Wirtschaft : Hitlers willige Autobauer

CHRISTIAN BÖHME

Verstrickt: eine Studie über Volkswagen während der NS-Zeit VON CHRISTIAN BÖHME

Das aufwendige Spektakel dauerte kaum eine Stunde.Doch für die Grundsteinlegung des VW-Werkes im niedersächsischen Fallersleben scheuten die Deutsche Arbeitsfront (DAF) und ihr Leiter Ley weder Kosten noch Mühen.50.000 Menschen sollten am 26.Mai 1938 dem feierlichen Akt einen pompösen Rahmen geben.Um punkt 13 Uhr 25 huldigten die Ehrenkompanien der Wehrmacht und der Partei dem "Führer".Der beschwor in seiner Ansprache seinen Traum von einer Volksmotorisierung und eines Autos für jedermann.Dann schritt Hitler zur Grundsteinlegung für die "größte europäische Erzeugnisstätte auf dem Gebiet der Motortechnik", drehte rasch noch eine kleine Ehrenrunde mit einem Prototyp des "Kraft durch Freude-Wagens" und kehrte zum Bahnhof zurück. Mit dieser Propagandashow am Himmelfahrtstag begann die sichtbare Geschichte von VW.Aber die ersten Jahre waren alles andere als ein Ruhmesblatt.Denn eng waren das Volkswagenwerk und seine Leitung um den Konstrukteur Ferdinand Porsche mit dem Unrechtsregime des Dritten Reiches verstrickt.Wie eng, das macht eine Studie des Zeithistorikers Hans Mommsen deutlich.Gemeinsam mit anderen Forschern hat er im Auftrag des Wolfburger Konzerns zehn Jahre lang an einem Buch über die braune Vergangenheit des späteren Wirtschaftswunders gearbeitet (Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich.Econ Verlag, Düsseldorf 1996.1049 Seiten, 78 DM).Am heutigen Mittwoch wird die voluminöse Untersuchung in Bonn vorgestellt.Auf über 1000 Seiten haben der Bochumer Professor und seine Mitarbeiter akribisch die düstere Geschichte des Automobil- und Rüstungsherstellers zwischen 1933 und 1948 nachgezeichnet.Eine erschreckende Lektüre: Um die "Lieblingsidee des Führers" und damit auch den eigenen Traum Wirklichkeit werden zu lassen, war den VW-Machern jedes Mittel recht - persönliche Kontakte zu Himmler und Hitler ebenso wie der brutale Einsatz von Kriegsgefanenen, Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen für die Produktion. Autofan Hitler hatte wohl entscheidend Anteil daran, daß die Kontruktionspläne Porsches nicht in den Aktenschränken vergilbten.Denn an Widerständen mangelte es nicht.Vor allem beim Reichsverband der deutschen Autoindustrie stieß das Projekt auf wenig Gegenliebe.Die Konzernchefs hielten ein Fahrzeug zum Preis von etwa 1000 Reichsmark einfach für nicht machbar.Bei jeder Gelegenheit warnten sie vor einem finanziellen Fiasko.Die Zusammenarbeit mit Porsche gestaltete sich dementsprechend schwierig.Doch der bekannte Autobauer wußte geschickt das Kompetenzchaos des Dritten Reiches und seine Kontakte zu nutzen.Dennoch drohte das Vorhaben 1936 an den hohen Kosten zu scheitern.Dann entdeckte die DAF den KdF-Wagen für sich und sagte die Finanzierung zu.Das allerdings änderte nichts daran, daß es mit dem VW-Projekt nicht voranging. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffte schon in dieser Anfangszeit eine große Lücke.Ständig mußte improvisiert werden, oft gab es Leerlauf.Kein Wunder.Der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches fehlte es an Devisen, Maschinen, Baumaterialien und nicht zuletzt an Arbeitskräften.Der Fabrikbau stockte ebenso wie die Errichtung der KdF-Stadt.Die Serienproduktion der Volkswagen rückte folglich zunehmend in den Hintergrund.Stattdessen entwickelte sich VW zu einem großen Rüstungsunternehmen.Darin sahen die VW-Verantwortlichen den einzigen Weg, um an Geld, Rohstoffe und vor allem Arbeitskräfte heranzukommen.So gab es Ende 1940 auch keine Skrupel, die Arbeitskraft von KZ-Häftlingen, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen im Interesse des Betriebes auszubeuten. Mommsen hat gut daran getan, in seiner Studie der Zwangsarbeit bei VW breiten Raum zu geben.Einige Nachkriegslegenden kann er am Beispiel Volkswagen widerlegen.So haben deutsche Industrieunternehmen den Einsatz von Zwangsarbeitern mit dem Argument verteidigt, die Menschen seien ihnen von der SS aufgezwungen worden.Doch Volkswagen und andere Betriebe haben selbst die Initiative ergriffen.VW-Mitarbeiter zum Beispiel waren in Auschwitz und wählten die Arbeitskräfte unter den Gefangenen aus.Als Himmler im Frühjahr 1941 vorschlug, auf dem Betriebsgelände bei Fallersleben ein KZ zu errichten, gab es keinen Widerspruch bei der Unternehmensleitung.Stets spielte VW bei der Zwangsarbeit eine Art Vorreiterrolle, sei es bei der Ausbeutung von deutschen Militärstrafgefangenen, russischen Kriegefangenen oder "Ostarbeitern". Zumeist lebten die VW-Arbeitssklaven streng abgeschirmt von der übrigen Belegschaft in abgetrennten Baracken.Die hygienischen Bedingungen waren ebenso kläglich wie die Verpflegung.Die Gefangenen mußten Diskriminierungen und Repressalien über sich ergehen lassen.Verstöße gegen die Betriebsordnung, mangelnde Arbeitsleistung oder gar Sabotage wurden vom Werkschutz mit brutaler Gewalt bestraft.Und der werkseigene Strafbunker diente den Wachleuten als Prügelstätte. Natürlich wußte die Werksleitung, daß bei VW Menschen geschunden und mißhandelt wurden, daß Zwangsarbeiter auf dem Wolfsburger Ausländerfriedhof beerdigt wurden, die man willkürlich erschossen hatte oder denen medizinische Versorgung vorenthalten worden war.All das haben aber die Macher um des Erfolges willen in Kauf genommen.Auf eine individuelle Entschädigung für die Qualen müssen die noch lebenden einstigen Zwangsarbeiter dennoch warten. Als der Historiker Mommsen vor fünf Jahren einen Zwischenbericht vorlegte, konnte sich die Unternehmensführung nur dazu durchringen, eine "überindividuelle Entschädigung" in Höhe von 12 Millionen Mark bereitzustellen.Jugendbegegnungen wurden von dem Geld ebenso gefördert wie der Bau von Altersheimen.Andere deutsche Betriebe, die Zwangsarbeiter beschäftigten, verfuhren ähnlich.Daß sich VW noch eines Besseren besinnt und die Arbeitssklaven von einst doch entschädigt, ist wohl nicht zu erwarten.Dabei könnten die Wolfsburger hier mit guten Beispiel vorangehen.

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