Wirtschaft : Hüter des Schatzes

Wie China seine Devisenreserven von mehr als 1,5 Billionen Dollar in der westlichen Welt anlegt

Harald Maass[Peking]
Tagung des Volkskongresses
Renditebewusst. Auf dem chinesischen Volkskongress im März wurde die neue Anlagestrategie angekündigt. Foto: picture-alliance/dpaEPA

Zhou Xiaochuan, der Chef der chinesischen Zentralbank, hat ein Problem. Derzeit wachsen Chinas Währungsreserven um durchschnittlich 1,5 Milliarden US- Dollar am Tag. Kein Land der Erde verfügt über einen ähnlich hohen Währungsschatz wie China. Irgendwo muss das Geld hin. Dass China sich bei dem US-Finanzinvestor Blackstone mit drei Milliarden Dollar eingekauft hat, war für viele im Westen eine Überraschung. Und auch Chinas KP-Führer sehen den Einstieg als strategisch bedeutsam an – aber um eine große Summe ging es aus ihrer Sicht bei dem Milliardendeal nicht. Denn China sitzt auf den weltweit größten Devisenreserven: Ende März waren es 1,2 Billionen Dollar, rund 885 Milliarden Euro. Der Einstieg bei Blackstone war deshalb nur ein erster Schritt. China will sich künftig weltweit als Großinvestor bei Firmen einkaufen.

Gründe für Chinas rasant wachsenden Dollarvorräte sind der Wirtschaftsboom und Pekings Devisenkontrollen. Chinas Wirtschaft wuchs im ersten Quartal um 11,1 Prozent, wobei vor allem der Export in die USA brummt. Die chinesischen Firmen, die von der Mikrowelle bis zum Designersportschuh ihre Produkte ins Ausland verkaufen, müssen ihre eingenommenen Devisen jedoch bei Pekings Regierung in chinesische Yuan umtauschen.

Die Folge: Chinas Zentralbank kauft Monat für Monat Milliardenbeträge an Fremdwährungen auf, vor allem US-Dollar. Der Berg an Devisenreserven wird größer und größer. Bislang haben Pekings KP-Mächtige den Großteil dieses Währungsschatzes in festverzinslichen US-Staatsanleihen angelegt. Nur ein kleiner Teil, vermutlich weniger als ein Drittel, ist in Euro und anderen Währungen investiert, meinen Beobachter. Dafür gibt es politische Gründe: Durch den stetigen Ankauf von US-Dollar in den vergangenen Jahren stabilisierte China die Währung des wichtigsten Handelspartners, den USA. Gleichzeitig schützte man die eigene Währung, den chinesischen Yuan, vor Angriffen durch Währungsspekulanten.

Die Nachteile dieser Politik: Die hohen Dollar-Bestände machen China verwundbar durch Wechselkursschwankungen des Dollars. Zudem verdient Peking mit den US-Anleihen kaum Rendite. Bereits auf dem Volkskongress im März kündigte Peking deshalb an, dass es seine Währungsreserven künftig durch eine Investmentgesellschaft aktiv managen werde. Vorbild dafür ist die Temasek Holding, der Investmentarm der Regierung Singapurs, die 62 Milliarden Euro an staatlichen Geldern verwaltet und investiert. Temasek erwirtschaftet seit 1974 eine durchschnittliche Rendite von 18 Prozent im Jahr – weit über den geschätzten drei Prozent, die China bisher durch die US-Anleihen verdient. Auch andere asiatische Länder, die zusammen über weitere zwei Billionen US-Dollar an Reserven verfügen, denken über die Gründung von Investmentgesellschaften nach. Selbst mit einer vorsichtigen Anlagepolitik könnte dies der Region eine „jährliche Dividende von 60 Milliarden US-Dollar einbringen“, heißt es in einem Bericht der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB).

Eine Umschichtung dieser Währungsreserven birgt jedoch Risiken. Selbst wenn China nur einen Teil seiner US-Anleihen verkaufen würde, hätte dies dramatische Auswirkungen auf die US-Zinsen und würde den Dollar schwächen. Ministerpräsident Wen Jiabao sah sich deshalb genötigt, die Finanzmärkte zu beruhigen. „Der Ankauf von Dollaranlagen ist von gegenseitigem Vorteil. Die geplante neue Gesellschaft für die Investition der Devisenreserven wird die Anlage von Dollar nicht beeinträchtigten“, erklärte Wen vor Journalisten.

Beobachter glauben jedoch, dass China zumindest schrittweise seine Währungsreserven diversifizieren wird, um sich gegen einen fallenden Dollar zu schützen. Egal welche Anlagestrategie China künftig verfolgt: Die Wechselkurse der Weltwährungen werden künftig auch in Peking mitbestimmt. Und nicht nur das: Blackstone ist schließlich an vielen bekannten Unternehmen beteiligt, zum Beispiel auch an der Deutschen Telekom.

0 Kommentare

Neuester Kommentar