Wirtschaft : Hypo-Vereinsbank in ihrer schwersten Krise

Neuer Chef Dieter Rampl soll das Institut wieder in die schwarzen Zahlen führen/Risikovorsorge massiv erhöht

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München (nad). Die Konjunktur und Börsenflaute macht der Hypo-Vereinsbank (HVB) schwer zu schaffen: Im dritten Quartal sei ein operativer Verlust von 684 Millionen Euro angefallen, teilte die zweitgrößte deutsche Bank am Mittwoch in München mit. Damit ist die HVB erstmals in zwei aufeinander folgenden Quartalen in die roten Zahlen gerutscht und hat die ohnehin pessimistischen Prognosen der Analysten noch unterboten.

Den Weg aus der schwersten Ertragskrise in der Geschichte des Kreditinstituts soll künftig Dieter Rampl bahnen. Der Firmenkunden-Vorstand wird Vorstandschef Albrecht Schmidt im Januar 2003 ablösen, teilte die Bank mit. Schmidt wechsele dann an die Spitze des Aufsichtsrates. Die HVB-Aktie reagierte auf die Nachrichten mit einem Kurssturz. Bis zum Handelschluss fiel sie um XXX Prozent auf XXX Euro.

Der designierte Konzernchef Rampl kündigte an, den von seinem Vorgänger eingeschlagenen Sparkurs weiter zu verschärfen. „Wir müssen konsolidieren und können deshalb einen weiteren Personalabbau nicht ausschließen”, sagte Rampl. Er machte jedoch klar, dass Stellenkürzungen nicht zu Lasten des Filialgeschäfts gehen dürften. Bislang will die HVB bis 2004 insgesamt 9100 Stellen streichen. Rampl kündigte außerdem an, den Konzern tiefgreifend umzubauen.

Die HVB soll sich künftig stärker auf das Privatkunden- und das mittelständische Firmenkundengeschäft konzentrieren. Dazu wird das gewerbliche Immobilienfinanzierungsgeschäft mit den Hypothekenbank-Beteiligungen gebündelt und möglichst als eigenständiger Konzern abgespalten. Das private Immobiliengeschäft soll dagegen weiterhin als Kerngeschäft im Konzern bleiben. Auch bei defizitären Töchtern will Rampl durchgreifen. „Wir werden uns von Randaktivitäten, die nicht mehr zu unserem Kerngeschäft passen, trennen”, sagte er. Allein die Direktbank-Tochter DAB Bank habe in den ersten neun Monaten 90 Millionen Euro Verlust gemacht. Branchenkreisen zufolge soll der erfolglose DAB-Chef Matthias Kröner so schnell wie möglich abgelöst werden.

Mit ihrem harten Kurs versucht die HVB, ihre Bilanz zu retten, in die die schwachen Kapitalmärkte tiefe Spuren gegraben haben: In den ersten neun Monaten entstand ein operativer Verlust von 443 Millionen Euro; im Vorjahreszeitraum war es noch ein Plus von 1,4 Milliarden Euro. Der Zinsüberschuss gab im selben Zeitraum um knapp sechs Prozent auf fünf Milliarden Euro nach. Der Provisionsüberschuss sank um knapp sieben Prozent auf gut zwei Milliarden Euro. Das Handelsergebnis (siehe Lexikon, Seite 18) ging sogar von 227 auf 58 Millionen Euro zurück. Dank eines satten Gewinns aus Finanzanlagen – unter anderem durch den Verkauf von Allianz-Anteilen – blieb in den ersten neun Monaten ein Nachsteuer-Gewinn von 126 Millionen Euro. Eine Prognose für das Gesamtjahr wagte die Bank nicht.

Da die HVB mit einem Portfolio von 450 Milliarden Euro zu den größten Kreditgebern in Europa zählt und dabei vor allem kleine und mittelgroße Firmen betreut, leidet sie unter der europaweiten Pleitewelle und dem schwachen Immobilienmarkt stärker als die Konkurrenz. Deshalb hat sie ihre Risikovorsorge für dieses Jahr kräftig angehoben: Von 2,5 auf 3,3 Milliarden Euro. „Ob das das Ende der Fahnenstange ist, kann nicht seriös beantwortet werden”, sagte Finanzvorstand Wolfgang Sprißler.

Einen Lichtblick sieht die HVB immerhin beim Kostenabbau: Der Verwaltungsaufwand lag in den ersten neun Monaten nur noch bei 5,6 Milliarden Euro – 3,3 Prozent niedriger als im gleichen Vorjahreszeitraum. Der rigide Sparkurs, den Bankchef Schmidt im Sommer verordnet hatte, trägt somit Früchte. Damals hatte Schmidt angekündigt, „alles zu straffen, was noch nicht straff genug ist und jeden Cent, für den es keinen raschen Return gibt, einzusparen“. Schmidt gibt das Ruder des Konzerns in einer denkbar ungünstigen Zeit an Rampl ab. „Ich bin kein Freund von unklaren Kompetenzen; deshalb schien mir ein klarer Schnitt zum Jahreswechsel am besten”, sagte er.

Ursprünglich wollte Schmidt sein Amt erst zur Hauptversammlung im kommenden Mai abgeben. Bankenkreise trauen Rampl die Sanierung der HVB am ehesten zu, weil er großen Rückhalt bei den Mitarbeitern genießt und als Urgestein der Bank Stärken und Schwächen der HVB gut kennt. Der 55-jährige Münchner kam 1968 zur Vereinsbank und blieb ihr – abgesehen von einem kurzen Abstecher zur BHF-Bank – bis heute treu. Rampl hat sich vor allem mit der Umstrukturierung des Firmenkundengeschäfts vor zwei Jahren, die weitgehend ohne betriebsbedingte Kündigungen über die Bühne ging, großen Respekt erworben. Allerdings ist der Münchner auch für die hohen Wertberichtigungen im Firmenkundengeschäft verantwortlich. Rampl hat sich vor allem aufgrund seiner Erfahrung gegen seine jungen Mitbewerber Stephan Bub (44) und Stefan Jentzsch (42) durchgesetzt. Für sie sei die Zeit angesichts der schwierigen Lage noch nicht reif gewesen, hieß es im Unternehmen. Siesollen aber ein Kernteam um Rampl bilden und gelten als Kronprinzen, da Rampl wohl nur für eine Periode von fünf Jahren amtieren wird.

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