Wirtschaft : Hurra, Exportweltmeister!

In der Diskussion um die Qualität des Standorts Deutschland argumentieren viele gerne mit der Handelsbilanz.Sie gilt manchem als Merkmal dafür, wie gut es um den heimischen Standort bestellt sei.In der Handelsbilanz steht, wie viele Güter eine Volkswirtschaft einführt und ausführt.Wer nun diese Zahlen für Deutschland interpretiert, könnte schnell zum Schluß gelangen, es stehe bestens um die deutsche Volkswirtschaft: Schließlich ist Deutschland Exportweltmeister.Kein Wunder ist es da auch, daß sich mit rekordverdächtigen Ausfuhren ein Überschuß in der Handelsbilanz ergibt.Dabei kann man den Titel vom Export-Weltmeister guten Gewissens als einen der großen Irrtümer der Ökonomie bezeichnen.

Warum? Zum einen ist eine solche Bilanz rückwärtsgerichtet und stellt nur dar, was in der Vergangenheit war.Zum anderen halten viele die Handelsbilanz sowieso für den falschen Maßstab: Schließlich gibt sie nur einen Teil der Leistung eines Landes wieder.In die Leistungsbilanz fließen neben den Handelszahlen die Daten über Dienstleistungen und Übertragungen ein.Bei den Dienstleistungen weist die deutsche Volkswirtschaft ein gigantisches Defizit auf - was vor allem an den Urlaubsreisen im Ausland liegt.Auch die Übertragungen ergeben überwiegend ein Defizit: Zu denen zählen beispielsweise die Gelder von Ausländern, die in Deutschland arbeiten und einen Teil ihres Einkommens nach Hause überweisen, aber auch Leistungen im Rahmen von Entwicklungshilfe sowie an internationale Organisationen wie die Europäische Union und die Vereinten Nationen.Was unterm Strich an Defizit oder Überschuß bleibt, ist dann das Leistungsbilanz-Defizit oder der Leistungsbilanz-Überschuß.

Was nun noch fehlt, ist die Kapitalbilanz.Sie faßt die Transaktionen zusammen, die Kapital bewegen - zum Beispiel Investitionen von Unternehmen, Aktienkäufe von Spekulanten oder Devisenverkäufe der Bundesbank.Das Interessante an Leistungs- und Kapitalbilanz ist, daß sie sich immer ausgleichen: Mit einem Leistungsbilanz-Überschuß geht automatisch ein Export von Kapital einher.Das ist zugleich das Gefährliche an Leistungsbilanz-Überschüssen, auf die der Stammtisch-Ökonom besonders stolz ist: Denn dann verläßt knappes Kapital den Standort.Sparer legen ihr Geld lieber in der Fremde an, und Investitionen finden weniger in Deutschland statt als im Ausland - wo daraufhin neue Arbeitsplätze entstehen.Das ist schlecht für den Standort und gleichzeitig ein schlechtes Signal für seine heutige Qualität - und somit ein eklatanter Widerspruch zur Freude über den Titel des Export-Weltmeisters.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben