Wirtschaft : „Hobby-Aktionäre mit großer Klappe“ Kritik an Anlegerschützern nach Karstadt-Krise

H. Jahberg/H. Mortsiefer

Berlin – Aktionärsschützer mussten in den vergangenen Tagen reichlich Nerven lassen. Caterina Steeg etwa vom Verein zur Förderung der Aktionärsdemokratie (VfA). Sie hatte es gewagt, aus Protest gegen die Kapitalerhöhung bei Karstadt-Quelle Widerspruch einzulegen und hatte dafür anonyme Drohanrufe kassiert. Auch ihr Kollege Ulrich Hocker steht jetzt in der Schusslinie – weil er zu wenig widersprach. Als Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sitzt er im Aufsichtsrat des angeschlagenen Handelskonzerns und kassiert dafür Spott aus der eigenen Branche. Die DSW sei „der schlimmste Laden von allen“, poltert der Betriebswirtschaftsprofessor Eckehard Wenger, der wiederum Mitinitiator der Aktionärsdemokraten ist. Die Karstadt-Krise könnte sich nun also auch zu einer Krise für die Aktionärsschützer entwickeln.

Kritik hagelt es von allen Seiten. „Da sind unglaublich viele Amateure am Werk“, heißt es bei einem großen Investmentfonds. „Hobby-Aktionäre mit großer Klappe, die viel Schaum schlagen“, lautet das vernichtende Urteil eines Finanzmanagers. In der Öffentlichkeit würden die Aktionärsvertreter zwar als „die Guten“ wahrgenommen, weil sie oft ehrenamtlich tätig seien. „Tatsächlich sind aber einige eng mit Aufsichtsräten und Vorständen verbunden“, kritisieren Fondsvertreter hinter vorgehaltener Hand. Interessenkollisionen gibt es nach Meinung von Kritikern auch wegen der häufigen Doppelfunktion als Aktionärsvertreter und Anwalt. „Da werden öfter als nötig Auseinandersetzungen auf juristischem Weg ausgetragen“, meint Rolf Drees von Union Investment.

Neben kleineren Vereinigungen teilen sich vor allem zwei Anbieter den Aktionärsschutz. Die DSW, Deutschlands größte Schutzvereinigung, arbeitet mit hauptberuflichen Geschäftsführern und vereint viele Anwälte in ihren Reihen. In 23 Aufsichtsräten sind DSW-Mitglieder vertreten. Demgegenüber arbeitet die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) fast ausschließlich mit ehrenamtlichen Kräften. Nur 75 Euro Aufwandsentschädigung gibt es, wenn die SdK-Sprecher eine Hauptversammlung besuchen. In Aufsichtsräten trifft man SdK-Sprecher so gut wie nie. Und: „Ein Mandat habe ich aus meiner SdK-Tätigkeit niemals gezogen“, betont Rechtsanwalt und SdK-Vorstandsmitglied Harald Petersen.

Bei der Konkurrenz von der DSW sieht man das nicht so streng. So sitzt DSW-Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker nicht nur bei Karstadt-Quelle im Aufsichtsrat, sondern auch bei fünf weiteren Unternehmen, darunter Gildemeister und Thyssen-Krupp Steel. „Es ist wichtig, dass wir eine Stimme in den Aufsichtsräten haben“, sagt Hocker, der nach eigener Auskunft große Teile seines Jahresgehalts mit Aufsichtsratsvergütungen bestreitet.

Im Karstadt-Fall kritisierte Hocker den Konzern-Vorstand nicht selbst, sondern überließ dies seiner Kollegin Jella Benner-Heinacher. Sie sparte zwar nicht mit Attacken gegen den Aufsichtsrat. In der öffentlichen Debatte fiel die DSW-Kritik hingegen vergleichsweise milde aus. Auch am Widerspruch der Kleinaktionäre beteiligte sich der Verein nicht. An die Niederlegung seines Mandats hat Hocker nie gedacht: „Das wäre als Zeichen dafür gewertet worden, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.“ SdK-Vorstand Petersen warnt dagegen: „Man darf sich nicht an die Macht gewöhnen.“

Manchmal aber ist das noch das geringere Problem. Richtig schwierig wird es für Aktionärsschützer, wenn sie sich mit den Mächtigen anlegen. „Die Firmen versuchen, schwierige Sprecher loszuwerden“, sagt Anneliese Hieke. Vor einigen Jahren hat sie als SdK-Sprecherin den Bilanzskandal beim Finanzdienstleister MLP aufgedeckt. „Man wollte mir persönlich was anhängen“, sagt sie. MLP habe einen Detektiv auf sie angesetzt – was das Unternehmen nicht bestätigen mag. Zugleich drohte MLP den Sdk-Vertretern Haftungsklagen in Millionenhöhe an. „Manchmal frage ich mich schon: Warum mache ich das eigentlich?“ sagt SdK-Vorstand Petersen.

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