Hoher Einsatz in Medizin und Tierhaltung : Warum resistente Keime gefährlich werden können

In Humanmedizin und Tierhaltung kommen hohe Mengen Antibiotika zum Einsatz. Das soll vor Krankheiten schützen - bewirkt aber oft das Gegenteil.

Thomas Walbröhl
Viele Bakterien können dem Menschen schaden. Gefährlich wird es, wenn sie nicht mehr auf Antibiotika reagieren.
Viele Bakterien können dem Menschen schaden. Gefährlich wird es, wenn sie nicht mehr auf Antibiotika reagieren.Foto: p-a/dpa

 Jeder ist besiedelt. In der Nase, auf der Haut und im Darm. „1,5 Kilo Bakterien haben wir im und am Körper“, referierte Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) vergangenen Donnerstag in Berlin. Bakterien sind ganz normal und wechseln oft ihre Bleibe, zum Beispiel durch Kontakt von Mensch zu Haustier oder unter Menschen. Wer jetzt ein Kribbeln verspürt und gleich zum Desinfektionsmittel greift, macht es genau falsch. Denn die meisten Bakterien sind kein Grund für Panik. Problematisch wird es bei Krankheitserregern, die unempfindlich sind gegen das Mittel, das die Medizin im Ernstfall dringend zur Behandlung braucht: Antibiotika. In Krankenhäusern sterben nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit jährlich 7.500 bis 15.000 Menschen, die sich einen resistenten Keim eingefangen haben, zum Beispiel im Krankenhaus. Der BUND geht davon aus, dass jedes Jahr 30 000 bis 40 000 Menschen in Deutschland sterben, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. Belegt ist das nicht. Weil andere Todesursachen genannt würden, mutmaßt eine BUND-Mitarbeiterin.

 Notfallhelfer außer Gefecht

„Wenn man ein Antibiotikum einsetzt, zielt das nicht nur auf das eine unerwünschte Bakterium, sondern auf alle Bakterien“, sagt BfR-Chef Hensel. Die Folge: Diejenigen, die empfindlich sind gegen Antibiotika, werden abgetötet und nur die Resistenten überleben. Wenn nur diese Antibiotika-Uempfindlichen durchhalten, pflanzen sie sich, ungestört von Konkurrenz, schneller fort und breiten sich aus.

 Mit ihrer Eigenschaft, Resistenzen gegen Antibiotika zu entwickeln, sind in den letzten zwei Jahren vor allem zwei Bakterientypen aufgefallen. Der MRSA-Keim kommt vor allem bei Nutztieren vor, zum Beispiel in der Mastputen- und Mastrinderproduktion, und bei Menschen, die beruflich in der Landwirtschaft arbeiten oder anderweitig in häufigem Kontakt mit Tieren stehen. Für die breite Bevölkerung spiele MRSA eher eine untergeordnete Rolle.

 Bakterien, die die Enzyme ESBL und AmpC bilden, können zu einem größeren Problem werden, denn sie geben ihre Resistenz auch an andere Arten weiter. Nachgewiesen ist, dass diese BAkterien vor allem bei der Mensch-zu-Mensch-Übertragung im Krankenhaus eine Rolle spielen.

 Viehwirtschaft nicht einzige Baustelle

Was für den Verbraucher der Griff zum Desinfektionsspray ist, ist für den Viehhalter der voreilige Griff in den Pulver-Beutel mit Veterinärantibiotikum für seine Nutztiere. Laut BfR wurden 2013 1450 Tonnen Antibiotika in Deutschland an Tierärzte abgegeben. „Auch beim Arzt verlangen Menschen häufig Antibiotika, weil sie schneller wieder arbeiten wollen“, sagt Humanmediziner Robin Köck vom Universitätsklinikum Münster.

1450 Tonnen Antibiotika wurden 2014 an Tierärzte abgegeben. Ein Großteil landet in der Masttierhaltung.
1450 Tonnen Antibiotika wurden 2014 an Tierärzte abgegeben. Ein Großteil landet in der Masttierhaltung.Foto: p-a/dpa

 In der Öffentlichkeit entstehe oft der Eindruck, Massen-Tierhaltung allein wäre schuld an der Verbreitung resistenter Keime, kritisiert BfR-Chef Hensel. In der Lebensmittelkette sollten beim Fleisch Haltung, Verarbeitung und das Produkt, das im Supermarkt landet, gleichermaßen verbessert und unter die Lupe genommen werden. Gerade auch die Schlachthygiene, zum Beispiel beim Zerlegen von Tieren, solle verbessert werden. Das ist vor allem bei Geflügel ein Problem, auch da nach einer Studie des BfR diese Tiere am häufigsten während der Aufzucht mit Antibiotika behandelt werden.

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