Wirtschaft : Holzmann: Der Baukonzern ist noch nicht über den Berg

Rolf Obertreis

Es hat mit der Beinahe- Pleite wenig zu tun, aber Holzmann-Chef Konrad Hinrichs wäre das Geld hoch willkommen. 87 Millionen Mark könnte der Sanierer für den immer noch kränkelnden Baukonzern gut gebrauchen. Aber ob er aus dem Streit mit der WestLB um ein umstrittenes Aktiengeschäft von 1994 als Sieger hervorgeht, ist längst nicht ausgemacht. Hinrichs hat es sich alles andere als leicht vorgestellt, Philipp Holzmann nach dem Debakel vor einem Jahr wieder einigermaßen flott zu kriegen. Aber vielleicht auch nicht ganz so schwer. Noch im Juli hatte er mit einem positiven Ergebnis gerechnet. Das ist längst Makulatur: Holzmann wird auch 2000 einen Verlust einfahren.

Wie hart es zugeht, zeigt die von Hinrichs jüngst verfügte Schließung der Holzmann-Niederlassung in Stuttgart, von der er Ende August noch nichts wissen wollte. Derweil ist ungeklärt, ob Brüssel das vom Bund zugesagte Darlehen und die Bürgschaft von insgesamt 250 Millionen Mark genehmigt. Obwohl dies die Sanierungsarbeiten wenig behindert und unklar ist, ob diese Hilfe überhaupt noch nötig ist. Schließlich ist ein Ergebnis aus der Flut von Betrugs- und Untreue-Klagen gegen ehemalige Manager und Aufsichtsräte nicht einmal im Ansatz zu erkennen. Frühestens Anfang nächsten Jahres sei mit ersten Ergebnissen zu rechnen, sagt der Frankfurter Staatsanwalt Job Tilmann. "Es besteht berechtigter Anlass zu verhaltenem Optimismus", zieht Hinrichs in diesen Tagen eine Zwischenbilanz. Holzmann strebe wieder seinen angestammten Platz unter den weltweit führenden Bauunternehmen an, obwohl die Restrukturierung noch keineswegs abgeschlossen sei.

Die meisten Banker, vom damaligen Vorstandschef Heinrich Binder und Ex-Aufsichtsratschef Carl von Boehm-Bezing am Volkstrauertag 1999 zusammengerufen, traf die Nachricht von dem Milliarden-Verlust wie ein Schock. Holzmann hatte kurz zuvor mit viel Pomp sein 150-jähriges Bestehen gefeiert, Binder erstmals seit Jahren wieder Gewinn angekündigt. Mit einem Mal - angeblich - hatte sich ein gigantisches Loch von 2,4 Milliarden Mark aufgetan. Am Ende waren es sogar 300 Millionen mehr. Ein ehemaliger Mitarbeiter hatte Wochen zuvor auf gewaltige Risiken hingewiesen, die der alte Vorstand unter Lothar Mayer "systematisch unterdrückt" habe. Allein die riesige Veranstaltungshalle Köln-Arena offenbarte ein Loch von einer halben Milliarde Mark. Holzmann hat dieses und viele andere Projekte über Jahre hin angeleiert, aber mit viel zu hohen Einnahmen kalkuliert. Mit den schon in den Jahren zuvor eingefahrenen Miesen hat der Konzern in den 90er Jahren Verluste von 6,6 Milliarden Mark angehäuft, rechnet Hinrichs heute vor.

Einzige Chance zur Rettung: Die Banken, ein drastischer Schnitt beim Personal und bei der Bauleistung und Gehaltseinbußen der Mitarbeiter. Eine Woche lang hält die Republik ein beispielloses Gefeilsche in Atem. Selten zuvor hatten sich die feinen Banker so beharkt wie in jenen nächtelangen Sitzungen. Vor allem die Deutsche Bank, mit 15 Prozent größter Anteilseigner, aber auch größter Finanzier des Baukonzerns sah sich massiver Kritik ausgesetzt. Die Einigung blieb aus, Binder trat am 23. November den schweren Gang zum Amtsgericht an. Dann kam die Stunde von Bundeskanzler Gerhard Schröder. In ihm sah der umtriebige Holzmann-Betriebsratschef Jürgen Mahneke die letzte Chance. Er überredet den Kanzler, direkt mit den Bankern zu sprechen. Das half - Holzmann und dem damals im Meinungstief steckenden Regierungschef. "Liebe Freunde, wir haben es geschafft", verkündet Schröder am späten Abend des 24. November 1999 vor der Holzmann-Zentrale in Frankfurt, und genießt die Ovationen von 1000 Holzmännern und -frauen. Der Insolvenzantrag wird zurückgezogen. Dass ausgerechnet Bundeshilfen von 250 Millionen Mark für eine Finanzspritze in Höhe von 4,3 Milliarden Mark ausschlaggebend sein sollen, kann Aufsichtsratschef Boehm-Bezing nicht überzeugend erklären. Dass sich die Banken dem Druck des Kanzlers beugen müssen, räumt er nur zögernd ein.

Es bleibt nicht die einzige Merkwürdigkeit in einem der größten Firmenskandale der Nachkriegszeit, der nur durch den, so Hinrichs, bislang in "der Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik einmaligen Kraftakt" überwunden werden kann. Wochenlang streiten sich Holzmann, Baugewerkschaft und Bauarbeitgeber über den Lohnverzicht der Holzmann-Beschäftigten. Der belgische Großaktionär Gevaert, der Ende 1998 rund 30 Prozent der Holzmann-Anteile übernommen hatte, verklagt die Deutsche Bank. Deren Rolle bleibt dubios. Auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die Holzmann-Bilanzen geprüft und angeblich nichts gemerkt hat, steht am Pranger. Vor allem aber wird jener 2,7 Milliarden Mark-Verlust bis heute angezweifelt.

Die Aktionäre schlucken die gigantische Kapitalvernichtung erstaunlich gelassen. Der gesamte Aufsichtsrat kommt fast ungeschoren davon, obwohl doch verwundert, dass keiner, auch die Arbeitnehmervertreter, etwas gemerkt haben will. Vorstandschef Binder muss seinen Hut nehmen. Die Deutsche Bank holt Ex-Züblin-Chef Hinrichs aus dem Ruhestand, der Aufsichtsratschef Boehm-Bezing verabschiedet sich im Frühjahr und überlässt Ex-Ruhrkohle-Chef Gerhard Neipp das Ruder. Hinrichs räumt konsequent auf und erntet Lob. Auch wenn er statt der zunächst von Binder anvisierten 3000 rund 4300 der 16 000 Arbeitsplätze im Inland streichen muss. Insgesamt fallen auch durch Verkäufe weltweit etwa 5900 der knapp 28 400 Stellen, die Ende 1999 bei Holzmann gezählt wurden, weg. Nur im Ausland und hier vor allem in Amerika laufen die Geschäft wirklich gut. Auch das wird nicht verhindern, dass Holzmann möglicherweise schon im Frühjahr 2001 von einem größeren Konzern geschluckt wird. Die Banken würden sich liebend gerne zurückziehen.

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