Hochspannungsleitungen : Wer kauft Stromnetze?

Die Liste der potenziellen Käufer wird angeblich immer länger: Seitdem Eon-Chef Wulf Bernotat im Februar sich zum Verkauf der Hochspannungstransportnetze bereiterklärt hatte, schießen Spekulationen über mögliche Erwerber ins Kraut.

Peter Lessmann[dpa]

Düsseldorf Es ist kein Ende im Streit um den Netzverkauf in Sicht: Die Kandidaten reichen von Finanzinvestoren und Pensionsfonds über den britischen Netzbetreiber National Grid bis zum Münchner Allianz- Konzern. Sogar der russische Energieriese Gasprom und der spanische Baukonzern Acciona, der sich im vergangenen Jahr eine harte Übernahmeschlacht mit Eon um den Stromversorger Endesa geliefert hatte, wurden in Spiel gebraucht.

Doch der Verkaufprozess steht noch nicht einmal am Anfang. Jetzt gibt erst einmal die EU-Kommission die Marschrichtung vor: Es geht dabei nicht nur um Eon und seine Stromnetze, sondern um die gesamte europäische Energiebranche. Brüssel möchte eine strikte Trennung von Stromerzeugung und -verteilung durchsetzen. Ziel sind faire Strom- und Gaspreise, Investitionen in die Netze, Sicherung der Energieversorgung und mehr Chancen für erneuerbare Energie durch zusätzlichen Wettbewerb.

Liberalisierung des Strommarktes bleibt Wunschdenken

Aber nicht nur die Energieriesen rümpfen die Nase über die Pläne der Kommission. Auch in den EU-Mitgliedsstaaten gibt es unterschiedliche Auffassungen über den richtigen Weg. Erst vor wenigen Tagen schmetterte der Industrieausschuss des EU-Parlaments, wenn auch mit knapper Mehrheit, den von Deutschland und Frankreich entwickelten Alternativvorschlag zur Liberalisierung des Strommarktes ab. Dieser sogenannte dritte Weg ist eine abgeschwächte Variante der Trennung von Produktion und Vertrieb. Die Energieminister wollen nun versuchen, im Juni eine politische Einigung erreichen.

Die Bundesregierung will jedenfalls verhindern, dass die Netze in unliebsame ausländische Hände fallen. Insofern wäre die Allianz, spekulierte unlängst die "Financial Times Deutschland", ein willkommener Käufer. Erste Gehversuche im Energiesektor hat der Versicherungskonzern hinter sich: Ende 2007 übernahm der Münchner Konzern von RWE den Windpark Büttel in Schleswig Holstein.

Mehr Wettbewerb gefordert

Am Ende der Debatte könnte eine nationale oder europäische Netzgesellschaft stehen, glaubt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). "Das wäre ein positiver Schritt für mehr Wettbewerb". Zugleich fordert sie eine europäische Regulierungsbehörde, die für alle Länder einheitliche Regelungen schaffe.

Wer die Netzgesellschaften betreiben und in welchen Händen sie liegen könnten, lässt sie offen. Aber eines schließt die DIW- Energieexpertin aus: "Heuschrecken werden wir nicht bekommen". Denn die Netze werfen, seitdem die Bundesnetzagentur sie überwacht und den Unternehmen die Durchleitungsentgelte vorschreibt, nur noch schmale Renditen ab.

Das mag ein weiterer Grund gewesen sein, warum Eon sich doch zum Verkauf entschloss. Experten taxieren die Leitungen auf einen Wert zwischen 1,5 bis zwei Milliarden Euro. Lange Zeit hatte Bernotat diesen Schritt ausgeschlossen. Auch würde ein Verkauf nach seiner Meinung nicht zu mehr Wettbewerb führen. Aber der Manager wollte wegen eines drohenden Kartellverfahrens einer Dauerfehde mit den EU-Wettbewerbshütern aus dem Weg gehen und lenkte ein.

Wird E.ON wirklich Netze abtreten?

Ob neben Eon auch die anderen großen deutschen Energieversorger ihre Netze abtreten, steht in den Sternen: Vattenfall hält sich einen Verkauf weiter offen: "Wir prüfen aus unternehmerischer Sicht alle Optionen". EnBW dagegen lehnt ab: "Das Hochspannungsnetz ist ein zentraler Bestandteil des Geschäftsmodell". Ebenso kompromisslos zeigt sich der Energieriese RWE: "Wir wollen unsere Netze strategisch für unseren Unternehmenserfolg einsetzen", sagte Vorstandschef Jürgen Großmann vor wenigen Tagen.

Aber auch beim RWE-Chef könnte sich bald ein Sinneswandel einstellen - er selbst räumt das ein: Nämlich dann, wenn der Konzern keine Verfügungsgewalt mehr über die Netze habe und diese nur niedrige Renditen brächten, könne sich die Frage neu stellen. Oder die EU-Kommission schwingt, wie im Fall Eon, mit der Keule eines Kartellverfahrens - auch wenn es dafür Großmann zufolge im Moment keine Anzeichen gibt.

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