Wirtschaft : Hoffnungslos verwickelt

Viele ehrgeizige Vorhaben gehen schief – weil die Politik Druck macht, die Manager Fehler und die Techniker sich überschätzen

Dieter Fockenbrock[Maurice Shahd],Ursula Weide

Techniker sind notorische Optimisten. Fragt man Mitarbeiter der Firma Toll Collect nach den Chancen für das Maut-System à la Daimler-Chrysler und Deutsche Telekom, geben sie immer dieselbe Antwort: „In ein paar Jahren kräht kein Hahn mehr nach den Startproblemen.“

Doch zurzeit scheint es so, als sei die High-Tech-Nation Deutschland kläglich an den eigenen Zielen gescheitert. Das Gefühl wird bleiben – die nächsten Technik-Flops sind absehbar. Die Patientenkarte für 70 Millionen Deutsche wird nicht rechtzeitig fertig, ebenso die Software für die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Nehmen Staat und Wirtschaft Großprojekte in Angriff, scheint das Desaster programmiert.

Selbst der Kanzler-Berater in Sachen Technologieoffensive, Hans-Jörg Bullinger, ist skeptisch, ob Industrie und Staat immer genügend Sorgfalt bei komplizierten Problemen walten lassen. „Gutes Projektmanagement“, klagt der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, „wird manchmal vergessen“.

Doch Bullinger wird Gerhard Schröder in seinem neu berufenen Technologierat nicht mit Gejammer über den Standort „D“ nerven. Für den Ingenieur ist Deutschland Spitze, und zwar bei der Lösung komplexer Aufgaben. Einfache Maschinen bauen, sagt er, könne jeder. Nicht aber moderne Systeme zur Verkehrserfassung und – wenn es einmal funktioniert – Verkehrslenkung. Bei der Maut etwa müssen Satellitenerfassung, Infrarot-Streckenkontrolle und Abrechnungssoftware so gut zusammenpassen, dass täglich ohne Störung Hunderttausende von Lkw-Fahrten registriert werden können.

Gründe für das Scheitern solcher Projekte gibt es viele. Mal hat die Industrie den Mund zu voll genommen (Beispiel Maut), mal überzieht der Auftraggeber Staat die Wirtschaft mit unerfüllbaren Forderungen. So ist die bundesweite Ausgabe der Gesundheitskarte, die Versicherungsausweis und elektronisches Rezept zugleich sein soll, zum 1. Januar 2006 geplant. Der Termin war nach Ansicht der Krankenkassen von Anfang an kaum zu halten. „Im Zeitplan ist, wie bei solchen Großprojekten sonst üblich, kein Puffer vorgesehen", sagte Doris Pfeiffer, Chefin des Verbandes der Angestelltenersatzkassen (VdAK). Pfeiffer ist sicher: „Mit einer flächendeckenden Einführung kann frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2006 begonnen werden.“ Gesundheitsministerin Ulla Schmidt müsse die Notbremse ziehen und mit den beteiligten Kassen, Ärzten und Apothekern über einen „realistischen Zeitplan“ reden.

Es fehlt ein Franz-Josef Strauß

Bei der Reform der Arbeitsverwaltung kommen politischer Zeitdruck und Technikhürden zusammen. Mehr noch: Wenn schon die Ausschreibung für das anspruchsvolle Projekt nicht stimmt, kann auch die beste Partnerschaft zwischen Staat und Wirtschaft nicht funktionieren. Das erleben derzeit die Firmen, die die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe betreuen. Sie sollen den fördernden und fordernden Sozialstaat mittels einer einzigen Software zum Leben bringen. Damit ist das neue Computerprogramm politisch völlig überfrachtet. Von Jobcentern und Sozialämtern zugleich angewandt, soll es dazu führen, dass künftig alle wieder eine Aussicht auf Arbeit bekommen.

Von der Bundesagentur (BA) ausgeschrieben ist aber nur ein Programm zur „Zahlbarmachung“, das sicherstellt, dass jeder Arbeitslose den richtigen Betrag überwiesen bekommt. Das Fördern, sagen die Programmschreiber, sei in einem Programm enthalten, das die Kommunen schon hätten – aber nicht alle. Auch die BA wird es nicht haben, wenn ab 2005 damit gearbeitet werden soll. Was nichts anderes heißt als: Vermutlich wird dann Arbeitslosengeld II gezahlt. Doch ob ein Langzeitarbeitsloser qualifiziert werden kann oder nicht, ob er eine soziale Schulung braucht oder eine Suchtbehandlung – das ist nicht vorgesehen in der neuen Fallakte.

Es geht auch anders. Als vor 30 Jahren Europas Regierende beschlossen, der US-Flugzeugindustrie Paroli zu bieten, wurden sie ausgelacht. Gegen Boeing & Co., so die überwiegende Meinung, sei nicht anzukommen. Heute ist die europäische Airbus Industrie der größte zivile Flugzeugbauer der Welt. Dabei bot das Projekt alle Zutaten für ein Scheitern: Dutzende Flugzeugfirmen mit unterschiedlicher Technik, stolze Nationalstaaten, die über „ihre“ Standorte wachten, kein einziger erfolgreicher Jet aus Europa. Trotzdem hat es funktioniert, weil der klare politische Wille herrschte, Deutschland und Frankreich gemeinsam ihren Führungsanspruch durchsetzten. Doch ein solcher Erfolg hängt auch an Persönlichkeiten. In Deutschland war das zweifellos der CSU-Chef Franz-Josef Strauß.

So ein Strauß fehlt dem Maut-System. Daimler-Chef Jürgen Schrempp und Telekom-Boss Kai-Uwe Ricke haben das Thema zu spät an sich gezogen. Sollte sich die Telekom in einem letzten Anlauf jetzt mit ihrem Führungsanspruch durchsetzen, hätte das Konsortium eventuell noch eine Chance.

Vielleicht steigt aber auch Siemens ein. Die Münchener verstehen etwas von Technik – und auch von Flops bei Großprojekten. Zurzeit etwa will der Elektronikkonzern in Puerto Rico eine U-Bahn ans Laufen bekommen. Ein Milliardenprojekt – doch der „Tren Urbano“ made in Germany fährt zurzeit nur als Geisterbahn durch Geisterbahnhöfe. Die Inbetriebnahme ist nicht in Sicht. Zum Glück für Siemens ist die Karibik weit weg.

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