Wirtschaft : Hoffen auf einen kurzen Wüstensturm

Die Amerikaner halten die Konsequenzen eines Militärschlags für beherrschbar – doch Konjunkturexperten zweifeln am Optimismus der USA

Bernd Hops,Dieter Fockenbrock

Von Bernd Hops

Und Dieter Fockenbrock

Was kommt nach einem Irak-Krieg? Für US-Experten keine Frage. Sie haben die wirtschaftlichen Folgen eines Militärschlags schon durchkalkuliert (siehe „Die Szenarien“). Das Ergebnis: Alles ist beherrschbar. Währungsschwankungen und Inflation halten sich in Grenzen, der Ölpreis beruhigt sich selbst im Worst-Case-Szenario binnen Jahresfrist, eine Rezession droht allenfalls vorübergehend. Europäische Ökonomen warnen dagegen vor übertriebenem Optimismus. Selbst wenn der Krieg schnell abgeschlossen würde: Die Unsicherheit bleibt und damit auch das Rätselraten über den weiteren Gang der Weltkonjunktur. Denn ein Irakkrieg allein hält die Weltwirtschaft nicht in Atem.

Im Krisenfall versagen die üblichen Prognoseinstrumente, selbst Erfahrungen aus anderen Krisen wie dem Golfkrieg 1991 sind nur mit Vorsicht zu übertragen. Das haben die letzten Monate gezeigt. So waren die Amerikaner noch im Herbst davon überzeugt, dass sich die Auseinandersetzung mit den Irakis positiv auf den Kurs des US-Dollar auswirken wird. Das Gegenteil ist der Fall. Der Euro ist so stark wie seit Jahren nicht mehr und je näher der Tag X rückt – nach neuesten Informationen will sich Präsident Bush kurz nach dem Bericht der Waffeninspekteure am 27. Januar festlegen – desto mehr gerät der Greenback unter Druck. Aber Analysten warnen, das könne sich mit einem Kriegsbeginn schnell wieder drehen.

Selbst der Anstieg des Ölpreises hat nur bedingt etwas mit den Kriegsvorbereitungen zu tun; auch wenn Öl gerne als einer der Gründe angeführt wird, weshalb die USA überhaupt in den Krieg ziehen wollen. Richtig ist vielmehr, dass der hohe Ölpreis eine ganze Reihe von Ursachen hat. Der drohende Krieg ist nur eine davon. Dennoch beherrschte seit vergangenem Mai das Thema Irak die Argumentation der Analysten.

Würde also ein schneller Sieg der Amerikaner das Öl deutlich billiger machen? Mitnichten, wie der Rohstoffexperte der Dresdner Bank, Wolfgang Wilke, in einer aktuellen Studie zeigt. Entgegen aller Erwartungen konnte nämlich die Ölproduktion im vergangenen Jahr die weltweite Nachfrage nicht decken. Teilweise mussten – wenn auch nur in geringem Umfang – Vorräte aufgelöst werden. Ein wesentlicher Grund dafür sei, so Wilke, dass die Konjunktur zwar in Europa und den USA im vergangenen Jahr schwächelte, gleichzeitig aber in Ostasien, vor allem in China, weiter sehr gut lief. Dementsprechend klein sind nun auch die Förderreserven, über die die wichtigsten Erdölproduzenten noch verfügen. Daher geht Wilke davon aus, dass der Ölpreis 2003 im Jahresdurchschnitt bei mehr als 25 Dollar liegen wird – mit oder ohne Krieg.

Was würde also passieren, wenn tatsächlich gegen den Irak Krieg geführt wird? Die Dresdner Bank rechnet mit einem kurzzeitigen Anstieg des Ölpreises auf etwa 40 Dollar je Barrel. Ähnlich sieht auch die Schätzung von Klaus Matthies, Rohstoffexperte des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs aus. Allerdings nur unter der Bedingung, dass ein Militärschlag lediglich die irakische Ölförderung lahmgelegt. „Der Irak alleine ist kein Problem“, sagt Matthies. Das Land produziere 2,5 Millionen Barrel pro Tag, während der größte Ölförderer Saudi-Arabien noch ungenutzte Reserven von drei Millionen Barrel pro Tag habe. Selbst wenn sich die Situation im Förderland Venezuela nicht beruhige, könnte der Produktionsausfall ausgeglichen werden. „Es darf dann bloß nichts mehr passieren“, sagt Matthies. Fielen weitere Ölproduzenten aus, wären Preisvorhersagen nicht mehr möglich.

Die Amerikaner sind jedenfalls überzeugt, einen Irakkrieg innerhalb kürzester Zeit für sich entscheiden zu können. Selbst das ungünstigste Szenario – verstärkte Terrorangriffe in aller Welt, die Irakis zerstören Ölfördereinrichtungen in Nachbarstaaten und treiben damit die Energiepreise zusätzlich in die Höhe – geht davon aus, dass eine Militäraktion spätestens nach sechs Monaten abgeschlossen ist. Im schlimmsten Fall kommt es 2003 zu einer weltweiten Rezession. Doch schon ein Jahr danach ist in Europa wieder alles beim Alten – verglichen mit dem Basisszenario. Nur die USA hinken mit ihrem Wachstum dann noch etwas hinterher. Das jedenfalls sagen US-Ökonomen voraus.

Beobachter aus Europa sind weitaus vorsichtiger. Zumal bei dem Versuch, die wirtschaftlichen Folgen eines Krieges in Zahlen zu fassen. Das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel lehnt es zum Beispiel ab, sich an Spekulationen über die Folgen eines Irakkrieges zu beteiligen. Und Stefan Schneider, Chief International Economist bei Deutsche Bank Research, geht auf große Distanz zu den US-Experten. Sein Eindruck aus den Vereinigten Staaten: Die Experten haben „manchmal Schwierigkeiten, klar zwischen ihrer Rolle als Beobachter und ihrer Position als Betroffener zu unterscheiden“. Das heißt: Wunschdenken vernebelt die Sicht für die Realität.

Sollte der Dollar allerdings weiter unter Druck bleiben und die Euro-Währung ihren Höhenflug fortsetzen, bekommt Europas Exportindustrie große Probleme. Vor allem die deutsche Wirtschaft wächst nur noch, weil der Export die Konjunktur stützt. Weil 2002 so viele Waren ausgeführt wurden wie noch nie, stieg das deutsche Bruttoinlandsprodukt um bescheidene 0,2 Prozent. So setzt der Maschinenbau zwei Drittel seiner Produktion weltweit ab. Steigt der Euro im Verhältnis zum Dollar über 1,10 gibt es Probleme mit dem Export, sagen die Maschinenbauer. Kommen explodierende Rohstoffkosten wegen eines eskalierenden Krieges hinzu, ist das Krisenszenario perfekt. Die Automobilindustrie verkauft 70 Prozent ihrer Fahrzeuge im Ausland. Allein das sind 120 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Der private Konsum wird nach Einschätzung von Forschern in diesem Jahr dagegen als Wachstumsmotor komplett ausfallen.

Doch selbst das schnelle und erfolgreiche Ende eines Militäreinsatzes im Irak wird die geopolitischen Spannungen nicht beseitigen, meint Konjunkturexperte Gustav Horn vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Denn es geht um mehr als den Irak. Die schlechte Stimmung in der Wirtschaft könne mit einem Krieg – wie lange er auch immer dauern mag – nicht beseitigt werden. Selbst bei einer erfolgreichen Vernichtung des Hussein-Regimes bleibt Skepsis. Horn: „Die allgemein schlechte Stimmung ist schließlich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 aufgekommen. Dieses Problem der Unsicherheit kriegt man nur durch den Lauf der Geschichte oder Gewöhnung weg – und das kostet Zeit.“

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