Wirtschaft : "Hüten sie sich vor Subventionen"

Pieroth und Dreher eröffnen Gründertage / Starthilfen in die Selbständigkeit

BERLIN.Halogenlampen, buntbeklebte Stellwände, unzählige Prospekte.Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Gründertage Berlin-Brandenburg nicht von einer gewöhnlichen Messe.Da stehen Trauben von Menschen um Computerbildschirme und lassen sich von adrett gekleideten Firmenrepräsentanten Hochglanzbroschüren in die Hand drücken.Ein dickes Programm listet all die Seminare und Vorträge auf, die die Ausstellung begleiten.Eine zweite Funkausstellung ist es freilich nicht, die da an diesem Wochenende im Hauptgebäude der Technischen Universität Berlin stattfindet.Das junge Publikum deckt sich zwar ordentlich mit Infomaterial ein, ihr Interesse gilt jedoch nicht der nächsten Generation von Fernsehern, sondern ihrer eigenen Zukunft, und wie sie diese als Unternehmer gestalten können. Wirtschaftssenator Elmar Pieroth warnte gleich zu Beginn: "Erwarten sie nicht, daß sie als Lebenskünstler hier hereinspazieren und als Unternehmer herausgehen." Eine Gründermesse wie diese sei vielmehr eine Ideenbörse, ein Platz um Anregungen mitzunehmen und Kontakte zu knüpfen.In der Tat: Viele Messebesucher kamen ohne festen Geschäftsplan in der Tasche auf die Aussteller zu."Die meisten schauen sich ohne konkrete Pläne um", hieß es bei der Wirtschaftsförderung Berlin.Dort bekamen alle die, die an das eigene Unternehmen denken, erst einmal eine Art Checkliste mit, wie sich ein Unternehmenskonzept aufstellen läßt. Fragen konkreter Art dagegen bei den Banken."Wir müssen frühzeitig Kontakte knüpfen für weitere Finanzierungen", erklärte Sven Weiß, dessen Firma PC-Notruf immerhin schon seit sechs Jahren besteht."Wir sind eigentlich immer in der Gründungssituation", bekräftigte er kurz vor einem Termin bei einer der Förderbanken.Institute wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau, die Investitionsbank Berlin-Brandenburg oder die Deutsche Ausgleichsbank hatten regen Zulauf. Sich auf privatem Wege Geld zu besorgen dürfte ganz im Sinne des Wirtschaftssenators sein."Hüten sie sich vor der Subvention", sagte Pieroth zur Messeeröffnung, "die eigene Anstrengung wird durch nichts ersetzt." Es folgte der Verweis auf die eigene Unternehmensgründung und die Bekräftigung, es heute noch einmal zu tun: "Wenn ich 18 wäre, würde ich vielleicht einen Direktvertrieb für eine Firma aus Polen aufmachen", lieferte Pieroth gleich die Geschäftsideen mit.Und noch einen Rat hatte der erfahrene Unternehmensführer und Politiker: "Halten sie die Investitionen möglichst niedrig." Das ist freilich leichter gesagt als getan."Von den Banken habe ich immer dann das Geld gekriegt, als es eigentlich schon zu spät war", erzählte Andreas Müller denen, die auch einmal ein eigenes Unternehmen haben wollen.Mit drei Kollegen aus einer Abteilung eines Großunternehmens hat sich der 37jährige vor neun Jahren selbständig gemacht.Das Geld für die nötigen Investitionen sei zwar immer von den Banken gekommen, aber nie zum richtigen Zeitpunkt.Müller legte allen Neueinsteigern nahe, das Firmenkonzept niederzuschreiben."Ab und zu schaue ich da heute noch rein", sagte er, "und manche Ideen haben wir immer noch nicht verwirklicht." Der Erfolg von Müllers Firma Acotec kann sich dennoch sehen lassen: 150 Leute stehen heute auf den Gehaltslisten. Den Schritt in die Selbständigkeit wagen in Berlin immer mehr Menschen.Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer haben 1996 rund 7000 Berliner ihre eigene Firma gegründet.Über 10 000 potentielle Gründer nehmen jedes Jahr Kontakt mit der Kammer auf, wenn sie sich selbständig machen wollen.Alle zwei Wochen gibt es ein unentgeltliches Einführungeseminar.Auf Expertenhilfe zurückgreifen können auch die Jungunternehmer im "Phönix Gründerzentrum Am Borsigturm".Erfahrene Manager der Herlitz AG, die das Gelände in Tegel vermarktet, arbeiten neben ihrem normalen Job als Berater in Feldern wie Marketing, Finanzen und Vertrieb. Am Sonnabend konnten die Besucher der Gründertage die sogenannten Coaches übers Internet befragen.Das Coaching-Projekt habe auch Vorteile für Herlitz, betonte Martin Kleinschmitt, Vorstandsvorsitzender der Herlitz Falkenhöh AG."Die Kontakte helfen uns als Traditionsunternehmen innerlich jung und beweglich zu bleiben." Möglicherweise könnten auch neue Ideen in das Großunternehmen einfließen.Mit Hilfe der Herlitz-Experten mag den meisten Gründerfirmen in Tegel die Pleite erspart bleiben.Brandenburgs Wirtschaftsminister Burkhard Dreher setzte sich auf den Gründertagen dennoch für eine Reform des Insolvenzrechts ein."Man muß den Menschen ermöglichen, einmal einen Versuch zu wagen und hinterher nicht ein Leben lang auf den Schulden sitzenzubleiben." In Brandenburg seien in diesem Jahr schon rund 1000 Unternehmen gegründet worden, "und die Insolvenzen gehen zurück", freute sich der Minister. Über 3000 Besucher erwarteten die Organisatoren der Gründertage - das Bildungswerk der Wirtschaft - am Wochenende.70 Veranstaltungen standen auf dem Programm zu den Bereichen Marketing, Finanzierung, Recht, Management, Franchising, Betriebsübernahme und Gründungskonzepte.Elmar Pieroth reicht das alles noch nicht.Er versprach, aus den Gründertagen Berlin-Brandenburg eine Veranstaltung für ganz Deutschland zu machen.Das Existenzgründerinstitut würde dafür an deutschen Unistädten Werbung machen.JOACHIM HOFER Gründertage Berlin-Brandenburg, Straße des 17.Juni 135.Nur noch heute, ab 10 Uhr.

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