Wirtschaft : „Ich habe Rotz und Wasser geheult“

Thomas Haffa über seine schlechten Schulnoten in Mathematik, den Niedergang des Medienunternehmens EM.TV und den Zorn der Aktionäre

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Herr Haffa, was hatten Sie in der Schule für eine Note im Rechnen?

Nicht gut, die Leistungen waren ausreichend.

Haben Sie deshalb die Schule abgebrochen?

Mein Traumberuf war immer Zahnarzt. Aber irgendwann stellte ich fest, dass ich den Numerus clausus nicht schaffen würde. Außerdem war ich während meiner Schulzeit schon unternehmerisch sehr erfolgreich. Ich war Klassensprecher, organisierte Schulreisen nach England und habe die Schülerzeitung gemacht. Statt weiter zur Schule zu gehen, habe ich mich auf diese Fähigkeiten besonnen und daraus einen Beruf gemacht: Unternehmer.

Das Rechnen schien für Sie auch als Unternehmer ein Stolperstein zu sein. Sie haben sich einmal um eine Milliarde Euro verrechnet. Statt des angekündigten Gewinns von 300 Millionen Euro wiesen Sie 2001 einen Verlust von 1,4 Milliarden Euro für EM.TV aus. Doch nicht so sattelfest im Rechnen?

Sie werden zugeben, dass der Vergleich zwischen Schulnoten in Mathematik und dem, was wir bei EM.TV unternommen haben, weit hergeholt ist. Wir haben bei EM.TV ordentlich gerechnet. Aber es sind Umstände eingetreten, die vorher einfach nicht absehbar waren.

Richtig schwindelerregend wurde es, als Sie mit Ihrem Unternehmen an die Börse gingen, 1997, mitten im Boom der New Economy.

Bitte beachten Sie: Bis zum Börsengang 1997 konnten wir eine sehr erfolgreiche Strecke von acht Jahren zurücklegen, was leider immer wieder übersehen wird. Auch nicht zu vergessen ist, dass wir in den Jahren davor schon erfolgreiche Unternehmer waren. An die Börse zu gehen, um abzuzocken, war niemals unsere Intention!

Sondern?

Ich bin Vollblutunternehmer und kein Börsianer. Bis heute habe ich selbst nie mit fremden Aktien gehandelt. Ich glaube nur an das, was ich beeinflussen kann. Anteile meines Unternehmens herzugeben, um an die Börse zu gehen, war für mich keine leichte Entscheidung. Überzeugt hat mich, dass dadurch dem Unternehmen Wachstumschancen eröffnet wurden. An der Deutschen Börse notiert zu werden, das war schon ein Ereignis für uns. 34 Mark war der Kurs am Ausgabetag, am Abend schlossen wir mit 34,50 Mark. Wir waren glücklich, dass wir etwas verdient hatten.

Sie lachen melancholisch, weil Sie wissen, wie dann erst richtig die Post abging. Wer damals 6000 Mark investiert hat, war zwei Jahre später Millionär.

Das waren nicht einmal wenige. Hin und wieder treffe ich Menschen, die mir bestätigen, dass ich sie reich gemacht habe.

Wir werden gleich auf diejenigen kommen, die Sie arm gemacht haben, und das ist die Mehrheit. Vorher noch eine Frage: Warum haben Sie Ihrer Mutter immer abgeraten, EM.TVAktien zu kaufen?

Ich habe niemandem geraten, Aktien zu kaufen. Ich kann die Unternehmenspolitik erläutern. Ich kann aber nicht sagen, was die Börse macht. Aus dem Grunde habe ich auch meiner Mutter von Aktien abgeraten. Aber natürlich hat sie mir später genau die Rechnung mit den 6000 Mark aufgestellt.

Im Frühjahr 2000, auf dem Höhepunkt, war EM.TV an der Börse 27 Milliarden Mark wert – mehr als die Lufthansa. Sie wurden der Popstar des Neuen Markts.

Weniger Popstar als Workaholic! Ich habe wie ein Wahnsinniger gearbeitet.

Das soll doch gar kein Vorwurf sein! Uns interessiert ja bloß, wie das ist, wenn man in so kurzer Zeit so unglaublich reich wird.

Ich verhehle nicht, dass es schon ein besonderes Gefühl ist, auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt auf Platz 159 zu stehen. Aber es war ja lediglich virtuelles Geld. Viel mehr befriedigt hat mich der geschäftliche Erfolg, der durch die Börsenbewertung dokumentiert wurde. Eine Menge Freunde haben mir damals geraten: Du musst jetzt auf dem Höhepunkt verkaufen! Meine Antwort war: Ich denke nicht daran. Mein Paket an EM.TV-Aktien wurde zum Höchststand mit 13,5 Milliarden Mark bewertet. Hätte ich mir nur zehn Prozent genommen, wäre ich um 1,4 Milliarden Mark reicher gewesen. Im Oktober 2000 machte mir die Bank Sal. Oppenheim ein Angebot: Ich hätte 250 Millionen Euro im Tausch mit einem relativ kleinen Aktienpaket für mich realisieren können. Ich habe es nicht gemacht.

Warum fühlen Sie sich immer angegriffen, wenn von Luxus die Rede ist?

Weil sofort unterstellt wird, der Haffa habe das Geld der Aktionäre genommen, um sein Happy Life zu finanzieren. Die Wahrheit ist, dass mir jeder Einzelne Leid tut, der Geld verloren hat. Weil diese Menschen in dem gutem Glauben gehandelt haben, die Börse sei eine Geldvermehrungsmaschine. Nach dem Motto: Du zahlst zehn Mark ein, und etwas später kommt eine Million heraus. Mich schmerzen die Unterstellungen ungeheuerlich, sie gehen sehr an meine Substanz.

Die EM.TV-Aktie startete 1997 bereinigt um Kapitalerhöhungen und Aktiensplits bei umgerechnet 0,38 Euro und stieg bis auf knapp 110 Euro. Heute ist sie nicht einmal mehr einen Euro wert. Was ist schief gelaufen?

Ich stelle fest: Die Aktie notiert immer noch über dem Ausgabekurs. Eine der wenigen am Neuen Markt. Noch auf dem Höhepunkt unserer Börsenbewertung habe ich Politikern oft erklärt, dass es sehr wohl auch Aufgabe der Politik sei, die zahlreichen ahnungslosen Anleger darauf aufmerksam zu machen, dass die Aktie keine Einbahnstraße nach oben ist...

...Herr Haffa, warum ging es bergab?

Seit April 2000 versuchen wir das zu analysieren. Ich glaube, es gab eine Verkettung von vielen Umständen. EM.TV wurde euphorisch gefeiert, eine fast irrationale Situation. Dies wurde selbst den Aktionären unheimlich. Plötzlich begann der Kurs rasant zu sinken. Wir hatten gerade die beiden wichtigsten Akquisitionen für die EM.TV getätigt, nämlich die Formel 1 und die Jim Henson Company mit ihren Rechten an der „Sesamstraße“ und den „Muppets“. Ausgerechnet da begann der Kurs nach unten zu gehen. Die Nervosität ergriff den Vorstand, die Mitarbeiter, den Aufsichtsrat, die Banken, die Wirtschaftsprüfer, die Aktionäre, die Journalisten. Hier sehe ich den Auslöser für die dramatischen Verluste.

Die Staatsanwaltschaft München, vor der Sie seit dem 4. November erscheinen müssen, legt Ihnen eine 122-seitige Anklageschrift vor. Da geht es nicht um Nervosität, sondern um Bilanzfälschung, Kursbetrug...

Das sollte man genau anschauen. Wir haben am 4. Dezember 2000 eine Gewinnwarnung herausgegeben. Der Staatsanwalt ist der Meinung, wir hätten unsere Aktionäre vorher darauf hinweisen müssen, dass wir das Ergebnis nicht schaffen. Das Ergebnis war da – es wurde nur anders verbucht.

Sie mussten die Gewinnprognose um eine Milliarde Euro nach unten korrigieren.

Verständlich, dass ein Aktionär das nicht nachvollziehen kann. Ein Autohändler kann im September oder Oktober relativ verlässlich sagen, ob die Jahresprognose zu schaffen ist oder nicht. Werden mehr Autos produziert als abgesetzt, gibt es ein Problem, und man muss das kundtun. Unsere Situation ist eine andere.

Inwiefern denn?

Wir handeln mit Rechten. Ende 2000 waren einige große Deals in der Pipeline: Wir hatten unsere Beteiligung am Fernsehsender TM 3 verkauft – Erlös: 137 Millionen Mark. Wir hatten den „Sesamstraße“-Deal gemacht – Erlös: 155 Millionen Dollar. Wir haben uns von unserer Beteiligung am Odyssee-Channel getrennt – Erlös: 100 Millionen Dollar. Die Verhandlungen mit T-Online der Deutschen Telekom standen vor dem Abschluss. Da ging es um einen Deal in der Größenordnung von 250 bis 425 Millionen Mark. Und last, but not least standen wir in finalen Verhandlungen mit AOL Time Warner, die sich an EM.TV beteiligen wollten. Rund 180 Milionen Dollar oder umgerechnet etwa 400 Millionen Mark konnten nicht ergebniswirksam verbucht werden.

Wie bitte?

Es handelte sich um Rechnungslegungsprobleme. Wir waren selber geschockt, als uns die Wirtschaftsprüfer darüber in Kenntnis setzten. Ich hatte das Ergebnis gebracht, nur wurde es anders verbucht.

Es gibt auch andere Erklärungen, weshalb der EM.TV-Kurs im Jahre 2000 eingebrochen ist. Sie haben zweimal im Geheimen unerlaubte Aktienverkäufe getätigt und diese erst später, als es nicht mehr anders ging, eingeräumt.

Lassen Sie mich auch das erklären: Ich habe damals auf Drängen der Credit Suisse First Boston verkauft, weil sie einen Schweizer Pensionsfonds mit EM.TV-Aktien bedienen wollte. Deshalb habe ich an zwei aufeinander folgenden Tagen je 100000 Aktien veräußert. Der Deal lief nicht über die Börse. Er hatte folglich keinen Einfluss auf den Aktienkurs. Es war auch nicht so, dass diese Transaktion unerlaubt gewesen wäre. Ein so genanntes Verkaufsverbot für Aktien existierte nur für die Banken. Aber die waren ja heilfroh, wenn ich mal ein paar Aktien abgab. Die wollten ja Millionen von Aktien von mir haben. Aber ich hab immer gesagt, das mach ich nicht.

In der Öffentlichkeit dominiert dennoch der Eindruck, dass da der Haffa seine Schäfchen ins Trockene gebracht hat, bevor der Aktienkurs ins Bodenlose fiel.

Dass dieser Eindruck entstanden ist, kann ich nachvollziehen. Aber alles ist rechtens verlaufen. Zu jener Zeit war mein eigenes Aktienpaket mehr als 13 Milliarden Mark wert. Realisiert haben wir damals etwa 0,03 Prozent meines Aktienvermögens.

...immerhin 40 Millionen Mark. Eine unvorstellbare Summe für den kleinen Aktionär...

Das ist sicher so. Aber im Verhältnis zum tatsächlichen Wert des Unternehmens ist das nicht viel. Das einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen, scheint unmöglich.

Unzählige Aktionäre, die Ihnen vertraut haben, erlitten einen massiven Verlust. Sie dagegen leben immer noch ausgesprochen gut. Als Sie Ende Juli 2001 unter massivem Druck die Führung von EM.TV abgeben mussten, haben Sie durch den Verkauf einer 25-prozentigen Beteiligung weitere hundert Millionen Euro verdient. Müssen Sie sich dafür nicht schämen?

Nein. Aber ich kann Neid und Frust der Aktionäre verstehen. Anleger müssen sich aber auch erinnern, dass sie sich günstig in ein Unternehmen eingekauft hatten. Wer seine Aktien rechtzeitig verkauft hat, das waren nicht wenige, ist verdammt reich geworden.

Wie viele EM.TV-Aktien besitzen Sie noch?

Etwa 27 Millionen Aktien.

Wie fühlt man sich, wenn man nach so einem kometenhaften Aufstieg wieder unten am Boden aufschlägt?

Das ist extrem schmerzhaft. Mein Bruder Florian stieß 1989 zu EM.TV und war seit dem Börsengang 1997 Finanzchef. Als er 2000 gehen musste, war das ein harter Schlag. Für mich kam das Aus Ende Juli 2001. Das geht ganz tief. Ich weiß heute nicht, ob ich das jemals verarbeiten kann. Schließlich war die Company meine Leidenschaft, meine Überzeugung – mein Wert. Es ist grausam, wenn man dasitzt und nichts mehr bewegen kann. Sie können sich nicht vorstellen, wie grausam so eine Amputation ist.

Gibt es Momente, wo ein knallharter Geschäftsmann wie Sie nur noch geweint hat?

Der knallharte Kerl hat Rotz und Wasser geheult. Klar.

Vermissen Sie das glanzvolle Leben im Scheinwerferlicht?

Ich habe meinen Job nicht mehr! Das ist das Allerschlimmste. Ich habe die Freude und den Ärger nicht mehr, die man jeden Tag in einem Laden hat. Das vermisse ich. Das schmerzt.

Auf Kursbetrug stehen bis zu drei Jahre Freiheitsentzug. Wie erklären Sie Ihren Kindern, dass Sie vielleicht ins Gefängnis müssen?

Da ich keinen Kursbetrug begangen habe, vertraue ich auf die deutsche Rechtsprechung.

Ihr Image ist arg ramponiert. Statt als größter Star werden Sie vermutlich als größter Verlierer des Neuen Markts in die Wirtschaftsgeschichte eingehen.

Mag sein, dass die Öffentlichkeit das so sieht. Ich sehe es anders, weil ich weiß, wie die Dinge wirklich gelaufen sind. Und abgesehen davon: Ich weiß, was ich kann. Ich werde sicher nochmals Gelegenheit haben, das zu beweisen. Ich werde bestimmt nicht aufgeben.

Das Gespräch führten Claude Baumann und Christian Kämmerling. Wir drucken das Interview mit freundlicher Genehmigung der „Weltwoche“, Zürich, in der es zeitgleich erscheint.

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