Wirtschaft : „Höhere Zinsen sind überflüssig“

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Herr Flassbeck, die Europäische Zentralbank steht vor einer erneuten Erhöhung der Leitzinsen. Ist dieser Schritt richtig?

Nein, er ist überflüssig. Eine Inflationsgefahr in Europa besteht nicht. Trotz eines gewaltigen Ölschocks steigen die Preise in der Eurozone derzeit nur um gut zwei Prozent. Das ist kein Grund, den Kurs der Geldpolitik zu verschärfen. Die EZB sollte die Zinsen stattdessen noch lange auf dem derzeitigen Stand lassen. Darauf ist Europas Wirtschaft angewiesen.

Wieso? Der Aufschwung läuft bereits.

Die EZB hat sich an der Inflation zu orientieren, nicht an Konjunkturprognosen. Und hier gibt es keine Notwendigkeit zum Handeln. Erstens wird der Ölpreis zwar lange hoch bleiben, das ist aber nur ein einmaliger Effekt für die Inflation. Zweitens gibt es nirgends Anzeichen dafür, dass die Gewerkschaften zum Ausgleich für den Ölpreis stärkere Lohnerhöhungen vereinbaren. Und drittens sind die Lohnstückkosten, der beste Indikator für die zukünftige Inflation, auf sehr niedrigem Niveau.

Was passiert, wenn die EZB dennoch die Zinsen erhöht?

Dann kommt es so, wie es immer gekommen ist in Europa: Der Aufschwung bricht ab, auch in Deutschland, dauerhaftes Wachstum gibt es nicht. Dabei besteht nun die Chance dazu, ähnlich wie in Amerika in den 90er Jahren. Die Europäer haben noch nicht begriffen, dass die Erholung kurz- und langfristige Unterstützung braucht. Die Konjunktur muss erst auf die Beine kommen, bevor die Wirtschaft eine lange Wanderung unternehmen kann.

Ist denn die Wirtschaft so dringend auf billiges Geld angewiesen? Das Exportgeschäft ist stark, und die Firmen investieren.

Europa muss global eine stärkere Stütze werden und fähig sein, eine Schwäche der USA auszugleichen. Europa darf nicht auf die Nachfrage aus der Welt warten, sondern muss selbst welche entfalten. Mit der Fiskalpolitik wollen und werden die EU-Staaten das nicht bewerkstelligen, also muss die Geldpolitik einen umso größeren und anhaltenden Beitrag leisten.

Heiner Flassbeck (55) ist Chefökonom der UN-Handels- und Entwicklungsorganisation Unctad. Unter Oskar Lafontaine war er Finanz-Staatssekretär. Das Gespräch führte Carsten Brönstrup.

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