Wirtschaft : HOCHLEISTUNGS-EUTER

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Rekorde gehören im Kuhstall zum Alltag. Allein im vergangenen Jahr gab eine deutsche Durchschnittskuh 176 Liter Milch mehr als im Vorjahr. Die Milchleistung steigt seit Jahrzehnten kontinuierlich an: In den letzten 40 Jahren stieg die durchschnittliche Produktion pro Kuh nach Angaben von Matthias Gauly vom Institut für Tierzucht der Universität Göttingen in jedem Jahr um etwa 100 Liter. Während in den 60er Jahren Bauern von ihren Kühen im Schnitt nur 3000 Liter erwarten durften, gaben die Tiere im vergangenen Jahr 6761 Liter Milch.

Dass die Milchbauern die Leistung ihrer Kühe derart steigern konnten, ist das Ergebnis moderner Zuchtverfahren. Seit Jahren dürften sich nach Angaben Gaulys nur die leistungsstärksten Kühe fortpflanzen. Diese Tiere, die selten eine Weide sehen, werden mit Kraftfutter voll gestopft und mit Antibiotika fit gespritzt. Das Spritzen von Sexualhormonen, die dazu führen, dass die Rinder Eiweiß statt Fett einlagern, ist in Deutschland anders als etwa in den USA aber verboten. Mit dieser Art der Massenproduktion versuchen die Bauern, den niedrigen Milchpreis auszugleichen. Der ist im Keller, weil so viel produziert wird.

Die Schmerzgrenze der Tiere ist dabei „längst überschritten“, sagt Wissenschaftler Gauly. Vor allem die der so genannten Hochleistungskühe. Das sind Tiere, die rund 10 000 Liter Milch im Jahr produzieren. Sie machen 15 bis 20 Prozent des Bestandes aus. Für die täglich 45 Liter Milch, die die Tiere im Schnitt erzeugen, müssen sie nach Angaben von Hubert Weiger vom Bund für Umwelt und Naturschutz 550 Liter Blut durch ihre Euter pumpen – mit „dramatischen Folgen“ für ihre Gesundheit. Seit den 60er Jahren sei nicht nur die Milchleistung drastisch angestiegen, sondern gleichzeitig auch die Zahl der Erkrankungen, etwa des Euters oder der Klauen. Sie legten um 600 beziehungsweise 300 Prozent zu. Ein Drittel der Hochleistungskühe leide heute an chronischen Entzündungen. Nach zwei bis drei Jahren seien sie so schwach, dass sie geschlachtet werden müssten. „Das ist nicht artgerecht, im internationalen Vergleich aber noch milde“, sagt Weiger. Schließlich seien in Kanada, wo die Bauern zur Leistungssteigerung Hormone spritzen dürften, Kühe mit 9460 Litern pro Jahr die Regel. Stv

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