Wirtschaft : Höchste Zeit für eine Schock-Therapie

DAVID P.HAMILTON

Die einst so gerühmte Wirtschaft Japans rutscht schnell ins Zwielicht.Die Arbeitslosigkeit steigt auf Rekordniveau, die Produktivität fällt, es gibt immer mehr schlechte Kredite, die Preise fallen und der Yen notiert im Zickzack-Kurs um den seit neun Jahre tiefsten Stand.Was sind nun die dramatischen Schritte, die die politische Führung unternimmt, um auf diese Situation zu reagieren? - Sie plant, sich in den nächsten Wochen viel Zeit zu nehmen, um sich auf die Wahlen am 12.Juli vorzubereiten.Wahlen, die entscheiden, ob die regierende liberal-demokratische Partei eine Mehrheit im relativ machtlosen Oberhaus des Parlament erzielen kann - mehr aber auch nicht.Die Offiziellen aus dem Finanzministerium sind in der Zwischenzeit hauptsächlich damit beschäftigt, sich in eine gute Ausgangsposition zu bringen, die sie bei der nächsten planmäßigen Rotation des Personals auf einen guten Posten bringt.

Außerhalb Japans machen sich Politiker und Wirtschaftswissenschaftler Sorgen, daß die Anhäufung von ökonomischen Problemen das Land an den Rand einer schwerwiegendenen wirtschaftlichen Depression führen könnte.Eine Depression, die Deflation, Zusammenbrüche von Banken und hohe Arbeitslosigkeit mit sich bringen könnte.Solche Befürchtungen finden in Japan wenig Gehör, wo Wohlstand und relative Isolation von der globalen Wirtschaft es der politischen Führung immer wieder erlaubt haben, zu argumentieren, daß es eigentlich gar nicht so schlecht aussehe.

"Wir glauben, daß wir schon dramatische Schritte zur Stabilisierung der Wirtschaft unternommen haben.Wir haben 120 Prozent gegeben", sagt ein Berater des einflußreichen Liberal-Demokraten Taku Yamasaki und bezieht sich dabei auf ein 115 Mrd.Dollar schweres Hilfspaket, von dem die japanische Führung glaubt, daß es die Wirtschaft wieder ankurbeln wird."Was sollen wir denn noch tun?"

"Eine ganze Menge", sagen die Kritiker Japans, von denen viele glauben, daß das Hilfspaket gerade gut genug ist, um Schlimmeres abzuwenden.In fast den ganzen vergangenen sechs Jahren hat Tokio in der Tat 70 Billionen Yen (478,89 Mrd.Dollar) in die Rettung der verkrusteten Wirtschaft gesteckt.Das Ergebnis: Die zweite Rezession in den Neunzigern in einer Volkswirtschaft, von der einige behaupten, es ginge mit ihr zur Zeit schneller abwärts als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt seit Mitte der siebziger Jahre.Die Arbeitslosigkeit in Japan, die infolge der Pleitewelle auf ein Nachkriegshoch von 4,1 Prozent in der konservativen offiziellen Statistik geschossen ist, könnte leicht vor Monatsende mit der amerikanischen Arbeitslosenrate von 4,3 Prozent gleichziehen oder sie sogar noch überholen.Einige Voraussagen sehen die japanische Arbeitslosenrate sogar bis zum Jahresende noch die Fünf-Prozentmarke überschreiten.Betrachtet man europäische Standards, ist das zugegebenermaßen nicht viel, aber vor fünf Jahren lag sie noch bei gerade 2,5 Prozent.Die jetzige Quote ist eine einst unvorstellbare Zahl in einem Land, das lange Zeit lebenslange Beschäftigung garantiert hat und sich dezidiert gegen Entlassungen ausspricht.Die Probleme werden noch vermehrt durch die alternde Bevölkerung und die sich verkleinernde arbeitende Bevölkerung - ein demographischer Trend, der nicht viel Gutes für den japanischen Lebensstandard verspricht.

Sinkende Preise für Konsumgüter bergen das Risiko, daß die japanische Wirtschaft in eine Abwärtsspirale von verminderter Produktion, höherer Arbeitslosigkeit und verminderter Nachfrage rutscht."Bisher hat die Regierung nicht gut reagiert", sagt Yoshio Nakamura, Geschäftsführer bei der großen Kaidanren Wirtschafts-Föderation.Ökonomische Anreize durch die Regierung, sagt er, "haben nur einen begrenzten Effekt auf die japanische Wirtschaft und wenn dieser abgeklungen ist, werden wir wieder Ankurbelungspakete brauchen."

Zudem ist jetzt der japanische Yen unvermittelt zusammengebrochen, er hat in den vergangenen drei Monaten 16 Prozent gegen den US-Dollar und fast die Hälfte seines Wertes gegenüber dem Dollar seit dem Höchststand von 1995 verloren.Der schwache Yen erschüttert Asien und droht eine neue Währungskrise auszulösen.Schlimmer noch für Japan ist es, daß die Währung die wackligen Banken in Japan in noch größere Schwierigkeiten bringt, da sie die Kapitalbasis aushöhlt.Trotz der Bedrohung für die japanische Finanzwirtschaft und dem ungeheuren Druck, mit dem andere Nationen versuchen, Japan dazu zu bewegen, mehr für die eigene Wirtschaft zu tun, hat Japan bisher wenig unternommen außer dem Versuch, einen höheren Wert des Yens herbeizureden.Japans Tatenlosigkeit heizt überall die Sorge an, daß die Probleme die ganze Welt abwärts ziehen könnten, angefangen mit Asien.

Schon jetzt hat Jean-Michel Severino, Experte der Weltbank, davor gewarnt, daß die Rezession in Japan eine "tiefe und lang andauernde Depression" in Asien herbeiführen könnte.Am vergangenen Dienstag hat der malaysische Finanzminister Anwar Ibrahim das Schlurfen Japans für die zunehmenden Schwierigkeiten in Asien verantwortlich gemacht.Er hat Japan angefleht etwas - einfach irgendetwas - zu tun, um eine regionale Krise abzuwenden.

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Die Anzeichen mehren sich, daß die japanische Regierung beginnt, die Lethargie abzuschütteln und eine aggressivere wirtschaftspolitische Strategie zu verfolgen.Der Präsident der Bank von Japan hat beispielsweise am Dienstag den unüblichen Schritt unternommen, die wackligen japanischen Banken aufzurufen, ihre schlechten Kredite schneller abzuschreiben.Zudem planen Politiker eine Parlamentssitzung zum Thema "schlechte Kredite", die allerdings erst nach den Wahlen im Juli stattfinden wird.

Trotz allem hat Japan soviel Zeit damit verbracht, die Schwere seiner wirtschaftlichen Problem zu leugnen, daß sogar tiefgreifende Reformen - sollte es sie dann geben - zumindest kurzfristig die Schwierigkeiten nur verschärfen würden.1996 hätte Japan noch von einer Position der ökonomischen Stärke aus handeln können, als seine Wirtschaft noch um 3,9 Prozent wuchs.Jetzt muß Japan seiner Wirtschaft eine Schock-Therapie verpassen - obwohl sie ohnehin schon auf der Intensivstation liegt.

Die steigende Arbeitslosigkeit gibt vielleicht die deutlichste Ahnung von dem, was noch vor Japan liegt.Keigo Tada, ein 51jähriger früherer Vorarbeiter im Baugewerbe ist jetzt arbeitslos.Tada kündigte im Februar infolge des Drucks, den Vorgesetzte auf ihn ausgeübt hatten, um zu rationalisieren.Jetzt nimmt er an einem Training der Tokioter Stadtverwaltung teil, wo er handwerkliche Fähigkeiten lernt, in der Hoffnung, bei einem Innenarchitekturbüro unterzukommen.Seine neue Situation ist zwar nicht so dramatisch wie bei vielen anderen, aber dennoch schwierig."Meine Frau hat sich immer gern Kleider gekauft und wir haben immer viel gegessen", sagt Tada."Das können wir jetzt nicht mehr machen."

Eine Vielzahl solcher Geschichten können den Reformversuchen in Japan Schwierigkeiten bereiten.Das ist so, weil jede tiefgreifende wirtschaftliche Reform - sei es zur Beseitigung einer Insolvenzkrise, eine Deregulierung von überregulierten Sektoren wie dem Verkehrs-Sektor oder nur ein Zurückschrauben der öffentlichen Aufträge an die Bauwirtschaft - immer eine höhere Arbeitslosigkeit zur Folge hat.

Als Reaktion darauf folgt meist die sinkende Zuversicht der Verbraucher und ein Einschnitt in den Ausgaben der privaten Haushalte.Das senkt nicht nur die wirtschaftliche Wachstumsrate sondern auch die Produktion, weil die Lagerbestände wachsen.Die Senkung der Produktion führt dann wieder zu Entlassungen - die Abwärtsspirale beginnt.In ihrem Report vom vergangenen Monat hat die Bank von Japan davor gewarnt, daß eine hohe Arbeitslosigkeit die Effekte des Ankurbelungspackets der Regierung zunichte machen könnte.

Der Lebensstandard jeder Nation ist von zwei Faktoren beeinflußt: Zum einen von der Produktivität, die als die Menge der Güter und Dienstleistungen verstanden wird, die ein Arbeiter produziert, und zum anderen von der Größe der arbeitenden Bevölkerung im Verhältnis zur gesamten Bevölkerung.Infolge einer stark zurückgegangenen Geburtenrate und Japans extrem restriktiver Einwanderungspolitik vermindert sich die arbeitende Bevölkerung in Japan schneller, als in irgendeinem anderen Land.Im Jahr 2025 wird jeder vierte Japaner älter als 65 Jahre sein."Die wirklich interessante Frage ist, wie kommt Japan aus dieser Schwierigkeit heraus", sagt Robert Feldmann, ein Wirtschaftswissenschaftler bei Morgan Stanley, der einen Report über die ökonomischen Konsequenzen des Alterns geschrieben hat."Die Antwort ist, es ist überhaupt noch nicht klar, ob Japan dies tatsächlich kann."

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