Wirtschaft : „Ich bin ein Groupie der Wissenschaftler“

Andere Milliardäre sammeln Yachten und Autos, Oracle-Chef Larry Ellison schart hochrangige Biologen um sich

David Bank

Larry Ellison liebt schnelle Boote, große Flugzeuge und schöne Frauen. Aber in den letzten Jahren hat der Chef des Softwaregiganten Oracle ein noch teureres Hobby entdeckt – Molekularbiologen. Manche Milliardäre warten bis zu ihrem Tod, bis sie ihr Geld hergeben. Andere beauftragen teure Berater, die ihnen sagen sollen, wie sie Gutes tun können. Ellison nutzt sein Geld, um Zutritt zu einem exklusiven Klub zu erhalten. Der 58-Jährige, der sein Studium abgebrochen hat, zählt viele führende US-Wissenschaftler zu seinen engsten Freunden.

Auch neulich hat Ellison wieder mit Nobelpreisträgern Wein getrunken, auf der Veranda seiner in japanischem Stil gehaltenen Villa. Die Forscher, Vorstandsmitglieder und Beteiligte seiner vor fünf Jahren gegründeten Ellison Medical Foundation mit Sitz in Maryland, versammelten sich in Kalifornien, um die Gastfreundschaft ihres Wohltäters zu genießen, der jährlich etwa 48 Millionen Dollar in ihre Forschung pumpt.

Es ist zwar nicht ungewöhnlich, dass die Nutznießer mit ihren Wohltätern gesellschaftlich verkehren. Ungewöhnlich an Ellison ist aber, wie intensiv er den Schulterschluss mit denen sucht, die er unterstützt. „Ich bin wohl ein Groupie der Wissenschaftler“, sagt er. „Sie sind so erfolgreich, so versiert, so qualifiziert. Sie sind an einem Punkt ihres Lebens angelangt, wo sie nicht länger klettern“, sagt er und fügt schnell hinzu: „Nicht, dass Klettern eine schlechte Sache wäre.“

Fitness-Freak Ellison sagt, er wäre begeistert, wenn einer seiner Forscher die Quelle der ewigen Jugend entdecken würde. Und er würde sein Geld mit Freuden weggeben, um ein Heilmittel gegen Krebs zu finden. Aber er räumt ein, dass seine Wohltätigkeit bisher weniger damit zu tun hatte, die Lebensbedingungen der Menschen als vielmehr sein gesellschaftliches Leben zu verbessern. „Ich habe bisher eine halbe Milliarde Dollar ausgegeben, aber ich bin darauf nicht besonders stolz, weil es bislang kein einziges herausragendes Ergebnis gibt“, sagt er.

Kopf von Ellisons wissenschaftlichem Pantheon ist Joshua Lederberg, der frühere Präsident der New Yorker Rockefeller Universität, der 1958 im Alter von 33 Jahren den Nobelpreis für Medizin erhielt. Ellison lud Lederberg, nachdem er 1992 dessen Vortrag über künstliche Intelligenz gehört hatte, zu einem Essen ein, und sie waren schnell begeistert voneinander. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand in der Welt so brillant ist wie Josh“, meint Ellison. „Ich habe aufgehört, seine Sprache nach Inhalt zu analysieren und höre ihr einfach zu wie Musik.“ Lederberg, der Jahrzehnte damit verbracht hat, Großspender zu umgarnen, erwidert die Nettigkeiten: „Sein ästhetisches Empfinden ist so verblüffend, so authentisch", sagt er über Ellison.

Ellison gab Lederberg einen Schlüssel zu seinem Haus und bestand darauf, dass er bei ihm wohne, wenn er in der Gegend sei. Als Ellisons Vermögen in den späten 90er-Jahren in astronomische Höhen schoss, fragte Lederberg ihn, was er damit zu tun beabsichtige. „Er hatte keine Ahnung, wie er sein Geld für wohltätige Zwecke einsetzten könnte", erzählt Lederberg. „Ich möchte gerne glauben, dass ich sein Interesse geweckt habe." Lederberg schlug Ellison vor, eine medizinische Stiftung zu gründen, um herausragende Wissenschaftler zu unterstützen, die Gebiete außerhalb ihrer eigenen Fachbereiche erforschen wollen und noch nicht die Ergebnisse vorweisen können, die erforderlich sind, um traditionelle Forschungsgelder zu erhalten. Um Ellisons Faszination für das Altern entgegenzukommen, schlug Lederberg vor, mit der Biologie des Alterns anzufangen, einschließlich solcher Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer und Krebs. Ellison gründete die Stiftung 1998 mit einem Budget von jährlich 20 Millionen Dollar.

Lederberg, der im wissenschaftlichen Aufsichtsrat der Stiftung sitzt, steuerte schon bald auf sein Lieblingsthema zu, die weltweiten Infektionskrankheiten. Im Sommer 2000 holte Ellison Lederberg und dessen Frau mit seinem Privatjet in New York ab. Im italienischen Portofino stiegen sie an Bord von Ellisons Yacht, um ins französische St. Tropez zu segeln. Während die anderen Gäste mit ihren Kajaks herumplanschten und darüber debattierten, wo man das beste Eis bekomme, verbrachte Lederberg den Großteil der einwöchigen Segeltour damit, Ellison um zusätzliche Millionen für sein Infektionskrankheiten-Programm zu bitten. Das Programm ist im vergangenen Jahr angelaufen.

Während der Fahrt machte der Aktienkurs von Oracle Ellison, vorbei an Bill Gates, kurzfristig zum reichsten Mann der Welt. „Das war höchst erfreulich für ihn, und das wussten wir alle", sagt ein weiterer Gast, Samuel Barondes, Professor für Neurobiologie und Psychiatrie an der University of California, San Francisco. Ellison grinste breit und versicherte seinen Freunden: „Dieser Unsinn ist mir völlig egal." Seitdem ist Ellisons Vermögen laut „Forbes Magazine“ von 58 Milliarden Dollar auf schätzungsweise 15,2 Milliarden Dollar gefallen. Dennoch will er das Budget seiner Stiftung auf 100 Millionen Dollar jährlich erhöhen. Ellison, der zwei Kinder hat, sagt, er wolle fast sein ganzes Geld weggeben, bevor er stirbt.

Übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Elvis), Svenja Weidenfeld (Oracle), Matthias Petermann (Monti), Christian Frobenius (Mittelstand), Karen Wientgen (Solbes).

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