Wirtschaft : Hunderttausende Jobs stehen auf der Kippe

Rezession und Euro-Anstieg verschärfen Arbeitsmarkt-Probleme – Zentralbank lässt Zinsen dennoch unverändert

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Berlin (brö/mot). In der deutschen Wirtschaft könnten in diesem Jahr erneut mehrere Hunderttausend Arbeitsplätze verloren gehen. Der Kursanstieg des Euro seit Januar wird nach Berechnung von Experten zur Streichung von bis zu 100 000 Stellen führen. Der Handwerksverband ZDH rechnet zudem wegen der Konjunkturflaute mit dem Abbau von rund 300 000 Jobs in der Branche. Die Europäische Zentralbank (EZB) ließ die Leitzinsen am Donnerstag dennoch unverändert.

Ein Anstieg des Euro um zehn Prozent gegenüber den wichtigen Währungen der Welt kostet laut Ulrich Hombrecher, Chefvolkswirt der West LB, zwischen 50000 und 100000 Arbeitsplätze. Gegenüber dem Dollar ist der Euro seit Januar um fast zwölf Prozent angestiegen, gegenüber dem britischen Pfund und dem japanischen Yen um jeweils zehn Prozent. Am Donnerstag setzte der Euro nach kurzer Pause seinen Anstieg fort, der EZBReferenzkurs lag bei 1,1720 Dollar. Die Aufwertung dürfte sich in den kommenden zwei Wochen fortsetzen – Hombrecher hält die Marke von 1,20 US-Dollar für einen Euro für realistisch. Auch Anton F. Börner, Chef des Bundesverbandes des Groß- und Außenhandels (BGA), findet die Stärke der europäischen Währung gefährlich. „Das kostet Arbeitsplätze, das ist gar keine Frage“, sagte er dieser Zeitung.

Ursache des Euro-Anstiegs ist die große Zinsdifferenz zwischen Amerika und Europa. Sie sorgt dafür, dass Kapital zunehmend auf den alten Kontinent transferiert wird. Die EZB unternahm vorerst nichts, um diesen Trend zu stoppen. Bei der Sitzung des Notenbank-Rates seien keine geldpolitischen Beschlüsse gefasst worden, teilte die EZB mit. Die Mehrzahl der Experten geht jetzt fest davon aus, dass die Bank in 14 Tagen den Leitzins für den Euroraum um 50 Basispunkte auf dann 2,0 Prozent senken wird.

„Es hätte schon einen handfesten Grund für die EZB geben müssen, um von ihrem Grundsatz abzuweichen, immer nur am Monatsanfang über die Zinsen zu entscheiden“, sagte Rainer Sartoris von HSBC Trinkaus & Burkhardt. „Die Euro-Aufwertung ist es nicht.“ Zwar sei der rasante Anstieg des Euro für die Exporteure problematisch, die EZB sei aber nicht allein für die Entwicklung auf dem Devisenmarkt zuständig. Nur in Ausnahmefällen – etwa nach den Anschlägen am 11. September 2001 – müsse die EZB zur Marktstabilisierung intervenieren.

Der Euro-Anstieg wird derweil nach Erwartungen der meisten Experten die Wachstumsprobleme Deutschlands verschärfen. „Mit jedem Cent, um den der Euro weiter steigt, sinkt die Chance auf eine merkliche wirtschaftliche Erholung Deutschlands in diesem Jahr“, sagte Hombrecher. Die Wachstumserwartung der Regierung von 0,75 Prozent sei immer unrealistischer. Die West LB geht nur von einem Plus von 0,25 Prozent aus. Auch die sechs führenden Wirtschaftsinstitute überarbeiten derzeit ihre Vorhersagen.

Handwerk schrumpft seit vier Jahren

In den ersten drei Monaten dieses Jahres ist das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Vorquartal um 0,2 Prozent geschrumpft, wie das Statistische Bundesamt gestern in Wiesbaden endgültig bestätigte. Hauptgründe dafür waren die um 0,4 Prozent gesunkenen Exportüberschüsse und die anhaltende Bauflaute. Da das BIP bereits im vierten Quartal 2002 mit einer so genannten roten Null von minus 0,03 Prozent abgeschlossen hatte, befindet sich Deutschland nun in einer Rezession.

Ein Beleg für die Wirtschaftsflaute ist die Lage des Handwerks. Der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) erwartet für dieses Jahr eine abermalige Abnahme der Branchenleistung um 5,6 Prozent und den Verlust von rund 300000 Arbeitsplätzen. „Zu der geringen Nachfrage, sinkenden Erträgen und mangelnden Finanzierungsmöglichkeiten kommt die stark ausgeprägte Perspektivlosigkeit angesichts der schrumpfenden Gesamtwirtschaft“, sagte ZDH-Geschäftsführer Hanns-Eberhard Schleyer in Berlin. Besonders im konsumnahen Handwerk sieht es einer ZDH-Umfrage unter 24000 Betrieben zufolge schlecht aus. Vier von zehn Handwerkern erwarteten weitere Umsatzverluste, viele planten einen weiteren Stellenabbau.

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