Wirtschaft : Hochsaison für die Finanzakrobaten

Eine Bilanz soll die Lage eines Unternehmens objektiv darstellen. Doch es gibt viele Möglichkeiten mit denen Vorstände das Zahlenwerk verschönern können

Dieter Fockenbrock

Führt Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann die Öffentlichkeit hinters Licht? Erst vor wenigen Tagen verkündete er: Sein Haus mache mitten in der schwersten Bankenkrise stolze 3,5 Milliarden Euro Gewinn – doch verdient hat es keinen müden Euro. Ein perfekter Widerspruch, der sich bei genauem Hinsehen allerdings auflösen lässt.

Geld hat die größte Bank Deutschlands nämlich nicht im klassischen Bankgeschäft – mit Kundenkrediten oder Beratung – verdient, sondern mit dem Verkauf von Firmenbeteiligungen. So trennte sich der Branchenprimus vom Reifenhersteller Continental und von Heizungsbauer Buderus. Ackermann hat die Kasse seines Bankenkonzerns mit „außerordentlichen Erträgen“ gefüllt.

Das Beispiel zeigt: Manager rechnen ihre Unternehmen gerne schön, damit die Aktionäre nicht merken, dass die Geschäfte vielleicht gar nicht so gut gelaufen sind. Dem Beispiel Ackermanns werden viele Vorstandskollegen in diesen Wochen folgen. Die Bilanzsaison ist angelaufen, bis in das Frühjahr hinein werden hunderte von börsennotierten Firmen ihre Geschäftszahlen für das vergangene Jahr präsentieren. Und nicht selten werden sie versuchen, den Anlegern möglichst wenig über die wahre Lage zu berichten. Der Aktionär hat es ohnehin schwer, sich durch das Expertendeutsch zu quälen und sich nicht zwischen „Abschreibungen“ und „außerordentlichen Posten“ zu verlieren.

Der Trick mit den Sondereffekten

Fest steht schon jetzt, es wird ein Jahr der „Sondereffekte“ sein, hinter denen sich viele Manager verstecken. Sie werden es zumindest versuchen. Die unerwartet lange Konjunkturflaute und das außerordentlich schlechte Börsenjahr liefert ihnen ausreichend Argumente.

Einige Unternehmen werden nur deshalb Gewinn machen, weil sie sich von Tochtergesellschaften, ungenutzten Immobilen oder anderem Tafelsilber trennen. Oder sie betreiben hochprofitable Nebengeschäfte, mit denen sie ihr eigentliches Kerngeschäft subventionieren. Andere wiederum packen alle außerordentlichen Belastungen in die Bilanz: Dabei schreiben sie vor allem Vermögenswerte radikal ab wie etwa die Deutschen Telekom, die dadurch einen Rekordverlust von mehr als 20 Milliarden Euro ausweist obwohl sie mit der Telekommunikation eigentlich Gewinn einfährt.

Großreinemachen ist vor allem bei Technologiefirmen angesagt, weil in der Euphorie der New-Economy die Marktchancen überschätzt und Rechte, Technik oder Beteiligungen viel zu teuer eingekauft wurden.

Bilanzen zu interpretieren, ist gar nicht so schwer. Einige Grundbegriffe reichen aus, um die wirtschaftliche Lage eines Unternehmens zu verstehen (siehe Kästen auf dieser Seite). Selbst wenn die Bilanzakrobaten schummeln wollen, kann man ihnen auf die Schliche kommen – man muss nur genau lesen. Gern werden Begriffe benutzt, die es offiziell gar nicht gibt. Nettogewinn oder Nettoverschuldung beispielsweise – schon das „Netto“ lässt vermuten, dass hier etwas herausgerechnet worden ist, um die Zahlen zu optimieren. Da hilft nur Nachfragen, was sich tatsächlich hinter der Ertragszahl verbirgt, wie hoch die Gesamtschulden des Unternehmens wirklich sind. Im Geschäftsbericht muss es ohnehin nachzulesen sein.

Ein Restrisiko bleibt

Natürlich gibt es gesetzliche Vorschriften, wie ein Unternehmen was zu bilanzieren hat. Und natürlich halten sich die meisten auch an diese Regeln. Doch die Spielräume (etwa bei der Bewertung von Vermögen) sind groß. Vor allem aber kann kein Gesetz dieser Welt verhindern, dass sich ein Manager verkalkuliert und die Zukunft völlig falsch einschätzt.

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