• Hostel-Betreiber aus dem Grunewald in Berlin : Entnervt von "Sozialindustrie" und 40 jugendlichen Flüchtlingen

Hostel-Betreiber aus dem Grunewald in Berlin : Entnervt von "Sozialindustrie" und 40 jugendlichen Flüchtlingen

Flüchtlingen helfen und damit Geld verdienen? Ein Hostel-Unternehmerpaar aus Berlin hat es versucht – kollidierte aber mit "der Sozialindustrie".

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Neil und Gülnur Nadarajah vor Ihrem Hostel in Berlin-Grunewald.
Neil und Gülnur Nadarajah vor Ihrem Hostel in Berlin-Grunewald.Foto:Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berlins tiefer Westen. Dahlem, Clayallee, abgebogen in die Pücklerstraße mit den Botschaftervillen Richtung Jagdschloss am Grunewaldsee, einen Sandweg entlang: Dort steht ihr grün gestrichener Bungalow mit weißen Fensterrahmen, Solarkollektoren auf dem Dach neben einem Försterhäuschen mit Holzpelletheizung. Es war ihre erste Herberge, eingerichtet im Jahr 1999 nach ökologischen Kriterien. Heute betreibt das Paar drei Hostels. „JETpak Ecolodge“ steht an der Pforte.

Hindurch und die zwei Stufen hoch in den Eingangsbereich, hängt an der Wand seit den Gründungsjahren eine Weltkarte. Gäste haben dort früher immer mit Stecknadeln ihre Heimatorte markiert. Die Nadeln sind herausgerupft. Man sieht aber noch die Löcher im Papier, besonders viele bei England, Irland, Spanien, den USA, Kanada, Australien und Neuseeland. Jetzt auch bei Syrien. Afghanistan ist fast zerfetzt.

So etwas wie ihren Grunewald gibt es in Homs oder Aleppo nicht, hatten sich Neil und Gülnur Nadarajah im Spätsommer 2015 gedacht – und ein Experiment gewagt: Sie boten an, 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge den Winter über in ihrer Waldherberge unterzubringen. Das verschaffte ihnen einen Einblick in „die Abgründe der Sozial- und Flüchtlingsindustrie“, wie sie es nennen.

Spaziergang durch das Hostel JETpak Ecololodge
Gülnur und Neil Nadarajah (45) vor Ihrem Hostel. Hier brachten sie zeitweilig 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unter.Weitere Bilder anzeigen
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05.03.2016 00:16Gülnur und Neil Nadarajah (45) vor Ihrem Hostel. Hier brachten sie zeitweilig 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unter.

Oder etwas neutraler formuliert: Zwei stolze steuerzahlende Unternehmer haben erstmals Bekanntschaft mit einer Welt gemacht, in der sich ohne Spenden und Steuergeld gar nichts bewegt. Wenn eine Behörde, zwei eingetragene Vereine, ein privater Sicherheitsdienst und ein kommerzieller Hostelbetreiber gemeinsam eine Aufgabe lösen sollen – und Geld dabei im Spiel ist, kann es kompliziert werden. Und wohl auch gefährlich.

Kopf-Ab-Videos und Alkohol

Die Nadarajahs berichten von einem psychisch kranken Schläger, Flammen im Schlafraum, jungen Männern, die sich an Kopf-ab-Videos des IS, Ballerspielen auf der Konsole, Alkohol und anderen Drogen berauscht haben sollen. Sie erzählen von zwei Security-Wachleuten, die pädagogisch wertvolle Arbeit geleistet hätten. Es stehen viele Aussagen gegen Aussagen mit Blick auf die Ereignisse im Grunewald zwischen Mitte September 2015 und Mitte Januar diesen Jahres.

Aufenthaltsraum im JETpak-Hostel Ecolodge in Berlin Grunewald. Die Sessel stammen aus der VIP-Lounge des Olympiastadions von der Fifa WM 2006.
Aufenthaltsraum im JETpak-Hostel Ecolodge in Berlin Grunewald. Die Sessel stammen aus der VIP-Lounge des Olympiastadions von der...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Neil und Gülnur Nadarajah, beide 45, sind verheiratet und ein Geschäftspaar, leben privat aber mit neuen Partnern zusammen. Neil wurde in Moskau als Sohn einer Russin und eines Mannes aus Ceylon, heute Sri Lanka, geboren und wuchs in Westend auf. Gülnur, Tochter türkischer Eltern, wurde rund um die Adalbertstraße in Kreuzberg groß. Die beiden studierten Berliner dürfte mancher für Migranten halten und ihnen daher eine spezielle Kompetenz im Umgang mit Flüchtlingen unterstellen. In erster Linie sind die Nadarajahs aber engagierte Bürger und Geschäftsleute, professionelle Gastgeber. Neil Nadarajah ist auch gewähltes Mitglied der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer, arbeitet dort in Ausschüssen mit und entscheidet neuerdings mit über die Vergabe von IHK-Geldern an Bildungsprojekte für Flüchtlinge.

Hotelgutscheine für 50 Euro - ein Zimmer für drei bis vier

Als Langzeitpächter einer einst preisgekrönten Waldherberge, deren 40 Betten im Winter aber kaum im Paket zu vermieten sind, fing das Paar vor Monaten an zu rechnen: Um die sieben bis acht Euro können Betreiber einfachster Unterkünfte in der Wintersaison pro Nacht verlangen für ein Doppelstockbett im Schlafraum mit WC und Dusche auf dem Flur. Einige der heute rund 250 bis 300 Hostels in Berlin gehen in der Wintersaison runter auf drei bis vier Euro. Das Kleingeld kratzen sogar Obdachlose zusammen. Zugleich drückte das Land Berlin Flüchtlingen zeitweise Hotelgutscheine im Wert von 50 Euro pro Nacht in die Hand. Das brachte nicht nur positiven Schwung in Berlins Billig-Betten-Markt.

Für unbegleitete Jugendliche gibt das Jugendamt je nach Standort 50 bis 70 Euro für Unterbringung und Verpflegung pro Person und Tag aus, teilt die Behörde mit. Das Geld teilen sich Betreuer, Sicherheitsdienste, und die Eigentümer oder Betreiber einer Unterkunft. Ihren exakten Anteil wollen die Nadarajahs nicht verraten. Man darf von 25 bis 30 Euro pro Bett und Nacht ausgehen.

„Rein finanziell betrachtet, hat sich das Experiment vielleicht knapp gelohnt“, sagt Neil, wobei er die Schäden, die in dieser Zeit entstanden sind nicht einkalkuliert – oder gar geltend machen will. „Das ist mühsam, dauert viel zu lange“, sagt er. Demolierte Duschen und Türen, eine übergelaufene Zisterne, weil jemand den falschen Knopf am Stromkasten gedreht habe. „Wir wollen das Haus jetzt dämmen und renovieren“. Derzeit steht es leer.

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