Wirtschaft : Hindi-Pop für finnische Gastarbeiter

Die Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Indien liegt im Trend – die Reiseagentur Ebookers treibt es auf die Spitze

Kevin J. Delaney

Immer mehr Branchen verlagern einen Teil ihrer Tätigkeiten in die Entwicklungsländer. Ein britisches Reisebüro treibt diesen Trend zum Outsourcing jedoch auf die Spitze. Schon lange lagert die in London ansässige Agentur Ebookers ihre Call-Center-Arbeitsplätze in Richtung Indien aus. Doch seit Juli letzten Jahres werden die passenden Arbeitskräfte gleich mit dorthin befördert. Dort beantworten die nach Asien abgeordneten Europäer Telefongespräche oder E-Mails und nehmen dafür herbe Einschnitte bei der Bezahlung hin. Mehr als 50 Abenteuerlustige unter anderem aus Finnland, Norwegen und Deutschland sind dem Ruf bereits gefolgt.

Mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen haben viele Industrienationen zu kämpfen. Nicht nur die Serviceindustrie in den USA oder Europa sieht sich vor völlig neuen Herausforderungen, auch die Politik steht zunehmend hilflos vor dem Phänomen, das in den Industrieländern massenweise Arbeitskräfte bedroht. Indien dagegen verzeichnete allein von März 2002 bis März 2003 einen 26-prozentigen Zuwachs beim Export von Software und Dienstleistungen.

Der Weg von Ebookers könnte auch für andere Großunternehmen interessant sein. Vielfach scheiterte eine groß angelegte Ausgliederung von Arbeitsplätzen an den Sprachbarrieren im Ausland. Während Englisch in Indien und auf den Philippinen weit verbreitet ist, erwiesen sich die Sprachen kleinerer europäischer Länder als Hindernis.

„Erfahrungen für das Leben“

Im Fall der Online-Reiseagentur war es Tera Komulainen, die 52-jährige Skandinavien-Chefin, die auf die Idee kam, Europäer aus Kostengründen im Ausland arbeiten zu lassen. Genau wie es die britische Ebookers-Sparte vorgemacht hatte, sollten durch die Arbeitsverlagerung auf die indische Tochterfirma Tecnovate E-Solutions Ausgaben eingespart werden. Der Haken: Kaum jemand in Indien spricht Finnisch, Norwegisch oder Schwedisch. So sammelten sich in einigen nordeuropäischen Berufsschulen des Reisegewerbes bald verlockende Aushänge, auf denen die Auslandsarbeit mit „einer Erfahrung für das Leben“ angepriesen wurde.

Obwohl die für den Einsatz gewonnenen Europäer in Neu-Delhi mit Widrigkeiten wie Magenverstimmungen und häufigen Stromausfällen zu rechnen haben, scheint sie dies nicht abzuhalten. Die Call-Center-Mitarbeiter starten, ebenso wie ihre Kollegen aus Indien, bei einem Einstiegsgehalt von etwa 6000 Dollar im Jahr. Außerdem stellt ihnen das Unternehmen eine Unterkunft. „Über die Bezahlung habe ich mir eigentlich keine Gedanken gemacht“, sagt die 27-jährige Sanna Nevalainen aus Finnland, die für acht Monate in Indien arbeitete.

Den europäischen Interessenten verkauft Ebookers die Asien-Jobs als Möglichkeit, etwas von der Welt zu sehen. Was die Angestellten bei ihrem Einsatz dann vor allem zu sehen bekommen, sind Computerbildschirme, auf denen sie für europäische Kunden nach Flügen suchen. Ihr Arbeitstag ist um einige Stunden zeitversetzt, damit man im Gleichklang mit den Geschäftszeiten in Europa liegt. Gäbe es nicht hin und wieder das Flackern der Bürobeleuchtung und die zahlreichen asiatischen Kollegen, sagen die Europäer, würden sie kaum merken, dass sie nicht in ihrem Heimatland arbeiten. An den Wochenenden reisen sie durch das Land oder vertreiben sich die Zeit bei Hindi-Pop in den Diskos von Neu-Delhi. „Anders als hier kann das Leben in Finnland sehr langweilig sein“, sagt Anne-Maarit Laitinen, 26 Jahre alt und Teamleiterin der Finnen. Trotz der niedrigen Löhne kämen sie gut über die Runden, weil die Kosten in Indien sehr gering sind.

Das Reisebüro Ebookers ist an der Londoner Börse und an der Nasdaq notiert und erreichte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 450 Millionen Dollar. Wie groß genau der Kostenvorteil durch die Arbeitsverlagerung ist, wird nicht bekannt gegeben. Doch auch trotz aller Zusatzkosten, etwa für Flugtickets und den täglichen Arbeitsweg der Mitarbeiter, brächte das Modell deutliche Einsparungen, sagt das Unternehmen. Prashant Sahni, der Leiter der Neu-Delhi-Abteilung, schätzt, dass sich die Bezüge der Angestellten nur auf ein Fünftel bis ein Viertel des in Europa üblichen Lohns belaufen. Zahlen in dieser Größenordnung werden auch von anderen Unternehmen genannt, die Arbeit nach Indien verlagern. So gibt der deutsche Softwareproduzent SAP an, dass die Entwicklungskosten für Software in Indien gerade einmal 17 Prozent der in den USA anfallenden Kosten ausmachen. „Ebookers schlägt beträchtlichen Gewinn aus dem Programm“, meint Sahni. „Hier arbeiten die gleichen Leute, die man auch in Europa angestellt hätte.“

Die neue Form der Mitarbeiter-Verschickung mag populärer werden. Doch sie wird nie das Maß des konventionellen Outsourcings erreichen, mit dem ganze Forschungsaufträge oder englischsprachige Kundendienste aus Nordamerika und Großbritannien nach Indien verlagert werden. Auch verweisen Experten darauf, dass sich hoch qualifizierte westliche Fachkräfte nicht für die asiatischen Dumpinglöhne versetzen lassen. „Ich wäre bei diesem Experiment sehr vorsichtig“, sagt Jaswinder Ghumman, Chef der Indien-Sparte bei der US-Firma Convergys, die in indischen Call-Centern 5700 einheimische Mitarbeiter angeheuert hat.

Trotzdem scheint Ebookers in eine gewinnträchtige Nische gestoßen zu sein. Schon im kommenden Monat macht sich eine neue Gruppe von Spaniern und Holländern auf den Weg nach Neu-Delhi. Und wenn das Unternehmen im Herbst seine dänische Reisesparte eröffnet, gehen sämtliche Anrufe aus dem Land bei den dänischen Mitarbeitern in Indien ein.

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