Wirtschaft : "Ich halte nicht viel von der Börse"

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Der Berliner Entsorger Alba will sein Wachstum aus eigener Kraft finanzieren und sich zu einem Rundum-Dienstleister entwickeln

Eric Schweitzer (34) und sein Bruder Axel Schweitzer (31) fuhren schon als Kinder Müllfahrzeuge und sortierten Schrott. Das Entsorgungsgeschäft haben beide von der Pieke auf gelernt. Nach dem Tod des Vaters Franz-Josef Schweitzer, der das Berliner Entsorgungsunternehmen Alba 1968 gründete, übernahmen die Brüder Mitte der 90er Jahre gemeinsam mit Dirk-Uwe Michaelis die Führung der Alba AG & Co. KG. Eric Schweitzer ist für die strategische Entwicklung des Unternehmens verantwortlich.

Herr Schweitzer, Sie werden demnächst die gesamte Straßenbeleuchtung von Berlin managen. Reicht Ihnen das Geschäft mit der Müllentsorgung nicht mehr?

Alba hat zwar 1968 als Müllentsorger angefangen. Heute sind wir aber zu einem ganz anderen Unternehmen gewachsen. Wir sind ein infrastruktureller Dienstleister, der mit knapp 5300 Mitarbeitern an 130 Standorten rund 1,1 Milliarden Mark Umsatz erwirtschaftet.

Was ist ein infrastruktureller Dienstleister?

Wir entsorgen in ganz Deutschland und in Osteuropa etwa 3,8 Millionen Tonnen Abfälle pro Jahr. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Alba entsorgt in Deutschland die Abfälle von rund zwei Millionen Menschen im kommunalen Bereich. Darüber hinaus haben wir allein in Berlin rund 15.000 Gewerbekunden. Wer so nah gerade an den kommunalen Kunden dran ist, der überlegt sich auch, dass er neben der Entsorgung und Verwertung von Abfall auch noch ganz andere Dienstleistungen für die Kunden erbringen kann. Und so reinigen wir Straßen, schieben im Winter Schnee auf den Straßen und managen ganze Gebäudekomplexe. Am Potsdamer Platz etwa organisieren wir nicht nur die gesamte Entsorgung des Debis-Komplexes. Wir organisieren auch die Versorgung mit allen Waren, die dort die Hotels, Büros und Gaststätten brauchen. So nutzen wir unsere logistische Kompetenz rundherum.

Ist die Ausweitung Ihres Geschäftsfeldes ein Reflex auf die seit Jahren fallenden Abfallmengen in Deutschland?

Vielleicht ist es das am Rande. Aber im Zentrum unserer Überlegungen steht, dass wir uns nicht als reines Entsorgungsunternehmen verstehen. Wir wollen ein Dienstleister sein. Wenn Kunden - ob Kommunen oder Unternehmen - eine infrastrukturelle Dienstleistung benötigen, dann interessiert uns das. Egal, um welche Dienstleistung es sich handelt.

Für all die Dienstleistungen neben der Entsorgung gibt es Spezialisten. Können Sie denn Geld verdienen in Märkten, die ursprünglich nicht Ihre sind?

Wir sind bereit zu investieren, wenn wir das Gefühl haben, dass wir einem Kunden, der bisher von uns nur die Entsorgung des Mülls gekauft hat, eine Rundum-Dienstleistung anbieten können.

Wird Alba künftig noch eine Entsorgungsfirma sein, oder ein Komplett-Dienstleister?

Wir bleiben auf der einen Seite Entsorger. In fünf Jahren wollen wir einer der fünf größten Entsorger Europas werden. Andererseits werden wir aber den Kunden Servicepakete für andere Dienstleistungen anbieten.

Wird Alba seinen Umsatz in fünf Jahren aus eigener Kraft steigern?

Zum Teil schon. Wir werden aber auch Unternehmen dazu kaufen. So, wie wir uns erst vor kurzem am kommunalen Entsorgungsbetrieb in Rostock mit 49 Prozent beteiligt haben, wird es in Zukunft mehr und mehr Kommunen geben, die ihre Unternehmen teilprivatisieren. Das birgt Chancen für uns. Wir wollen aber auch private Unternehmen kaufen. Rund die Hälfte der geplanten Umsatzsteigerung wird aus Zukäufen kommen.

Durch die Fusion von RWE und VEW wird auch im Entsorgungsmarkt das größte deutsche Unternehmen entstehen. Erfasst die internationale Fusionswelle jetzt auch Ihre Branche?

Das glaube ich nicht. Größe ist nicht ausschlaggebend. Der Entsorgungsmarkt ist ein sehr lokaler Markt. Man muss in einer bestimmten Region Marktführer sein, um Geld zu verdienen. Und man muss sehr sehr schnell sein. Als inhabergeführtes Unternehmen haben wir mit unseren sehr kurzen Entscheidungswegen Vorteile gegenüber großen Gesellschaften. Dennoch ist es sehr wichtig, insgesamt eine kritische Größe zu haben.

Wie wollen Sie Ihr Wachstum - vor allem die Zukäufe - finanzieren?

Die Eigentümer von Alba haben Anfang der 90er Jahre entschieden, ein inhabergeführtes Unternehmen zu bleiben. Wachstum finanzieren wir deshalb von innen heraus.

Könnten Sie sich zusätzliches Geld für rascheres Wachstum nicht schneller durch einen Börsengang beschaffen?

Ich halte nicht sehr viel von den Kapitalmärkten an der Börse. Aktienkurse fallen und steigen häufig durch Einflüsse, die nichts mit der Entwicklung des Unternehmens an sich zu tun haben. Wir bei Alba bauen darauf, dass wir durch unsere eigenen unternehmerischen Entscheidungen Einfluss auf die Entwicklung unseres Unternehmens nehmen. Schließlich tragen wir Verantwortung für mehr als 5000 Mitarbeiter und deren Familien, deren Existenz nicht von zufälligen Entwicklungen etwa an der New Yorker Börse abhängen soll.

In Deutschland geraten die Löhne und Gehälter in der Dienstleistungsbranche zunehmend unter Druck. Spüren Sie das bei Alba?

Natürlich. Es gibt immer mehr Wettbewerber, die keine Tariflöhne mehr zahlen.

Zahlt Alba Tariflöhne?

Wir zahlen in weiten Teilen auf der Basis des Tarifvertrages der privaten Entsorgungswirtschaft...

Also weniger Geld als beispielsweise bei der Berliner Stadtreinigung BSR, einem öffentlichen Entsorger?

Ich denke, Alba zahlt gut. Wir haben keine Probleme, gute Leute zu finden.

Wenn die Wettbewerber weniger gute Löhne zahlen, wie lange kann sich Alba noch Tariflöhne leisten?

Unser Entlohnungssystem basiert auf dem Tarif. Nicht überall können wir allerdings die Tarifsteigerungen mitmachen.

Alba gilt mit seinen Tochterunternehmen in Polen, Tschechien und Bosnien als kompetent in Osteuropa. Wann werden Sie dem Lohndruck durch den Wettbewerb nachgeben und ihre polnischen Mitarbeiter auch in Deutschland einsetzen?

Ich glaube nicht, dass der Wettbewerb im deutschen Entsorgungsbereich mittelfristig über die Höhe der Löhne stattfindet. Es gibt noch eine ganze Reihe Rationalisierungsmöglichkeiten im Technologiebereich. Auch bei der Effizienz von Müllfahrzeugen.

Eine Vielzahl deutscher Kommunen privatisiert wegen der leeren Haushaltskassen öffentliche Aufgaben - auch die Müllentsorgung. Die Folge ist meist ein geringeres Lohnniveau als im öffentlichen Dienst.

Wir sind mit 49 Prozent am kommunalen Entsorger in Rostock beteiligt. Die Löhne haben sich nicht verringert. Privatisierungen im kommunalen Bereich in Deutschland funktionieren nur mit der ÖTV, und die Gewerkschaft achtet darauf, dass sich auch nach der Privatisierung an der tariflichen Situation der Mitarbeiter und an ihrem Kündigungsschutz nichts ändert.

Wenn die Privatisierung mit Deregulierung und damit Wettbewerb einhergeht, ist das allerdings anders, wie die gesamte Energiebranche derzeit beweist.

Das stimmt, zumindest zeitlich.

Heißt das, dass im Entsorgungsbereich ehemalige öffentliche Monopole durch private Monopole ersetzt werden?

Der Gesetzgeber hat im Kreislaufwirtschaftsgesetz die Hausmüllentsorgung zur Aufgabe der Kommunen gemacht. Die entscheiden, welchem Unternehmen der Auftrag erteilt wird - ob einem kommunalen oder teilprivatisierten. Das führt natürlich zu zeitlich begrenzten privaten Monopolen.

Würde Wettbewerb der Hausmüllentsorgung gut tun?

Ich denke ja. Wir rechnen damit, dass wir in fünf bis zehn Jahren in Deutschland gesetzliche Regelungen haben werden, nach denen die Bürger entscheiden können, von wem sie ihren Müll entsorgen lassen.

Werden die Müllgebühren für die Bürger dann sinken?

Im Wettbewerb bildet sich immer die beste und effizienteste Lösung heraus. Das Gespräch führten Antje Sirleschtov und Corinna Visser.

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