Wirtschaft : Horst Nordmann

(Geb. 1912)||Wichtig war, ob der Sopran untergeht oder in den Vordergrund drängt.

Karolin Steinke

Wichtig war, ob der Sopran untergeht oder in den Vordergrund drängt. Wir probten vor den Gottesdiensten bis zum letzten Augenblick und hatten dann gerade noch Zeit,die Treppe zur Empore hinaufzurasen. Herr Nordmann immer voran, denn er musste das Präludium spielen.“ Ilse Reimer gerät ins Schwärmen. Viele Jahre sang sie im Chor der Frohnauer Johanneskirche und erinnert sich gern an den Organisten und Kantor, der selbst immer pünktlich war, aber niemanden strafend anblickte, der zu spät zur Probe erschien. Wichtiger war die Frage, ob der Sopran in der Gruppe untergeht oder zu stark in den Vordergrund drängt.

Ein junger Bassist: „Herr Nordmann, sollen wir so singen, wie Sie dirigieren oder wie der Sopran singt?“ – Der Kantor: „Machen wir es so: Sie singen, wie ich dirigiere. Und ich richte mich nach dem Sopran!“

Aber eigentlich war die Kirchenmusik für ihn zuallererst ein Dienst am Herrn: Soli deo Gloria.

Zur Kirche fuhr er immer mit dem Rad. Sein Führerschein lag zu Hause im Schrank, bis er ihn schließlich auf der Polizeiwache abgab. Die Beamten waren baff: Was für ein pflichtbewusster Bürger!

Die Grundsätze hatten viel Zeit, in dem späteren Landeskirchenmusikdirektor zu reifen. Die Pfarrer der Frohnauer Kirche kamen und gingen, Horst Nordmann, der Organist und Kantor, blieb beinahe ein halbes Jahrhundert an der Kirche. Man machte ihn zum Fachberater des Konsistoriums für kirchenmusikalische Fragen; glücklich machte man ihn damit nicht. Die Verwaltung war nicht sein Platz. Er wollte musizieren.

In Halle an der Saale war er in einer wohlhabenden und musikalischen Kaufmannsfamilie aufgewachsen. Das Farben- und Teppichgeschäft des Vaters konnte er wegen seiner Farbsehschwäche nicht übernehmen, stattdessen studierte er in Berlin Musik. Und stand eines Tages vor dem Aushang: „Organist in Frohnau gesucht“. Da war er 21, hatte noch keinen Abschluss, aber kurz darauf die Anstellung.

Mehrere Ehen gingen aus dem Chor hervor. Auch Horsts Frau Renate hatte bei ihm gesungen. 1939, er war gerade drei Monate verheiratet, musste Horst Nordmann in den Krieg. Sechs Jahre Front! Erst als Kanonier in Frankreich, dann in Russland: „Acht Mal eingekesselt. Jedes Mal rausgekommen“, bilanzierte er. Seine unversehrte Heimkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft muss seinen Gottesglauben noch gestärkt haben. Wie hatte er das eisige Leningrad überlebt? Ohne den Fronturlaub – wie schwer fiel der Abschied von seiner Frau jedes Mal –, die wärmenden Pferde und seine kleine Wehrmachtsbibel hätte er es wohl nicht geschafft. Dass diese Jahre den Feingeist für den Rest seines Lebens tief erschüttert hatten, merkten Frau und Tochter an seinem unruhigen Schlaf. Einmal erzählte er mit Schaudern, dass er in Leningrad mit seinem Geschütz eine Straßenbahn getroffen habe.

Gleich nach seiner Heimkehr konnte er in Frohnau seine Stelle als Kantor und Organist wieder antreten. Doch als sei Gott sich der Eignung seines Schützlings noch nicht sicher, prüfte er ihn noch mit zwei Schicksalsschlägen: Renate, seine Frau, erkrankte schwer, er pflegte sie bis zu ihrem Tod. Und seine einzige Schwester im fernen München nahm sich das Leben. Über diese Ereignisse wurde in der Familie Nordmann nicht gesprochen. Die Kraft zum Weiterleben gaben ihm sein tiefer Glaube und die „Evangelische Michaelsbruderschaft“. In dieser Gemeinschaft hat jeder „Bruder“ einen Helfer, der ihm Beistand gewährt. Sein Glaube war Horst Nordmann etwas überaus Privates. Darüber sprach er selten; missionarischer Eifer lag ihm fern.

Die letzten Jahre genoss er mit seiner zweiten Liebe, Hanna, einer ehemaligen Lehrerin – und Sängerin im Kirchenchor. Heiraten und zusammenziehen? Kein Gedanke daran. In respektvollen zweihundert Metern Abstand zu ihm bezog sie eine Wohnung in Frohnau. Da lag die Venedigreise schon hinter den beiden: Fahrten in der Gondel wie ein junges, verliebtes Paar.

Ins Heim zog er mitsamt Elektro-Orgel und dem gewaltigen Flügel. Wie früher besuchte ihn eine Violinistin, um sein Spiel zu begleiten. Sein Gott hat es gut mit ihm gemeint.

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