Wirtschaft : Horst Lemke

(Geb. 1936)||Er bestand auf einem Rollstuhl mit zehn km/h. Die normalen fahren sechs.

Judka Strittmatter

Er bestand auf einem Rollstuhl mit zehn km/h. Die normalen fahren sechs. Da sitzen drei Hinterbliebene, ein guter Bekannter, die Enkelin, eine Kollegin, und hinter allem Erzählen, Resümieren und Zurückdenken schimmern Tränen durch. Horst Lemke fehlt, das ist hier nicht zu übersehen. Besuch im Büro des Berliner Behindertenverbandes in Mitte, eine kleine, bescheidene Bleibe, ein Nachmittag in der Woche. Frau Möller, Vize des Verbandes, vermisst ihren Sparringspartner, Lemke und sie waren das Stellvertreterduo hier, eigentlich mehr noch: Herz und Seele.

Horst Lemke, der Mann, der hier so viel bewegte, saß im Rollstuhl, viele Jahre. Diagnose Muskelschwund. Grausames Schicksal für einen, der nicht still sein konnte. Der immer agil gewesen war, flotter Tänzer, Fußballfan. „Schreiben Sie bloß nicht, er war ‚gefesselt’ an den Rollstuhl, da sind wir alle eklig!“ Sie lässt nur durchgehen: „Er war angewiesen“.

Nach seinem 70. im Februar ging es abwärts, Horst Lemkes Optimismus bröckelte, im frühen Sommer dann das Krankenhaus und langes Liegen, eine Qual. Der Tod kam näher und traf auf einen müden Kämpfer, ein Leichtgewicht. Frau Möller sagt und meint es lieb: „Er war doch immer nur ein Hämeken.“

Ein stadtbekanntes allerdings. Die Behindertenbelange waren seine, in Sachen Rollstuhlfahrer war Horst Lemke gern „ein bunter Hund“. Von so einem sagt man, dass ihn alle kennen und stöhnen oder jubeln, wenn er auftaucht. Im Senat, in den Behörden. Nirgends ein Flur, erinnert sich Frau Möller, auf dem sie „Horst“ nicht kannten. Auch bei RBB und ZDF. Arbeitsgemeinschaften, Verbände, Mitgliedschaften – Frau Möller sagt, man wäre schneller fertig, erwähnte man nur die, in denen der Freund nicht zugange war.

Sein großer Coup: die Klage wegen nicht vorhandener Rollstuhl-Plätze im umgebauten Olympiastadion. Und, nicht zu vergessen, Jahre vorher, die Sache mit dem Kran. Die brachte Horst Lemke in die Tagesthemen, und das Rathaus Köpenick bekam endlich den ersehnten Fahrstuhl. Dort war die Bürgerstunde nämlich für Rollstuhlfahrer nicht erreichbar, Horst Lemke simulierte ein Gespräch durchs offene Fenster, aufgehängt an einem Kran.

Und wie ist einer privat, der öffentlich aufs Ganze geht? Horst Lemke, so bringt es dieser Nachmittag hervor, konnte auf beiden Seiten nur rasant. Selbst sein Rolli musste flitzen können, einer seiner ersten, Ende der Siebziger, kam deshalb aus dem Westen: Eine Tante bezahlte das elektrische Gefährt. Und Enkelin Stefanie muss lächeln, als sie vom Ferrari-Aufkleber erzählt, den Opa auf die Batterieverkleidung pappte. Bei der Krankenkasse bestand er auf dem Rollstuhl mit zehn km/h. Die normalen fahren nur sechs. Mehrkosten übernahm er freilich selbst. Sein letzter war ein roter, Formel-1-Fan war der Opa nämlich auch.

Und seine Enkelin ein kleiner Star für ihn. Sandmännchen schaute er mit ihr und Wolf & Rüffel. Und stolz wie Bolle war er, als sie als Sekretärin unterkam im Justizministerium.

Die Fotos, welche die drei Menschen an diesem Nachmittag ausbreiten, zeigen einen alten Herrn mit Schiebermütze, der freundlich in die Runde schaut. Einmal beugt Ulla Schmidt sich über ihn, da gab es das Bundesverdienstkreuz für Horst Lemke, „das, was der Klinsi auch gekriegt hat“, sagt der Bekannte, „am Bande“.

Für die Fußball-WM hatte Horst Lemke Karten, aber da lag er schon im Krankenhaus. Wie soll man ohne ihn jetzt vorwärtskommen? Auch diese Frage steht im Raum an diesem Tag. Frau Möller wischt sie weg. „Berlin ohne Horst Lemke ist nicht vorstellbar!“

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