Wirtschaft : Holländer steigen groß bei der BHF-Bank ein

FRANKFURT (MAIN) (ro).Die Übernahme- und Fusionswelle in der deutschen Bankenlandschaft kommt wieder in Bewegung: Für vermutlich 2,8 Mrd.DM stockt der holländische Finanzriese ING seinen Anteil an der BHF-Bank von 4,5 auf 39 Prozent auf.Damit erwerben die Holländer, die zu den größten Finanzdienstleistern Europas gehören, zum zweiten Mal in diesem Jahr einen wichtigen Anteil an einem deutschen Geldhaus.Erst im Frühjahr hatte ING 49 Prozent der Allgemeinen Deutschen Direktbank übernommen.

Die ING stockt ihre Beteiligung an der BHF durch die Übernahme der Aktienpakete der Allianz (16 Prozent), der DG Bank (10 Prozent) und der Münchner Rück (8 Prozent) auf.Allerdings müssen die Kartellbehörden den Aktienerwerb noch genehmigen.Eine Mehrheit strebe man derzeit nicht an, betonte ING-Vorstandschef Godfried van der Lugt am Dienstag in Frankfurt.Dazu habe man sich verpflichtet."Wir haben fast 40 Prozent und damit großen Einfluß".Es werde deshalb dieses Jahr kein Übernahmeangebot an die freien Aktionäre der BHF Bank geben.Allerdings schließt van der Lugt nicht aus, daß man die Beteiligung mittelfristig auf über 50 Prozent aufstockt.Der Handel mit der BHF-Aktie wurde am Dienstag ausgesetzt.

Mit der Beteiligung an der BHF Bank hat die ING nach den Worten ihres Vorstandschefs ihre Ziele in Deutschland vorerst erreicht.Mit der sechstgrößten börsennotierten deutschen Privatbank wollen die Holländer, die bislang in Deutschland nur durch eine kleinere Tochter vertreten sind, einen besseren Zugang zu deutschen Geschäftskunden gewinnen, das Fondsgeschäft stärken und über die Kooperation im Firmenkunden-, im Wertpapiergeschäft und auf den Geld- und Kapitalmärkten für beide Häuser neue Wachstumschancen erschließen.Vor allem aber will man mit Blick auf den Euro sich endlich auch ein starkes Standbein in Westeuropa verschaffen, nachdem sich die ING bisher in Europa auf die Expansion in Mittel- und Osteuropa konzentriert hatte.Die BHF Bank soll in Gegenzug von der Finanzkraft der Holländer, von ihrer Präsenz in 60 Ländern, von ihren Kunden und ihrer Produktvielfalt profitieren.Beide Häuser ergänzen sich nach Ansicht von van der Lugt und BHF-Vorstandschef Ernst Michel Kruse ideal, weil der Geschäftsschwerpunkt auf Investment Banking, der Vermögensverwaltung und dem Privatkundengeschäft liege."Die BHF Bank hat eine klare Strategie, sie ist gut positioniert, ist finanziell solide und hat ein kompetentes Management und Personal", betont der Holländer.Kruse lobt die ING als "einen der erfolgreichsten Finanzkonzerne der Welt", der die Aussichten für die BHF Bank deutlich verbessern werde.Sie vermittle eine globale Reichweite, erhöhe die Kapitalkraft und gebe insgesamt einen Schub für eine kräftige Expansion."Die ING gibt uns die Stärke, allen Wettbewerbsveränderungen in den nächsten Jahren mit großem Vertrauen entgegenzusehen".Trotz des neuen Großaktionärs soll die BHF Bank ihre Identität erhalten und ihre Geschäfte weiter in eigener Verantwortung betreiben.Die ING akzeptiere, so Kruse, die gegenwärtige Strategie der BHF Bank voll und ganz.Einen Personalabbau schließen beide Seiten ausdrücklich aus.Allerdings wird die ING prüfen, ob sie ihre deutsche Tochter in Frankfurt wie bisher als eigenständiges Unternehmen weiterführen wird.Die BHF Bank beschäftigt derzeit rund 2850 Mitarbeiter.Für die Berliner Hauptniederlassung arbeiten 65 Mitarbeiter.Bei der ING sind es weltweit 82 000, davon fast 50 000 außerhalb Hollands.Die BHF war seit Monaten Gegenstand von Übernahmespekulationen.Bereits im vergangenen Jahr war die ING im Gespräch.Wiederholt war sie auch als Übernahmekandidat für die Bankgesellschaft Berlin gehandelt worden.Konkrete Kontakte gab es aber nur zwischen der BHF Bank und Schweizer Großbanken.Die BHF Bank, die vor drei Jahren in größere Schwierigkeiten geraten war, ist nach einem Wechsel an der Vorstandsspitze wieder klar im Aufwind.Im ersten Halbjahr konnte sie bei einer Bilanzsumme von 80 Mrd.DM ihren Vorsteuergewinn um 138 Prozent auf 390 Mill.DM steigern.

Auch die ING Group, die 1995 durch die Übernahme der britischen Barings Bank weltweit bekannt wurde und mit ihren Schwerpunkten auf dem Bankgeschäft, dem Versicherungsgeschäft und der Vermögensverwaltung zu den großen Allfinanzkonzernen gehört, befindet sich auf deutlichem Wachstumskurs.Im ersten Halbjahr kletterte der Nettogewinn bei einer Bilanzsumme von 807 Mrd.DM um 74 Prozent auf 3,4 Mrd.DM.Bereinigt um Zukäufe und außerordentliche Erträge lag der Gewinnzuwachs bei 19 Prozent.Auch in Zukunft soll der Nettogewinn pro Jahr um mindestens zehn Prozent wachsen.

Van der Lugt ließ in Frankfurt offen, ob ING auch an der Übernahme der BfG Bank interessiert ist.Ein Angebot der Crédit Lyonnais, der Mutter der BfG, liege nicht vor.An der Commerzbank hat die ING, dies ließ van der Lugt ebenfalls durchblicken, aus strategischen Gründen kein Interesse.

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