Wirtschaft : Hoechst bläst der Wind ins Gesicht

URSULA BERNHARD (HB)

Konzernumbau hat bisher keine Früchte getragen / Kritik an Vorstandschef Dormann wird heftigerVON URSULA BERNHARD (HB) FRANKFURT.Nach einer langen Durststrecke hat der Hoechst-Konzern Analysten und Börsenhändler endlich wieder mit positiven Nachrichten versorgt.Die Eckdaten für das vergangene Jahr sind besser ausgefallen als vor kurzem kolportiert.Konzernlenker Jürgen Dormann ist einem neuerlichen Börsengewitter entgangen.Häufig genug in seiner knapp vierjährigen Amtszeit als Vorstandsvorsitzender der Hoechst AG mußte Dormann über unvorhergesehene Rückschläge berichten und geriet daraufhin ins Kreuzfeuer der Kritik.Den Anfang machte ein Gewinneinbruch im vierten Quartal 1996, den der Vorstand nicht rechtzeitig avisiert hatte.Auch der Jahresabschluß 1996 fiel enttäuschend aus.Ein Jahr später, im Herbst 1997, mußte der Vorstand einen in diesem Umfang nicht erwarteten Ergebnisrückgang im Pharmageschäft, dem künftigen Herzstück des Unternehmens, vermelden.Und im Gesamtjahr 1997 blieb Hoechst um fast ein Viertel hinter den eigenen Planungen zurück.Selbst Pessimisten hatten mit dieser schwachen Entwicklung nicht gerechnet.Bleibt noch zu erwähnen, daß der angekündigte Börsengang der Pharmatochter Hoechst Marion Roussel (HMR) im vergangenen Jahr, sehr zur Enttäuschung der Analysten, kurzerhand wieder abgesagt wurde.Der von Dormann angeschobene Transformationsprozeß weg vom Chemiemulti, hin zum auf die sogenannten "Life Sciences" konzentrierten Konzern dauert länger als angenommen.Die Früchte der Umgestaltung konnten noch nicht eingefahren werden.Und so wurde Dormann auch der von ihm selbst provozierten Erwartungshaltung bislang nicht gerecht.Jetzt gibt er öffentlich Fehler zu.Den hochfliegenden Erwartungen hinsichtlich der kurzfristigen Gewinnentwicklung bei Hoechst hätte man viel früher entgegentreten müssen, gestand Dormann ein."Hoechst ist ein Rohrkrepierer", brachte der stark in Hoechst-Aktien engagierte Schweizer Investor Martin Ebner kürzlich seine Enttäuschung auf den Punkt.Kein Wunder, bildete doch Hoechst im vergangenen Jahr an der Börse das Schlußlicht unter den Dax-Werten.Die Anleger müssen sich wohl noch eine Weile gedulden, bis ihnen die Aktie wieder richtig Freude macht.1998 wird wohl noch einmal ein schwieriges Jahr, ebenso 1999.Die Umgestaltung des Konzerns verlangt auch der Belegschaft viel ab.Waren bei Hoechst vor einigen Jahren noch rund 168 000 Leute beschäftigt, sind es derzeit nur noch 120 000, auf 100 000 will man schrumpfen.Als der Vorstand kürzlich ankündigte, in der Pharmaforschung stünden 600 der insgesamt 1800 Stellen zur Disposition, gingen 8000 Beschäftigte in Frankfurt auf die Straße und machten ihrem Unmut Luft.Sie sehen sich als Opfer des von Dormann verfochtenen Shareholder-value-Konzepts.Der Betriebsrat ist inzwischen auf Gegenkurs zum Vorstand gegangen.Auch die Leitenden Angestellten haben sich an den Aufsichtsrat gewandt und massive Vorwürfe gegen den Vorstand erhoben.Sie werfen ihm "bedrohliche Fehlentscheidungen" und ein "völlig realitätsfremdes Anspruchsdenken" vor.Allen Widrigkeiten zum Trotz will Dormann an seinem Konzept festhalten.Der Durchbruch zu besseren Zeiten wird nach seiner Einschätzung im Jahr 2000 gelingen.Dann soll Hoechst Marion Roussel in der Lage sein, neue innovative Produkte mit Blockbuster-Potential, also mit einem jährlichen Mindestumsatzvolumen von 600 Mill.DM, auf den Markt zu bringen.In der Zwischenzeit sollen die chronischen Defizite in der Produktpipeline mit Lizenzerzeugnissen der Konkurrenz überbrückt werden.Die Vorleistungen für den Hoffnungsträger Pharma sind hoch.Für zusammen 15,4 Mrd.DM kaufte Hoechst die US-Gesellschaft Marion Merrell Dow sowie die restlichen Anteile an der französischen Roussel Uclaf.Beide Gesellschaften wurden mit den Hoechst-eigenen Pharmaaktivitäten fusioniert.Zur Sicherung des Nachschubs aus der Forschungspipeline wurden ferner die Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf die Rekordhöhe von 2,3 Mrd.DM (17 Prozent vom Umsatz) hochgefahren.Branchenüblich sind 14 Prozent.Stark investiert wurde auch in das Pflanzenschutzgeschäft, das neben Pharma und Tiermedizin zu den künftigen Kerngeschäften zählt.Der Kauf des niederländisch-belgischen Pflanzen-Biotechnologieunternehmens Plant Genetic Systems erforderte Aufwendungen von 1,1 Mrd.DM.Durch weitere Zukäufe soll die Agrevo GmbH, das 1994 gegründete Joint- Venture von Hoechst und Schering, zu einem integrierten Unternehmen für Pflanzenproduktion entwickelt werden.Nimmt man die Kosten für ein weitgespanntes Netz von Kooperationen und Gemeinschaftsunternehmen auf dem Gebiet der Biotechnologie hinzu, hat Hoechst in den vergangenen gut zwei Jahren rund 17 Mrd.DM, ein Drittel des 96er Jahresumsatzes, in die Erweiterung seiner Life-Sciences-Aktivitäten investiert.Im Gegenzug wurde der Ausstieg aus der industriellen Chemie eingeleitet.Sie soll bis zum Jahr 2000 nur noch etwa 20 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen.

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