Wirtschaft : Höhere Schlagkraft durch bessere Koordination

Lotse und Feuerwehr: Erfahrungen mit der Task Force der Berliner Industrie- und Handelskammer / Bislang rund 60 ernste Fälle

BERLIN.Drei Monate brauchte Hans Heuer, dann war der Knoten gelöst, rund 100 Arbeitsplätze gerettet."Bislang unser größter Erfolg", blickt der Koordinator der IHK-Task Force auf die letzten neun Monate zurück.Seit dem vergangenen September ist das "Eingreifteam für den Mittelstand" im Einsatz.Die Kammer kreierte die Task Force, um zum einen die sogenannte Bestandspflege in der Stadt zu intensivieren, und zum anderen, um die IHK als Dienstleister für ihre rund 130 000 Mitglieder stärker zu profilieren.Heuer, ehemals Abteilungsleiter beim DIW und dann Staatssekretär in der Wirtschaftsverwaltung, übernahm die Leitung des Teams, das sich aus acht IHK-Experten zusammensetzt.Bis heute hat sich die Task Force mit 50 bis 60 "ernsthafen Fällen" befaßt, der Großteil der rund 200 Anfragen konnte relativ schnell, häufig sogar telephonisch abgearbeitet werden.Heuer beschreibt seine Aufgabe als "Moderator und Koordinator", den maßgeblichen Vorzug der Eingreiftruppe sieht er in der Bündelung der IHK-Kompetenz: Kammerfachleute aus den Bereichen Grundstücksfragen, Stadtplanung, Öffentliches Auftragswesen, Verkehr, Umwelt, Standortkosten, Handel, Ausbildung, Steuern und Finanzen sitzen jeden Montag morgen mit Heuer zusammen, um die akuten Fälle zu diskutieren.Die meisten Unternehmen brauchen Unterstützung in Grundstücksfragen, Beratung bei planungsrechtlichen Angelegenheiten sowie zunehmend Hilfe bei Finanzierungsengpässen.Dabei kommen jeweils rund 40 Prozent der Hilfesuchenden aus den Bereichen verarbeitendes Gewerbe und Dienstleistungen (darunter beispielsweise Gastronomie, Speditionen, Reisebüros).Die restlichen 20 Prozent verteilen sich gleichmäßig auf Handelsunternehmen und Baufirmen. Viele Unternehmen, so hat Heuer beobachtet, "wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen", oder sie können ihr Problem "den Behörden nicht richtig darstellen".Oder sie kommen zur Task Force, wenn "der eigene Unternehmensberater nicht mehr weiter weiß".Oft ist es dann allerdings zu spät: "Viele erkennen erst die wirkliche Lage, wenn die Bank die rote Karte zeigt und die Kreditlinie sperrt".In dem Fall greift dann der Runde Tisch, ein anderes Hilfsinstrument der IHK, das bei Liquiditätskrisen hilft. Im Groben teilt Heuer die Aufaben der Task Force in drei Bereiche auf: Als Anlaufstelle für mittelständische Unternehmen, die Probleme mit Behörden haben ("Feuerwehrfunktion"); eine "Lotsenfunktion" für Betriebe, die durch den "Behördendschungel" geführt werden, schließlich die Koordinierung der Hilfsmaßnahmen in der IHK sowie mit weiteren Beteiligten wie vor allem Banken oder gelegentlich auch Finanzbehörden.Dabei schaltet sich das Team grundsätzlich nicht in Rechtsstreitigkeiten ein.Der Jungunternehmer, dem eine Vollstreckung durch das Finanzamt und damit das Aus drohte, ist eine Ausnahme.In diesem Fall organisierte Heuer ein Gespräch mit den Beteiligten, das zu einem Aufschub der Vollstreckung führte. Grundsätzlich wird die Task Force nur aktiv, wenn das Anliegen des Betriebes "seriös und lösbar ist" und die Problemlösung eine "interventionistische Vorgehensweise erfordert".Dabei muß die Heuer-Truppe gelegentlich aufpassen, daß sie nicht instrumentalisiert wird.Die Gefahr gab es bei einer Baufirma die für Nacharbeiten am Hamburger Bahnhof bezahlt werden wollte; der Architekt war jedoch der Ansicht, daß es sich um Nachbesserungen handelt, die deshalb "kostenlos" von der Firma zu erbringen wären.Binnen 24 Stunden holte Heuer die Streitenden zusammen.Der Kompromiß sah so aus, daß es sich in Teilbereichen um Nacharbeiten hielt, entsprechen wurde dann dafür gezahlt. Wenns um Geld geht, die Hausbank die Kredite sperrt oder die Bürgschaftsbank nicht helfen will, fragt Heuer nach, bittet um eine erneute Prüfung.Dabei sind die guten Kontakte des früheren Staatssekretärs hilfreich.In Präsentationen vor Unternehmensvertreter und Bankern hat er die Task Force erläutert.So manches Mal geht es jedoch nicht um Kredite, Fördermittel oder Genehmigungen.Viele Hilfesuchenden seien "völlig diffus", gelegentlich gehe es auch nur ums Zuhören.Zum Beispiel bei der Einzelhändlerin, deren Umsätze zurückgehen.Umsatz verschaffen kann die Heuer-Truppe nicht.Nutzlos sind solche Gespräche für Heuer dennoch nicht, er nennt das "allgemeine Lebenshilfe".ALFONS FRESE

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