Historische Zinssenkung : Kampf der Rezession

Die Europäische Zentralbank sieht 2009 negativ und senkt den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte - so drastisch wie noch nie. Manche finden dennoch, dass sie nicht beherzt genug handelt.

Stefan Kaiser

Berlin/Brüssel - Mit einer historischen Zinssenkung kämpft die Europäische Zentralbank (EZB) gegen den Abschwung der Wirtschaft. Die Notenbank senkte den Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken bei ihr Geld leihen können, am Donnerstag um 0,75 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent. Üblich waren seit Einführung des Euro bislang Zinsschritte von 0,25 oder maximal 0,5 Prozentpunkten.

Noch drastischer gingen die Notenbanken in Schweden und Großbritannien vor, die nicht zu den Euro-Ländern gehören. Die Bank von England senkte den Leitzins um einen vollen Prozentpunkt auf zwei Prozent. Das ist das niedrigste Niveau seit mehr als einem halben Jahrhundert. Die schwedische Notenbank ging sogar um 1,75 Prozentpunkte nach unten.

Grund für die drastischen Zinsschritte in Europa ist die Angst vor einer ausgeprägten Rezession. So erwarten die Ökonomen der EZB, dass die Wirtschaft in den 15 Euro-Ländern 2009 um durchschnittlich 0,5 Prozent schrumpfen wird. Damit sind die Notenbanker wesentlich pessimistischer als bisher. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sagte, die Zentralbank rechne wegen des Übergreifens der Finanzmarktkrise auf die Konjunktur für längere Zeit mit einer gedämpften Nachfrage. Er habe zwar Grund zu der Annahme, dass sich die Wirtschaft wieder erholen werde. 2009 werde aber insgesamt negativ gesehen. Trichet hob auch die zuletzt stark gesunkenen Rohstoffpreise hervor, die der Notenbank Spielraum für Zinssenkungen geben, weil sie die Inflationsrate insgesamt senken. Zur weiteren Zinspolitik hielt sich Trichet jedoch bedeckt.

Eine schrumpfende Wirtschaftsleistung spricht für niedrigere Zinsen, weil sich die Banken dann günstiger mit Zentralbankgeld versorgen können und sie in der Regel den Verbrauchern und Firmen günstiger Kredite geben. Dieser Kreislauf ist wegen der Finanzkrise aber gestört. Die Banken halten sich mit der Kreditvergabe an Firmen und andere Banken zurück und verlangen härtere Konditionen. Ökonomen fürchten deshalb, dass Zinssenkungen derzeit nicht so stark wirken wie in normalen Abschwüngen. Ohnehin reagiert die Realwirtschaft in der Regel nur mit deutlicher Verzögerung auf Zinssenkungen. Volkswirt Bernd Weidensteiner von der Commerzbank geht davon aus, dass die jetzige Entscheidung erst Ende 2009 oder Anfang 2010 durchschlägt. Dennoch erwarten Ökonomen 2009 weitere Zinssenkungen. Bis zum Frühjahr könnte der Satz auf unter zwei Prozent sinken. Bundeswirtschaftsminister Michael Gloss (CSU) begrüßte die Zinssenkung als „ein positives und vertrauensförderndes Signal an die Finanzmärkte und an die Wirtschaft“. Die Gewerkschaften halten den Schritt der EZB dagegen für zu zaghaft. „Die Zinssenkung ist sinnvoll, aber sie hätte deutlicher ausfallen müssen“, sagte DGB-Chefvolkswirt Dierk Hirschel. „Die EZB muss schnell weiter runter auf ein Prozent – so wie die US-Notenbank.“ Diese  hatte den Leitzins für die USA zuletzt auf ein Prozent gesenkt und entscheidet in knapp zwei Wochen über den nächsten Schritt.

Die Märkte reagierten enttäuscht auf die Zinssenkung. Die Anleger hatten offenbar einen größeren Schritt erwartet. Zum Börsenschluss notierte der Dax bei 4564 Punkten – 0,1 Prozent im Minus.

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