Wirtschaft : Horst Fischer

(Geb. 1935)||Er wollte ein Amerikaner sein, hartgesotten, gut gelaunt.

Thomas Loy

Er wollte ein Amerikaner sein, hartgesotten, gut gelaunt. Als Kinder hopsten sie gerne vor Großmutters alter Standuhr, deren Big-Ben-Glockenspiel auf die Erschütterungen mit einem hilflosen Klangchaos reagierte. Von Oma gab es dann immer ein Donnerwetter. Nachdem sie gestorben war, reiste die Standuhr im Überseecontainer von Berlin nach San Francisco, später die gleiche Strecke retour und schließlich wieder zurück in die Staaten, diesmal nach Las Vegas. Dort steht sie noch heute, schlägt ihre Melodie, als könne die Zeit, die sie über das Ziffernblatt wandern lässt, ihr selbst nichts anhaben.

Man spricht über Politik, Familiäres, Alltägliches, die Kinder, da lässt Horst alias Cliff so nebenbei dieses Wort fallen: Napola. Sein Schwager, promovierter Historiker, ist für kurze Zeit paralysiert. Napola steht für „Nationalpolitische Erziehungsanstalt“, eine Schule für den nationalsozialistischen Kadernachwuchs.

Horst, der niedliche blonde Junge, ist acht, als ihn sein Vater auf die Napola bei Posen schickt, mitten im Krieg, 1943. Nur ein Jahr hält Horst es dort aus, dann flüchtet er nach Hannover zu Mutter und Bruder. Der Vater hat in Berlin ein zweites Mal geheiratet. Bomben fallen auf Hannover, zertrümmern die Innenstadt. Die Mutter klammert sich an den jüngeren Bruder. Horst, schon immer ungestümer, unnahbarer, vermisst den Vater.

Die schweren Jahre hat er in sich weggesperrt, niemand kommt an diese Jahre heran. Auch nicht sein Schwager, der wissen will, was er auf der Napola erlebt hat. Horst ist wie einer dieser wortscheuen Westernhelden, die ihre Traumata im Rohzustand belassen, unbearbeitet, um aus ihnen Energie zu schöpfen, die sie ruhelos vorantreibt, auf einem Pferdesattel oder in einem Jaguar-Sportwagen, einem XKE. Mit diesem Wagen wird Horst später schwer verunglücken.

Es sind nur Bruchstücke aus seinem Leben als junger Mann überliefert. Zwischen ihnen klaffen breite Lücken. Horst, blutüberströmt, wird von ein paar Männern nach Hause getragen. Kinder haben ihn von einer fahrenden Trümmerlore geschubst - Lücke. Horst, der oft in Berlin bei seinem Vater ist, wird nach Bautzen verschleppt, weil er im Ostteil was ausgefressen hat – Lücke – nach ein paar Wochen ist er wieder da, als sei nichts geschehen – Lücke – Horst wird von der Polizei verfolgt. Er war zu schnell mit Vaters Auto unterwegs. Am Südstern zerlegt er einen dieser alten preußischen Meilensteine. Zu Hause angekommen, drückt er seiner Stiefmutter den Autoschlüssel in die Hand und rückt wieder aus. Zwei Minuten später sind die Polizisten da.

Diese Geschichte hat er ausnahmsweise selbst erzählt. So wollte er auch beschrieben werden, übermütig, schlitzohrig, widerspenstig, zupackend. Aus diesen Tugenden setzte er sein Spiegelbild zusammen. Er wollte ein Amerikaner sein, einer aus dem Westen, hartgesotten und gut gelaunt. Wenn seine Halb- schwester ihn fragte, wie es ihm ginge, dann sagte er: gut. Wenn sie sah, dass er litt wie ein Hund, dann sagte er trotzdem: gut.

1954 geht er nach Amerika. Er braucht nur drei Worte, um alles zu erzählen: „Ich bin abgehauen.“ Das Verb abhauen gefällt ihm. Es lässt Spielraum für Interpretationen und erklärt sich doch von selbst. Mit zwei Freunden reist er nach Kanada, weil er für die USA kein Visum bekommt. In Kanada fangen alle Neuen als Holzfäller an. Den nächsten Job bekommt er bei der „Canadian Pacific Railway“ als Barmann. Nebenbei beginnt er ein Fernstudium. Auf den langen Fahrten von Küste zu Küste umwirbt er Touristen aus den USA, die für ihn bürgen sollen, damit er einreisen darf. Ein älterer Herr lässt sich überreden, doch die bürokratische Prozedur ist zäher als die Gesundheit des Bürgen. Er stirbt. Schließlich heiratet Horst eine Kanadierin. Als kanadischer Staatsbürger hat er freien Eintritt ins Nachbarland.

Den Vermählten geht bald die Liebe aus. Daran ändern auch die beiden Kinder nichts, die sie bekommen. Horst lässt sich scheiden, reist durchs Land, jobbt, amüsiert sich bei Autorennen, begegnet Paul Newman, bekommt eine Stelle als Computervertreter. Er nimmt die amerikanische Staatsbürgerschaft an und nennt sich Cliff, weil Horst im Englischen wie horse klingt. Cliff lebt den amerikanischen Traum. Er verdient gut, heiratet ein zweites Mal, wird zum dritten Mal Vater, finanziert seiner neuen Familie ein großes Haus mit Pool in San Francisco. Für sich braucht er nicht viel. Nur den schnellen Sportwagen. Im Fahrtwind des 7-Mile-Drive, der Aussichtsstrecke am Pazifik, fühlt sich Horst, als sei er schon als Cliff auf die Welt gekommen.

Eine Geisterfahrerin auf dem High- way, Cliff kann nicht ausweichen. Monatelang wird er im Krankenhaus zusammengeflickt. Seine Firma hält zu ihm, nicht dagegen seine Frau. Das Verlassenwerden setzt ihm zu. Man kann es in seinem Gesicht lesen, auch wenn er weiter behauptet, es gehe ihm gut. Er sucht Trost in der Arbeit. Er hat Heimweh. Seine Firma schickt ihn für anderthalb Jahre nach Deutschland. Hier lernt er seine dritte Frau kennen. Gemeinsam gehen sie zurück nach Kalifornien.

Als sein Vater ihn bittet, das Familienunternehmen, eine Rollladen- und Jalousiefirma, zu übernehmen, sagt er zu. Eine Fehlentscheidung, wie sein jüngerer Bruder meint. Horst versteht nicht, warum es in Deutschland Betriebsräte und Lohnnebenkosten gibt, was „Urlaubszeit“ bedeutet und warum die Geschäfte am Wochenende schließen. Doch er muss sich mit seinem Heimatland arrangieren.

1995 erleidet er einen Herzinfarkt, geht aber erst nach Tagen voller Schmerzen in ein Krankenhaus. Die Notoperation dauert acht Stunden. 1998 verkauft er die Firma und haut noch einmal ab, von Berlin nach Las Vegas. Großmutters Standuhr reist wieder hinterher. Die braucht er nur aufzuziehen, damit sie weitertickt. Den zweiten Herzinfarkt überlebt er drei Tage.

0 Kommentare

Neuester Kommentar