Wirtschaft : "Ich bin nervös, aber das ist ein gutes Zeichen"

IM INTERVIEW: Heiko Thieme, Manager mehrerer Aktienfonds in New York - Die Erbengeneration wird aus den Vereinigten Staaten eine Nation der Sparer machen und die Aktienkurse stützen

"Es gibt keine Alternative zur Aktie." ­ für den Wahlamerikaner, der in New York mehrere Aktienfonds managt, ist die Frage, ob man bei einem Dow Jones von über 8000 Punkten noch an der Börse investieren soll, schnell beantwortet.Den 53jährigen Daueroptimisten stört auch nicht, daß selbst der von ihm hochgeschätzte Altmeister Andre Kostelany kalte Füße bekommen hat.Mit Thieme sprach in New York Walter Pfaeffle. TAGESSPIEGEL: Etlichen Ihrer Kollegen bekommt die Höhenluft nicht mehr.Was stimmt Sie weiter optimistisch? THIEME: Wir befinden ins in einem Zyklus, den die meisten in keiner Form erfassen konnten.In Deutschland zum Beispiel hat die Vereinigung für Zentraleuropa eine völlig neue Lage geschaffen.Die Volkswirtschaften reagieren darauf.Weltweit hat der Zusammenbruch des Kommunismus substantielle Veränderungen mit nachhaltiger Wirkung gebracht.Hinzu kommt der Übergang von 30 Jahren Dienstleistungsgesellschaft zur Informationsgesellschaft.Das bleibt nicht ohne Folgen für den Aktienmarkt, die aus meiner Sicht auf lange Sicht positiv einzuschätzen sind. TAGESSPIEGEL: Sehen Sie bereits einen Dow Jones von 10 000 Punkten vor sich? THIEME: Ich meine, er wird dieses Niveau noch vor dem Jahr 2000 erreichen, wenn nicht schon früher.Es gibt drei Dinge, die das rechtfertigen würden.Der wichtigste Faktor sind langfristig betrachtet die Unternehmensgewinne; es folgt der Zins, der mehr das Tagesgeschehen bestimmt und eine Alternative zum Aktienmarkt darstellt, und schließlich die Liquidität.Wenn ich kein Geld habe, nutzt die beste Aktie nichts.Die Welt strotzt aber vor Geld, bei den deutlich gefallenen Zinsen sucht sie nach Alternativen.Dann haben wir die größte, homogenste Bevölkerungsgruppe vor uns, die Babyboomers, die zwischen 1946 und 1964 geboren wurden.Diese Gruppe wird Amerika in den nächsten 20 Jahren von einer Ausgaben- zu einer Sparnation umändern.Sie wird einen Teil ihrer Mittel in Aktien anlegen, wie das in Amerika schon immer üblich war. TAGESSPIEGEL: Vergleiche mit den Börsencrashs von 1929 und 1987, die immer wieder gemacht werden, halten Sie für ungerechtfertigt? THIEME: Richtig.der Unterschied zu 1929 ist das Sozialnetz, das es in Amerika erst seit Mitte der dreißiger Jahre gibt, wenn auch weniger ausgeprägt als in Deutschland.Wir wissen dank der Koordinierung der Zentralbanken heute besser Bescheid, wo die Probleme liegen, ob die Banken in Schieflagen hineinrutschen.Eine Weltwirtschaftskrise wie damals ist heute unvorstellbar.1987, als der Dow an einem Tag 23 Prozent seines Wertes verlor und der Langfristzins über 10 Prozent hinausschnellte, war wieder alles ganz anders.Sicher brachte die fünfjährige Reagan-Hausse Exzesse, es fand aber nur eine Umschichtung statt.Vor dem Crash war die Liquidität in den Aktienmarkt geflossen.Plötzlich stieg der Rentenmarkt im Oktober auf 10 Prozent.Das war die durchschnittliche Ertragsrendite des Aktienmarktes seit 1925.Im Klartext heißt das: der Fondmanager konnte nach fünf Jahren Superperformance des Aktienmarktes über Nacht vom Staat 30 Jahre lang 10 Prozent kassieren.Fürs Nichtstun wußte er: ich bekomme meine 10 Prozent. TAGESSPIEGEL: Wie kommt es, daß sich der Aktienmarkt so schnell erholt hat? THIEME: Das ist ganz einfach.Man weiß doch, jeder Staat würde pleite gehen, wenn er ewig zehn Prozent für langfristige Bonds zahlen muß.Der Oktober 1987 war ein phantastischer Rentenmarkt.Wer nach dem Crash Aktien gekauft hat, hat gewonnen. TAGESSPIEGEL: Wertpapieranalysten schauen auf das Kurs/Gewinn-Verhältnis einer Aktie, um ihren Wert festzustellen.Wie wichtig ist das? THIEME: Da gibt es keine Grenzen.Wenn das Kurs/Gewinn-Verhältnis einer Aktie deutlich über der langfristigen Wachstumsrate eines Unternehmens liegt, wird sie teuer.Wenn aber ein Unternehmen seinen Gewinn jedes Jahr um 50 Prozent steigert, kann das Verhältnis ruhig 50 sein, bei zehn Prozent Jahresgewinn sollte es nicht weit über zehn sein.Wichtig bei der Bewertung ist auch der Einmaligkeitsfaktor.Es gibt auf der ganzen Welt nur einmal Coca-Cola, einmal Kellogg, einmal Nike.Das sind Markennamen, für die man eben mehr zahlt. TAGESSPIEGEL: Damit kommen wir zu den "blue chips" oder Standardwerten, auf die sich der Markt bisher konzentriert hat, also die Dow-Jones- oder S & P-500-Werte.Bei den Aktien der zweiten Garnitur tut sich wenig.Wie kommt das? THIEME: Es stimmt, es gab in dieser Hausse auch Verlierer.Im Freiverkehrsmarkt zum Beispiel, wo kleinere Firmen gehandelt werden, sah man enorme Verluste.Der Russell 2000-Index stieg dieses Jahr nur um 12 bis 13 Prozent, während der Dow 25 Prozent zulegte.Bei den großen Werten fühlen sich die Anleger sicher, auch wenn es mal runter geht, was ich mir gut vorstellen könnte.Man muß sich nämlich überlegen, daß bei dem derzeit hohen Dollarkurs die Großunternehmen weniger verdienen werden.Denn 45 Prozent der im S & P-Index angesiedelten Unternehmen erwirtschaften den Hauptteil ihrer Gewinne im Ausland.Auch unser Heritage Fund investiert in die Großen wie Philip Morris und RJR Nabisco, IBM und General Motors. TAGESSPIEGEL: Jeder Fondsmanager muß damit rechnen, das Geld seiner Kunden zu verlieren.Wie schlafen Sie nachts? THIEME: Ich gebe zu: ich ich bin nervös.Aber das ist ein gutes Zeichen.Wer nicht nervös ist in diesem Geschäft, wird leichtsinnig.Dieses Jahr haben wir Grund stolz zu sein.Mit 80 Prozent Anstieg stehen wir unter allen Fondsgesellschaften an der Spitze.Wenn sie den Währungsgewinn dazurechnen, sind es hundert Prozent. TAGESSPIEGEL: Diesen Schnitt haben bei Ihnen aber nur diejenigen gemacht, die am 1.Januar in ihren Heritage Fund investiert haben.Wer schon länger dabei ist, steht nicht so gut da.Ist das richtig? THIEME: In den drei vorangegangenen Jahren bildeten wir das Schlußlicht.Das schlimmste für einen Fondsmanager ist nicht, Schieflagen zu haben ­ das kommt bei allen vor ­, sondern plötzlich aufgrund massiver Abflüsse kein Geld mehr zu haben.Ich mußte Aktien verkaufen, die ich gar nicht verkaufen wollte, nur um die Liquidierungen zu bewältigen.Ausgelöst wurden die Liquidierungen durch ein Technologieunternehmen, bei dem der frühere Apple Chef John Sculley die Führung übernommen hatte, die Firma aber kurz danach unter mysteriösen Umständen wieder verließ.Ich hatte mich für die Sanierung der Firma eingesetzt, das gelang aber nicht.Da verließen die Ratten das Schiff.In den drei vorangegangenen Jahren waren wir mit 230 Prozent Anstieg die besten gewesen. TAGESSPIEGEL: Wie sehen Sie die weitere Börsenentwicklung in den USA und Deutschland? THIEME: Was wir in den ersten sechs Monaten erlebt haben, ist nach meiner Einschätzung prozentual gesehen nicht mehr drin.Sollte es tatsächlich nochmal solche Zuwächse geben, würde ich etwas vorsichtiger werden.Bei einem Dax von 5000 Punkten würde ich Übertreibung sehen, weil einfach zu viel vorweggenommen wird.Langfristig ist Deutschland interessant.Die Deutschen werden die Aktie entdecken.In zehn oder 20 Jahren werden wir in einer Aktienlandschaft leben, über die sich heute noch kein Mensch eine Vorstellung machen kann.

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