IBB-Chef im Interview : „Berlin muss zeigen, dass man hier Geld verdienen kann“

Ulrich Kissing, Chef der Förderbank IBB, erklärt im Tagesspiegel-Interview, warum die Berliner Gründerszene so dynamisch ist - und warum es für die Bank um mehr geht als Wagniskapital.

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Seit 2009 ist Ulrich Kissing Vorstandsvorsitzender der Investitionsbank Berlin (IBB).
Seit 2009 ist Ulrich Kissing Vorstandsvorsitzender der Investitionsbank Berlin (IBB).Foto: Thilo Rückeis

Herr Kissing, Ihre Bank hat ausgerechnet, dass alle 20 Stunden ein Start-up in Berlin gegründet wird. Woher kommt die Dynamik?

Berlin wird immer mehr als guter Standort zum Gründen entdeckt. Hier hat sich inzwischen eine sehr gute Gründer-Infrastruktur entwickelt, von der Start-ups profitieren können. Dies schließt eine solide Wissenschaftsbasis, gute Netzwerke und eine gezielte Förderung ein. Außerdem hat Berlin einen Kostenvorteil gegenüber anderen Metropolen. Und die Stadt ist so attraktiv, dass sie Talente aus der ganzen Welt anzieht. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie international die Teams zusammengesetzt sind. Es entsteht ein Humus, auf dem immer neue Start-ups wachsen.

Aber bis jetzt sind nur wenige Pflanzen richtig groß geworden.
Im Vergleich mit den USA gibt es noch relativ wenig Wagniskapital. In diesem Jahr fließen in Deutschland nur 240 bis 250 Millionen Euro an Risikokapital in junge IT-Unternehmen, davon 130 Millionen Euro nach Berlin. Experten wie etwa Hasso Plattner nehmen an, dass in den USA das 20-Fache im Markt ist. Wir sollten uns jedoch nicht nur auf die IT- Start-ups fokussieren. Wir laufen Gefahr, die Technologie-Start-ups zu vergessen. Von denen gibt es hier wesentlich mehr.

Wie viele Geschäftspläne prüfen Sie?
Wir sind deutschlandweit einer der aktivsten Fonds – und das, obwohl wir nur in Berlin investieren. 300 Konzepte schauen wir uns jedes Jahr an, für fünf Prozent davon geben wir Geld. Das ist normal. Für ein gutes Konzept mit sehr gutem Team gibt es auch Geld.

Und wie beurteilen Sie die Qualität der Geschäftspläne?
Heute ist die Qualität viel besser als etwa um das Jahr 2000 herum. Die Firmen sind solider geplant, die Konzepte stärker validiert. Auch die Investoren schauen genauer hin. Das Geld sitzt einfach nicht mehr so locker, was mit Blick auf das Risiko auch richtig ist.

Ist die Entwicklung nachhaltig?
Das muss sich noch beweisen. Wir haben schon einige gute Exits in Berlin gehabt. Das heißt, wir oder andere frühe Investoren sind mit hohem Gewinn wieder aus einem Start-up ausgestiegen. Aber noch ist für kein Berliner Start-up ein Exit mit mehreren hundert Millionen Euro zustande gekommen. Darum schauen alle so gespannt auf die Entwicklung bei Zalando. In den Online-Händler ist viel Geld investiert worden. Nun muss Berlin zeigen, dass man hier auch viel Geld verdienen kann. Wir brauchen Erfolge, die deutlich über Berlin hinausstrahlen. Denn das ist es, was Start-ups und Venture-Capital-Gesellschaften wollen: Geld verdienen. Das Potenzial haben wir, aber der Beweis fehlt noch.

Vielen Start-ups wird vorgeworfen, sie seien nur die Kopie einer Geschäftsidee aus dem Silicon Valley.
Zugegeben, es gibt eine ganze Menge Nachahmer. Aber das ist ja nichts Schlechtes, wenn es gut gemacht ist. Facebook war auch keine ganz neue Idee, nur besser gemacht. Es ist auch ganz normal, dass man zuerst mit Dingen startet, die anderswo schon erfolgreich sind. Da ist genug Raum, um sich zu entfalten. Am Ende entscheidet der Markt, welches Modell sich durchsetzt.

Worauf schauen Sie, wenn Sie vor einer Investitionsentscheidung stehen?
Auf das Team, das Konzept und das Wachstumspotenzial – alles muss stimmen. Start-ups in den USA haben den Vorteil, dass sie einen großen Heimatmarkt haben, mit einer Sprache und einer Gesetzgebung. Der deutsche Markt dagegen ist relativ klein. Also muss man sich von Anfang an international aufstellen und das geht eben in Berlin ganz gut.

Um welche Investitionssummen geht es?
Wir haben seit 1997 bereits 128 Millionen Euro in Berliner Start-ups investiert. Und da wir nie allein, sondern immer nur zusammen mit privaten Geldgebern investieren, haben wir in der Zeit zusätzlich 792 Millionen Euro private Mittel nach Berlin geholt. Allein 2013 haben wir bis November in elf Gründungen neu investiert und 36 bestehende Investments mit weiteren Mitteln ausgestattet. Insgesamt waren das 12,1 Millionen Euro von uns und noch einmal 67,4 Millionen Euro von privaten Investoren. Wir sind gut unterwegs.

Was ist für 2014 geplant?
Es beginnt eine neue Förderperiode, bei der das Land Berlin neue Mittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) bekommt. Für die Wagniskapitalfonds sind 40 Millionen Euro geplant, weitere 40 Millionen Euro kommen von der IBB.

Werden Sie mit den 80 Millionen Euro einen neuen Fonds auflegen?
Darüber haben wir noch nicht endgültig entschieden. In der Regel ist ein neuer Fonds sinnvoll, weil er sich einfacher mit der EU abrechnen lässt. Aber das ist ein rein technischer Vorgang. An unserer Strategie und für die Kunden wird sich nichts ändern.

Es heißt, wer eine gute Idee hat, bekommt relativ leicht Kapital, um zu starten. Aber es fehlt an den großen Summen, um dann auch schnell zu wachsen.
Wir werden weiter pro Start-up bis maximal drei Millionen Euro investieren. Wir wollen auch den privaten Investoren kein Geschäft wegnehmen und größere Summen müssen die privaten Wagniskapitalgesellschaften stemmen.

Der Fonds VC Berlin ist abgeschlossen. Wie sieht die Bilanz aus?
Der VC Fonds Berlin hatte einen sehr schweren Start. Er wurde 2004 kurz nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes aufgelegt. Und in Deutschland wachsen die Renditen im Venture-Capital-Bereich nicht in den Himmel.

Das bedeutet?
Eine attraktive Rendite liegt zwischen 15 und 20 Prozent. Ob wir diese erreichen können, hängt von den noch bevorstehenden Veräußerungen ab. Eine Rendite um die fünf Prozent erscheint aus heutiger Sicht realistisch. Vor dem Hintergrund des gescheiterten Neuen Marktes wäre ich damit zufrieden. Unsere Aufgabe ist ja auch nicht in erster Linie, viel Geld zu verdienen, wir sind eine Förderbank. Wichtig ist aber, dass wir uns an den gleichen professionellen Standards orientieren wie die Privaten. Und das tun wir.

Die Unternehmensberatung McKinsey hat neulich Vorschläge gemacht, wie Berlin zur führenden Start-up-Metropole Europas werden kann. Unter anderem durch einen privaten Fonds über 100 Millionen Euro. Wird der kommen?
Wir würden uns freuen, wenn für größere Investitionen so ein Fonds aufgelegt werden könnte. Es gibt erste vielversprechende Gespräche, aber noch keine Entscheidung. Politik, Unternehmer und Gründer reden intensiv, wie so ein Fonds aussehen könnte.

Wird der Privatfonds Ihnen Konkurrenz machen?
Nein, er wird unsere Arbeit ergänzen und dort anfangen, wo wir bereits viel Vorarbeit geleistet haben.

Ein anderer Vorschlag war die Einrichtung einer Delivery Unit, also einer zentralen Anlaufstelle, die alle Start-up-Themen koordiniert. Wie finden Sie das?
Im Augenblick wird noch definiert, was diese Delivery Unit wirklich machen soll. Weniger wichtig ist, wo sie angesiedelt ist, wichtiger ist, dass sie die Bedürfnisse der Start-ups erfüllt. Richtig ist, dass wir eine stärkere Willkommenskultur brauchen. In München ist es zum Beispiel ganz normal, dass in der Verwaltung dezidiert englischsprachige Mitarbeiter den international zusammengesetzten Teams bei der Erledigung aller Formalitäten zur Verfügung stehen. Die Verwaltung in den Berliner Bezirken muss sich auf mehr Internationalität einstellen und sie auch leben. Für einen großen Konzern ist es kein Problem, eine ausländische Fachkraft einzustellen und Behördengänge zu organisieren. In jungen Unternehmen ist der hohe administrative Aufwand aber schwer zu stemmen. Da könnte eine Delivery Unit helfen, die Prozesse zu beschleunigen.

Die neue Bundesregierung will das Gründen von Unternehmen leichter machen. So steht es im Koalitionsvertrag.
Ja, es soll ein Venture-Capital-Gesetz geben, und auch die Bedingungen für Investoren sollen verbessert werden, aber Konkretes steht nicht drin. Es wäre hilfreich, wenn Investoren nicht bei der Einkommensteuer und dann noch einmal bei ihrer Fonds-Gesellschaft besteuert würden. Hier sollte eine Gleichstellung mit den anderen Unternehmen erfolgen.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

ZUR PERSON

DER MANAGER

Ulrich Kissing studierte Betriebswirtschaftslehre in Regensburg. Seine Bankenlaufbahn begann er 1986 bei der Deutschen Bank. Von 2003 bis 2008 saß er im Vorstand der Deutsche Bank Privat- und Geschäftskunden AG. 2007 und 2008 war er zudem Mitglied des Aufsichtsrats der Berliner Bank. Seit 2009 ist er Vorsitzender des Vorstands der Investitionsbank Berlin (IBB).

DIE BANK

Die IBB ist die Förderbank des Landes Berlin. Sie bietet vielfältige Förderprogramme zur Finanzierung von Unternehmensgründung oder -wachstum. Die Tochter IBB Beteiligungsgesellschaft stellt Berliner Technologieunternehmen und Firmen aus der Kreativwirtschaft Wagniskapital zur Verfügung.

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