Wirtschaft : Holiday-Broker: Spieler am Strand (Leitartikel)

Heik Afheldt

Gerhard Schröder kann gut Ferien machen. Die Konjunktur nimmt weiter Fahrt auf. Die Arbeitslosenzahlen lagen im Ferienmonat Juli so niedrig wie seit 1995 nicht mehr. Die Exportwirtschaft erreicht traumhafte Wachstumsraten. Die Auftragseingänge machen keine Sommerpause. Und Hans Eichel freut sich über den milliardenschweren Segen aus der Versteigerung der UMTS-Lizenzen. Deutschland ist nicht mehr der träge Wirtschaftsriese mitten in Europa.

Gut geht es auch Hunderttausenden anderen Deutschen, die Ferien machen: Viele von ihnen reisen zum ersten Mal in ihrem Leben als "Jung-Aktionäre" in die Ferne. Sie aalen sich in der Sonne, und währenddessen arbeitet ihr Geld. Wie gut, das zeigen ihnen die überall und ständig verfügbaren Börsennachrichten im Fernsehen, in den Zeitungen oder auf den Bildschirmen ihrer Notebooks. Im Paradies der Neuen Wirtschaft fliegen den Müßiggängern keine Tauben ins Maul - aber dicke Kursgewinne ins Ferienhaus. Nur, damit einher kommen auch die typischen Verlust-Ängste der Besitzenden, die Sorgen vor regnerischen oder gar stürmischen Tagen an den Börsen. Die Angst vor Kurseinbrüchen, die nicht allein die Ferienlaune kräftig verderben würden, sondern beim Zahlen am Ende der schönen Zeit grausam bewusst machen: Mit Papiergewinnen lassen sich keine Rechnungen begleichen. Schnell kann der Traum vom Reichtum verfliegen. Alle die Sommer-Freunde, die sich bei den Höchstkursen der Telekom-Aktie ungemein bereichert vorgekommen sind, haben erfahren, wie im Nu ihr Wohlstand wegschmolz.

Was verheißt der Sommer den mittlerweile elf Millionen deutschen Aktionären? Die einen lesen mit Freude die Nachrichten, die eine kräftige Sommer-Ralley versprechen. Andere fürchten sich vor der Sommerflaute. Wer hat Recht? Der Optimist oder der Pessimist? Es gibt eine Reihe von Wegmarken, die die Sommer-Performance der Börsen im Voraus erhellen. Für die Optimisten spricht vor allem die Vergangenheit. Juli, August und September zählen seit Jahren eher zu den starken Monaten. Die schwarzen Monate waren oft der Oktober und der November. Im letzten Jahr ging es auch in dieser schwierigen Jahreszeit kräftig und stetig bergauf. Selbst auf Crash-Prognosen ist heute also kein Verlass mehr.

Für die Optimisten spricht auch, dass die Märkte inzwischen viel differenzierter geworden sind. Nicht alle Werte an einer der Börsen folgen blind dem "General Trend". Mögen einige Papiere um fünfzig Prozent oder mehr fallen, andere verzeichnen zur selben Zeit prächtige Kursgewinne. Die Gründe sind einleuchtend. Wann immer die Anleger sich auf die "Fundamentals", die Werthaltigkeit eines Unternehmens besinnen, und sich nicht nur danach richten, wer nun gerade gut "läuft", der erfährt, dass eine schlechte Laune an der Börse die Substanz einer Aktie nicht wirklich tangiert. Für die Optimisten spricht schließlich die Tatsache, dass mittlerweile ein ungeheurer Anlagedruck bei den privaten und institutionellen Anlegern und ein fataler Wettlauf um die beste Performance entstanden ist. Die Pessimisten sehen deshalb auf ihrer Suche nach Baisse-Gründen ganz schön alt aus.

Erhebliche Korrekturen von Übertreibungen an den Börsen erleben wir nicht mehr im Rhythmus der Jahreszeiten, sondern laufend. Und das ist gut so. Mit dem Online-Banking und -Trading fallen die stillen Sommertage immer häufiger aus. Gehandelt wird heute auch vom Strand und auf der Alm. Die Kasinos haben ganzjährig geöffnet, auch in den Ferien. Mesdames, Messieurs, machen Sie Ihre Spiele. Wer wägt, gewinnt.

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