Wirtschaft : Hülle mit Fülle

Mit Billionen Euro kämpft die Zentralbank gegen die Krise – und riskiert neue Exzesse.

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Berlin - Es sind berauschende Zeiten: Deutsche Aktien kosten ein Fünftel mehr als zu Jahresbeginn – trotz der Konjunkturflaute. Nordseeöl ist so teuer wie seit dreieinhalb Jahren nicht – obwohl alle Fördernationen versichern, das Angebot sei mehr als ausreichend. Die Wohnungspreise in Berlin-Mitte kletterten zuletzt um 13 Prozent – obwohl an jeder Ecke gebaut wird. Gold ist gefragt wie nie, obwohl es null Prozent Rendite abwirft.

Gemälde, Oldtimer, Briefmarken, Weine – keine Geldanlage scheint zu exotisch in diesen Tagen. Berater, Makler, Vermittler und Galeristen machen glänzende Geschäfte. Sie alle profitieren von der Angst der Besitzenden um ihr Erspartes.

Ausgelöst hat sie Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Mehr als eine Billion Euro hat er bislang in den Finanzsektor gepumpt, um marode Banken vor dem Exitus zu bewahren. Der Leitzins verharrt ohnehin seit Monaten auf einem Rekordtief. Draghis Kritikern schwant, dass die Geldflut nicht ohne Folgen bleiben könnte. „Der Inflationsdruck in Deutschland wird steigen“, unkt Bundesbank-Präsident Jens Weidmann.

Noch halten sich die Folgen der Geldschwemme in Grenzen. Die Preise legten hierzulande zuletzt nur um 2,1 Prozent zu, getrieben vor allem von der teuren Energie. Noch fließt das Kapital nicht vom Finanzsektor in die Realwirtschaft – die Nachfrage nach Krediten ist mäßig, das Wachstum der Geldmenge M3 weit von kritischen Werten entfernt. „Woher soll die Inflation denn kommen angesichts der schwachen Wirtschaftslage?“, fragt Gustav Horn, Ökonom und Chef des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts.

Doch spätestens wenn die deutsche Konjunktur in Fahrt kommt, könnte es eng werden für die EZB. Höhere Leitzinsen würden Krisenstaaten wie Spanien oder Griechenland in große Probleme stürzen und ihr Leiden noch verlängern. Deshalb werden Draghi und seine Leute vermutlich so lange wie möglich an ihrer lockeren Geldpolitik festhalten. Dann aber könnten die Preissteigerungen in der Bundesrepublik bisher unbekannte Größenordnungen von vier Prozent und mehr erreichen – neue Spannungen zwischen den reichen Deutschen und den ärmeren Staaten wären programmiert. „Höhere Inflation wird wahrscheinlich das Ende der Währungsunion bedeuten“, fürchtet Joachim Scheide, Konjunkturchef beim Kieler Institut für Weltwirtschaft.

Zugleich könnten Niedrigzinsen und Ströme von Geld den Keim für eine neue Krise legen. Frankreichs EZB-Ratsmitglied Benoît Cœuré hat bereits davor gewarnt: Der Finanzsektor könnte unkontrolliert wachsen, Institute und Anleger wären womöglich gezwungen, bei ihren Investments unverantwortbar große Risiken einzugehen. Schließlich haben sie ihren Kunden ordentliche Renditen versprochen. Die Blasen, die sich heute abzeichnen, wären dann womöglich erst der Anfang. Zur Gefahr werden sie, wenn sie unkontrolliert platzen und erneut Banken in eine Schieflage bringen – wie 2007, als sich die Exzesse am amerikanischen Häusermarkt plötzlich in Luft auflösten. Die Krise, die bereits ins fünfte Jahr gegangen ist, wäre dann noch lange nicht vorbei.

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