Wirtschaft : Hochschulreform: Das Diplom kommt mit der Post

Felice Rohwedder,David Wessel

Während ihrer ersten zwei Jahre an der Berliner Humboldt-Universität sprach Katharina Bonzel kein einziges Mal mit einem Professor. Nun ist sie im zehnten Semester - und immer noch auf sich allein gestellt. Keiner verlangt, dass sie Vorlesungen besucht, viele Kurse bringen sie dem Abschluss nicht näher. Wenn sie eines Tages die Prüfung bestanden hat, wird es keine Abschlussfeier geben: Ihr Diplom kommt mit der Post.

An deutschen Universitäten interessiert es kaum jemanden, ob man anwesend ist, sagt die Amerikanistik-Studentin. Die Lehranstalten sind groß und bürokratisch, die Dozenten haben keine Zeit. Immer größer wird die Zahl deutscher Studenten und Wissenschaftler, die ihr Glück fernab der Heimat suchen und in Amerika studieren.

Im 19. Jahrhundert galten deutsche Universitäten noch als Ideal für Amerika. Doch die Studentenrevolte 1968 brachte ein System der Mitbestimmung von Studenten und Professoren mit sich, das jeden Wettbewerb erstickte. "Organisierte Unzuständigkeit" nennt das der Präsident der Technischen Universität Berlin, Hans-Jürgen Ewers. "Für Fehlentscheidungen wird niemand zur Verantwortung gezogen", klagt er.

Universitäre Bildung ist Grundlage für das Wachstum einer Volkswirtschaft, sie sorgt für den Nachwuchs in der Forschung. Doch gegenüber dem amerikanischen Weg mit exklusiven Schulen, die nur Wohlhabenden und Einflussreichen zur Verfügung stehen, sind die Deutschen misstrauisch. Nun sucht das Land händeringend nach Talenten. Bei Ingenieuren und Computerfachleuten fehlt der Nachwuchs. Die Nation, die sich selbst als "Land der Dichter und Denker" bezeichnet, hat mehr Studienabbrecher und weniger Profesoren pro Student als die meisten ihrer Nachbarn. Nur 16 Prozent der Deutschen haben ein Hochschulstudium abgeschlossen, in den USA sind es 33 Prozent, in Großbritannien sogar 35 Prozent.

Im Bildungsbereich gibt es so gut wie keine Privatfinanzierung. Andererseits unterliegen Budgets der Universitäten und Studienpläne einer strengen staatlichen Kontrolle. Viele Absolventen mit Doktortitel verlassen deshalb das Land, allein 14 Prozent aller Promovierten sind in die USA gegangen. Bildungsministerin Edelgard Bulmahn war kürzlich im Studentenclub der Universität Stanford, um Gründe für die Abwanderung zu erforschen. "Deutschland hat einige anständige Einrichtungen, doch die besten gibt es in den USA", sagte der Molekularbiologe Wolfgang Liedke von der New Yorker Rockefeller Universität. Einige wichtige Forschungsfelder fehlen gänzlich, bemängelte Chemiker Reiner Lorenz. Die Professoren werden unabhängig von ihren Verdiensten bezahlt, klagte Christina Ochsenbauer von der Universität Stanford. Die Ministerin versprach Reformen und kündigte die Einführung eines Punktesystems an. Hiermit sollen - wie in Amerika üblich - Studenten während ihres Studiums Punkte sammeln können. Damit entfiele die Angst, nach jahrelangem Lernen durch das Examen zu fallen. Auch ein Studienwechsel wäre einfacher zu regeln, weil bisher erbrachte Leistungen anerkannt werden könnten.

Die Humboldt-Universität hat bereits mit Reformen begonnen. Nach dem Amtsantritt des Präsidenten Jürgen Mlynek vor einem Jahr gab es mit einigen Professoren einen Termin bei der Unternehmensberatung McKinsey & Co. Der dortige Büroleiter Michael Kloss beschreibt das Treffen als "Zusammenprall zweier Kulturen". Gemeinsam wurde ein Zwölf-Punkte-Plan aufgestellt, der ein flexibles Studienprogramm und regelmäßige Bewertungen der Professoren enthält. Zudem will die Universität junge Wissenschafter mit Stipendien anlocken.

Größte Neuerung ist die geplante Schulung des Personals in Sachen Kundenfreundlichkeit. "Der Gedanke, dass der Student Kunde ist, mag nicht mit Humboldts Idee übereinstimmen, wonach die Universität eine breite Allgemeinbildung vermitteln soll", meint Präsident Mlynek, "aber heute müssen wir die Menschen auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Mlynek will Forderungen der Unternehmen nachkommen, indem er mit Drei-Jahres-Programmen die oft sechsjährigen Studiengänge abkürzt.

Doch solche Reformen stoßen auf den Widerstand vieler deutscher Professoren. Leistungsabhängige Bezahlung, meinen sie, solle nur dazu dienen, ihre Bezüge zu kürzen. "Es ist nicht unsere Aufgabe, den Profit zu maximieren", sagt Harmut Schiedermair, Präsident der deutschen Professorenvereinigung. Über eines sind sich Traditionalisten und Reformer immerhin einig: Studiengebühren sollen bis zum ersten Abschluss nicht erhoben werden. Angesichts einer Einkommenssteuer von bis zu 48,5 Prozent meint die Mehrheit, dass der Staat für die Ausbildungskosten aufkommen muss.

Viele versuchen, für die Finanzierung der Universitäten die Wirtschaft ins Spiel zu bringen, die schließich den Nutzen aus einer guten Ausbildung zieht. Einige Lehrstühle werden bereits von Unternehmen gefördert, wenn sie wirtschaftsnah erscheinen. Die Siemens AG finanziert jährlich Projekte im Wert von 100 Millionen Mark. "Wir unterstützen Programme, von denen wir uns etwas erhoffen", sagt der Direktor der Ausbildungsabteilung Kruno Hernaut. Er schränkt jedoch ein: "Wer hingegen in die deutschen Universitäten investiert, wird nie ein Ergebnis sehen, weil das Geld im schwarzen Loch des Finanzministers verschwindet."

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