor acht kommt wieder ein Rettungswagen. Er holt an diesem Morgen erneut zwei entkräftete Männer vor dem Werkstor des Bahnausbesserungswerkes Opladen ab. Nach 14 Tagen Hungerstreik sind der 33- und der 43-Jährige so schwach, dass sie in die Intensivstation gebracht werden müssen. Zwei Kollegen waren schon vor ihnen dort. Doch die anderen 20 Eisenbahner wollen weiter hungern. Sie haben sich an das Werkstor angekettet. Sie sitzen auf Gartenstühlen oder liegen auf Feldbetten in zwei Zelten vor dem Kasino des Werkes. Nach der Hitze der vergangenen Tage machen den Erschöpften nun Kälte und Regen zu schaffen. Aber sie wollen weiter hungern – bis auch sie nicht mehr können oder die Deutsche Bahn nachgibt.

Die Mitarbeiter des Bahnausbesserungswerkes im Leverkusener Stadtteil Opladen kämpfen für den Erhalt ihres Werkes. Seit 100 Jahren werden hier Lokomotiven auseinander geschraubt, erneuert und wieder zusammengesetzt. Zu den besten Zeiten haben einmal mehr als 2000 Menschen in dem Werk gearbeitet, heute sind es noch 420. Ende 2003 sollen es null sein, dann will die Bahn den Standort Opladen schließen.

Seit 6.30 Uhr am Donnerstagmorgen ist das Werk besetzt. Die Belegschaft hat die Tore mit Eisenketten versperrt. Niemand kommt mehr hinein. „Die Mitarbeiter wollen ihre Kollegen im Hungerstreik unterstützen“, sagt Kuno Dreschmann von der Gewerkschaft Transnet und Betriebsratschef. Sie seien enttäuscht, dass der Aufsichtsrat der Bahn am Mittwoch den Entschluss zur Schließung des Werkes noch einmal bestätigt hat. Dabei gebe es Rettung für das Werk, sagt Dreschmann. Sein Konzept hat er der Bahn bereits präsentiert: Das Land Nordrhein-Westfalen würde bei einem tragfähigen Konzept den Investor mit einer Landesbürgschaft unterstützen. Die Stadt Leverkusen ist bereit, die Grundstücke von der Bahn zu kaufen und zur Verfügung zu stellen. Auch die Banken spielen mit. Und das Wichtigste: „Wir haben zwei Investoren mit internationaler Erfahrung im Bahngewerbe“, sagt Dreschmann. Namen will er jedoch nicht nennen. Denn Einsteigen wollen die Investoren offenbar nur, wenn die Bahn in den kommenden fünf Jahren zwei Prozent ihrer Gesamtinstandhaltung in Opladen machen lässt.

„Das ist nicht erfüllbar. Wir haben keine Arbeit für Opladen“, sagt eine Sprecherin der Bahn. Würde Opladen die Aufträge bekommen, fielen sie an anderer Stelle weg. „Das würde den Abbau von 180 Arbeitsplätzen in Dessau bedeuten.“ Im Sommer 2001 hat die Bahn ein Sanierungskonzept für alle Werke der Instandhaltung aufgestellt, „um Überkapazitäten abzubauen“. Ergebnis: Acht Werke werden geschlossen, darunter Opladen. Für die Bahn habe dabei immer das Prinzip gegolten: „Verkauf geht vor Schließung“, sagt die Sprecherin. Unter anderem sei mit dem Bahntechnikunternehmen Bombardier verhandelt worden. Aber alle Bemühungen, einen Investor zu finden, seien gescheitert.

Die Mitarbeiter kämpfen weiter verzweifelt um den Standort. Dabei hat die Bahn allen 420 Beschäftigten eine neue Arbeit versprochen. 255 konkrete Jobs hat sie benannt. Weitere sollen folgen. Doch es sind eben keine Jobs in Opladen und „im schlimmsten Fall soll ein Industriemeister als Gartenarbeiter eingesetzt werden“, sagt Reinhard Buchhorn, Referent des Leverkusener Oberbürgermeisters. „Die ganze Stadt identifiziert sich mit den Streikenden.“ Noch ist die Bahn einer der wichtigsten Arbeitgeber vor Ort. „Wenn das Werk schließt, gibt es hier ein schwarzes Loch“, sagt Dreschmann.

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