Wirtschaft : Hohe Preise, hohe Löhne, hohe Preise Zunehmend Angst vor einer Lohn-Preis-Spirale

Düsseldorf - Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt gilt nicht gerade als Scharfmacher. Wenn er dennoch zu Kraftausdrücken greift, ist meist Gefahr in Verzug. Jetzt warnte Hundt mit Blick auf die laufende Tarifrunde: „Die Forderungen der Gewerkschaften kommen aus dem Wolkenkuckucksheim und sind vollkommen illusionär.“ Hundts Warnung ist mehr als ein tarifpolitisches Ritual, mit dem die Arbeitgeber Maßhalteappelle unters Volk streuen. Denn nicht nur die Personalchefs der Betriebe berichten, vor ihren Büros stünden Arbeitnehmer Schlange, um mehr Geld zu verlangen. Auch Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), mahnte erst vor wenigen Tagen, der jüngste Anstieg der Inflationsrate auf gut zwei Prozent dürfe keinesfalls „mittelfristig in einen breit angelegten Preisauftrieb“ münden. Es sei jetzt „vorrangig, Zweitrundeneffekte zu vermeiden“.

Solche „Zweitrundeneffekte“ wären der Vorbote der Lohn-Preis-Spirale. Die hatte in der Bundesrepublik einst ÖTV- Chef Heinz Kluncker in Gang gesetzt. Im Februar 1974, auf dem Höhepunkt der ersten Ölkrise, setzte er nach kurzem Streik für die Arbeiter und Angestellten des öffentlichen Dienstes elf Prozent mehr Lohn und Gehalt durch – nicht zuletzt mit dem Hinweis auf die Inflationsrate von sieben Prozent, die nach Klunckers Coup einen neuen Schub erhielt. Seitdem grassiert die Angst vor der Lohn-Preis-Spirale, in der sich ein zunächst noch beherrschbarer Preisanstieg und eine aggressive Lohnpolitik gegenseitig hoch schaukeln.

Klar ist, die Gewerkschaften haben sich nach überstandener Krise vorgenommen, in der Tarifrunde 2011 zuzulangen. Spitzenreiter ist die IG BCE, zurzeit in den Verhandlungen für die 550 000 Beschäftigten der chemischen Industrie. Sie verlangt ein Plus von sieben Prozent – so viel wie zuletzt im Boomjahr 2007. Die Gewerkschaft IG BAU, die seit Freitag für die 700 000 Bauarbeiter verhandelt, fordert 5,9 Prozent. Und Verdi will gemeinsam mit dem Beamtenbund für knapp 600 000 Bedienstete der Bundesländer sowie zwei Millionen Beamte im Schlepptau fünf Prozent mehr Geld durchsetzen.

Die Gewerkschaften fordern einen Aufschwung für alle. Doch der Präsident des Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, warnt im „Handelsblatt“-Interview angesichts drohender Zweitrundeneffekte: „Es ist kein guter Zeitpunkt, eine expansive Lohnpolitik zu verfolgen.“ HB

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