Wirtschaft : Hunger auf Deutschland

Finanzinvestoren haben im ersten Halbjahr so viel Geld angelegt wie nie – bald könnte der erste Dax-Konzern übernommen werden

Rolf Obertreis

Frankfurt am Main - Finanzinvestoren legen in Deutschland so viel Geld wie nie zuvor an. Dabei wird der Standort offenbar vor allem für Investoren aus den USA und Großbritannien immer interessanter. Auch der Kauf eines Dax-Konzerns scheint nur eine Frage der Zeit zu sein: „In den nächsten zwölf bis 18 Monaten werden wir einen ernst gemeinten Übernahmeversuch sehen“, sagte Joachim Spill von der Unternehmensberatung Ernst & Young am Montag in Frankfurt.

Deutschland sei für Finanzinvestoren einer der aktivsten und attraktivsten Märkte überhaupt. Auch Immobilien- und Wohnungspakete von Unternehmen und Kommunen stünden im Fokus der vor gut einem Jahr von Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) als „Heuschrecken“ bezeichneten Finanzinvestoren. Nach Angaben von Spill geht es bei solchen Investments nicht immer um klassische Übernahmen. Auch ohne die Mehrheit zu besitzen, könnten die Investoren Einfluss nehmen. Jüngstes Beispiel: der Einstieg des US-Investors Blackstone bei der Deutschen Telekom für 2,7 Milliarden Euro. Zu den spektakulärsten Geschäften im ersten Halbjahr zählten ferner der Verkauf von Karstadt-Quelle-Immobilien an Whitehall für 4,5 Milliarden Euro. Gut drei Milliarden Euro brachte der Verkauf von Europcar an die französische Eurazeo ein.

Auch wenn die Renditen wegen der gestiegenen Zinsen, des reichlich vorhandenen Kapitals und der Konkurrenz nur noch knapp zweistellig sind, haben die so genannten Private-Equity-Investoren im ersten Halbjahr in Deutschland so viel gekauft wie nie zuvor. Mit 106 Transaktionen – 20 mehr als im Vorjahreszeitraum – registrierte Ernst & Young in seiner aktuellen Studie einen neuen Rekord. 49 davon entfielen auf deutsche Investoren. Der Wert der Transaktionen kletterte von 17,6 auf 20,8 Milliarden Euro. „Der Boom wird weiter anhalten“, glaubt Spill. Die Auflösung der Deutschland AG sei noch nicht beendet, nach wie vor trennten sich Konzerne von Bereichen, die sie nicht mehr zu ihrem Kerngeschäft zählten. Zudem seien viele Branchen weiter stark fragmentiert, so dass Finanzinvestoren vom Kauf von Unternehmen und von der anschließenden Zusammenlegung profitieren könnten. Auch im Mittelstand sieht Spill mittlerweile eine größere Bereitschaft, mit Finanzinvestoren zusammenzuarbeiten. Ein Verkauf sei mittlerweile auch für diese Firmen eine „selbstverständliche strategische Option“.

Im ersten Halbjahr gab es in Deutschland fünf so genannte Megadeals mit einem Volumen von mehr als 500 Millionen Euro. Größtes deutsches Geschäft war dabei der Verkauf von MAN Roland Druckmaschinen an Allianz Capital Partners für 600 Millionen Euro. Immer wichtiger werden Investitionen in Immobilien: Der Wert dieser Geschäfte lag im ersten Halbjahr bei 7,7 Milliarden Euro, nach 12,6 Milliarden im gesamten Jahr 2005. Spektakulärster Fall in diesem Jahr: die Abgabe der stadteigenen Wohnungsgesellschaft in Dresden an Fortress für 1,7 Milliarden Euro. „Das Geschäft mit Immobilien wird weiter florieren. Bund, Länder und Gemeinden haben erkannt, das ihre Wohnungsportfolios für Investoren sehr interessant sind und attraktive Preise erzielen“, sagte Ernst & Young-Experte Spill.

Allerdings werden auch die Geschäfte für Finanzinvestoren mit Blick auf die Renditen nicht einfacher. Damit, so Spill, müssten sich die Finanzinvestoren stärker als in der Vergangenheit um das Management in den Unternehmen kümmern. Neue Produkte müssten für höhere Umsätze und Margen sorgen, die Kosten weiter gedrückt werden. Was dies letztlich für Mitarbeiter der betroffenen Firmen oder für Wohnungsmieter bedeuten könnte, blieb bei der Vorstellung der Ernst&Young-Studie offen.

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