Wirtschaft : „Ich kann einfach nicht aufhören“

Haribo-Chef Hans Riegel über Gummibären, Gottschalk und die Generationenfolge im eigenen Unternehmen

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Herr Riegel, seit über 80 Jahren kocht Haribo Gummibärchen. Warum gibt es bis heute keine blauen oder rosafarbenen?

Rosa ist ein bisschen blass. Dafür haben wir lieber einen größeren Anteil roter Bären in unseren Beuteln. Rot ist die beliebteste Farbe.

Und Blau?

Blau ist keine gute Farbe für Lebensmittel. Blau ist ein Signal für Ungenießbares, Giftiges. Wir haben überhaupt nur einen einzigen blauen Artikel im Sortiment, das sind die Schlümpfe. Die gibt es ausschließlich als Stückartikel am Kiosk und sie werden nur von Kindern verzehrt. Ich habe mal versucht, die Schlümpfe in Beuteln zu vermarkten, aber die Entscheider – die Mütter und die Omas – haben da nicht mitgemacht.

Sind die Goldbären eigentlich männlich oder weiblich?

Sie sind geschlechtsneutral. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie das aussähe, wenn man da das eine oder andere Merkmal hinzufügen würde.

Können Sie in einem Satz sagen, was in Ihren Goldbären drin ist?

Vor allem Traubenzucker und Gelatine.

Würden Sie behaupten, dass Ihre Gummibären gesund sind?

Ja, die Gelatine ist gut für die Haut, die Gelenke, die Knorpelbildung und auch für die Haare. Mit Gelatine bleibt man gelenkig. Aber um gesund zu bleiben, reicht es nicht, Goldbären zu essen, man braucht auch Sport und Bewegung.

Sind Sie froh, dass Renate Künast nicht mehr Verbraucherschutzministerin ist? Die hatte den Süßigkeiten ja ausdrücklich den Kampf angesagt.

Ich war Frau Künast nicht böse. Ich bin doch auch dafür, dass sich Kinder und Erwachsene mehr bewegen.

Aber eine Packung Goldbären enthält umgerechnet 61 Stück Würfelzucker. Das hätte Frau Künast bestimmt nicht gefallen!

Ich weiß nicht, auf welche Menge Sie das jetzt beziehen. Ich weiß nur: Die Gummibären haben gerade einmal halb so viele Kalorien wie normale Schokolade.

Beteiligen Sie sich an der Ernährungsplattform, die die Industrie, die Krankenkassen und das Verbraucherministerium für die gesunde Ernährung von Kindern eingerichtet haben?

Nein, aber wir fördern den Jugendsport, und wir sponsern Kinderuniversitäten. Ein Unternehmen wie Haribo muss sich – wenn die Mittel da sind – auch für soziale Zwecke einsetzen.

Aber Ihre finanziellen Mittel müssten doch eigentlich für viele Kinderuniversitäten reichen.

Es bleibt für die Kinder schon was übrig. Aber wir müssen das Unternehmen natürlich auch ständig erweitern.

Gibt es Länder, in denen Sie gar nicht vertreten sind?

In Afrika, in Asien oder Indien gibt es noch weiße Flecken. Der Einstieg dort ist für ein Familienunternehmen schwierig. Vieles ist uns fremd. In Afrika gibt es zum Beispiel Händler, die die Gummibärchen einzeln verkaufen, weil die Kinder kein Geld für ganze Beutel haben. Hier zu Lande weiß ich dagegen ganz genau, was ein Kind denkt.

Wie machen Sie das?

Na, ich habe das Marketing auf meine Art doch erfunden. Früher, direkt nach dem Krieg, da bin ich nach Bremen gefahren, um herauszufinden, ob man Haribo kennt. Ich bin in die Fußgängerzone gegangen und habe einfach wahllos ein paar Leute gefragt: „Kennen Sie Haribo?“ Und dann bekam ich die Antwort: „Nein, ich bin auch nicht von hier.“ Da wusste ich: Du musst Werbung machen.

Dann haben Sie Thomas Gottschalk unter Vertrag genommen …

Das war vor 15 Jahren. Als das Fernsehen aufkam, haben wir gleich mit der Werbung angefangen, zunächst mit Trickfilmen. Dann kam unser Testimonial, unser Werbeträger Thomas Gottschalk.

Sind Sie befreundet?

Wir sind gut befreundet. Allerdings steht der Altersunterschied ein bisschen zwischen uns. Ich bin 30 Jahre älter als er.

Ist es nicht gefährlich, die Werbung an ein einziges Gesicht zu binden?

Das kommt darauf an, wie beliebt und bekannt dieser Mensch ist. Thomas ist bekannter als Frau Merkel. Viele Kinder glauben, dass Gottschalk die Gummibären macht. Das habe ich selbst schon erlebt.

Wie war das für Sie?

Ich laufe durch die Stadt, da höre ich, wie eine Mutter, die mich erkannt hat, zu ihrem Kind sagt: „Guck mal, da ist der Mann, der die Gummibärchen macht.“ Sagt das Kind: „Mutti, das stimmt doch gar nicht. Die macht doch der Gottschalk.“ Wir wollen noch so lange zusammen bleiben, wie es geht, wie Gottschalk Lust hat und wie es sinnvoll ist.

Die ARD lässt ihr Programm nach Schleichwerbung durchforsten. Aber im ZDF steht bei jeder „Wetten, dass ..?“-Sendung eine Schüssel Gummibären auf dem Tisch. Was zahlen Sie dafür?

Gar nichts. Ich bin auf den Gottschalk überhaupt erst dadurch aufmerksam geworden, dass die Schüssel da stand.

Die stand vorher schon da?

Ja. Wir haben damit nichts zu tun. Ehrlich.

Stimmt es, dass Sie am liebsten Gummibären und Lakritze durcheinander essen?

Das stimmt. So sind auch unsere „Vampire“ entstanden. Die bestehen aus Fruchtgummi und Lakritz.

Wer erfindet bei Ihnen neue Produkte?

Die Ideen kommen von verschiedenen Seiten, außerdem muss man immer im Auge behalten, was gerade in ist. Anfang Januar werden wir ganz neu den Hasen Felix produzieren, und dann kommt wahrscheinlich auch die Biene Maja wieder. Zur Fußball-Weltmeisterschaft wird es eine Fußballmischung geben. Die Produkte zu erfinden, ist das eine. Aber die Ware muss ja auch an den Kunden gebracht werden. Der beste Platz ist im Kassenbereich, in der Quengelzone.

Wo die Kinder unruhig werden?

Ja, Sie kennen das doch auch: An der Kasse nehmen die Kinder einen Beutel Gummibären und werfen ihn in den Einkaufswagen. Die Mütter nehmen den Beutel wieder heraus. Das geht hin und her, und dann kommt die Tante von hinten und sagt: „Na, gönnen Sie Ihrem Kind doch auch was!“

Sie gehören zu den wenigen Markenartiklern, die mit ihrer Marke bei Aldi vertreten sind. Wie wichtig ist Aldi für Sie?

Aldi hatte mal vor, uns ganz rauszuwerfen, hat uns aber dann doch im Sortiment gelassen – auch weil ich ihnen einen gewissen Anteil unserer Produkte exklusiv gelassen habe. Die Zusammenarbeit mit Aldi ist hervorragend. Wir haben aber nicht nur mit Aldi, sondern mit fast allen Discountern ein gutes Verhältnis.

Angeblich macht Haribo im Jahr einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro. Stimmt das?

Wenn Sie die gesamte Gruppe zusammen nehmen und das weltweite Geschäft. Wir haben 18 Produktionsstätten, davon fünf in Deutschland. Grönland wird von Dänemark aus beliefert.

Was verkaufen Sie denn in Grönland?

Lakritz natürlich. Die Leute im Norden essen gern Lakritz, die im Süden nicht.

Obwohl Sie Milliardenumsätze machen, gibt es bei Haribo keine Marketingabteilung und die Abteilungsleiter müssen morgens ihre Post mit Ihnen durchsprechen. Wie passt das zusammen?

Es gibt immer wieder Themen, die man miteinander besprechen muss. Das geht am besten, wenn alle an einem Tisch sitzen und ich den Abteilungsleitern die Post gebe. Es ist gut, wenn alle ihre Meinung sagen, aber am Ende muss einer entscheiden. Und dazu stelle ich mich dann schon zur Verfügung.

Was bedeutet Ihnen das Unternehmen?

Das Unternehmen liegt mir am Herzen. Als ich aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam, war mein Vater tot, und ich habe mit 23 Jahren hier angefangen. Jetzt habe ich die ganze Zeit immer nur dieses Unternehmen im Kopf gehabt und kann einfach nicht aufhören.

Aber müssten Sie nicht allmählich Ihren Nachfolger nach Bonn holen und ihn einarbeiten? Angeblich soll doch Ihr Neffe später mal den Laden übernehmen.

Mein Neffe hat die Verantwortung in Frankreich. Da macht er seine Arbeit gut. Ob er aber unbedingt das hier machen muss oder will …? Vielleicht will er lieber in Frankreich bleiben. Ich habe eine Privatstiftung gegründet mit einem dreiköpfigen Vorstand. Der bekommt meinen 50-prozentigen Anteil und wird mitentscheiden, wer hier später das Sagen haben soll. Unter Umständen ist es günstiger, einen Externen zu holen.

Wie können Sie sicherstellen, dass das Unternehmen niemals verkauft, zerschlagen oder an die Börse gebracht wird?

In der Satzung der Stiftung steht, dass die Gewinne wieder in das Unternehmen investiert werden. Aber wenn aus irgendwelchen Gründen irgendwann mal kein Geld mehr da sein sollte, was wollen Sie denn dann machen?

Sie beschäftigen 3000 Menschen in Deutschland. Haben Sie jemals über eine Abwanderung in Billiglohnländer nachgedacht? Vor allem jetzt, wo Ihnen die Reichensteuer droht?

Die Reichensteuer wird Leute animieren, ins Ausland zu gehen. Vielleicht werden auch Firmensitze ins Ausland verlegt. Es muss ja nicht so sein wie hier, dass Produktion und Verwaltung neben einander sitzen. Ich habe aber viel automatisieren müssen, damit die Werke in Deutschland mit unseren Werken in Spanien oder Ungarn mithalten können. Ich hätte die Maschinen natürlich auch nach Ungarn schaffen können und hätte dann mehr verdient, aber ich hänge nun mal an Deutschland.

Aus Bonn wollen Sie jetzt aber weg, obwohl die Stadt ein Teil Ihres Firmennamens ist. Warum?

Als wir hier in Kessenich begonnen haben, war das alles grüne Wiese. Jetzt sind wir komplett zugebaut. Um die Anwohner nicht zu stören, darf nach zehn Uhr abends kein Lastwagen mehr auf dem Hof fahren. Außerdem ist die Gewerbesteuer sehr hoch. Wir werden vielleicht nach Rheinland-Pfalz – nach Grafschaft – umziehen oder nach Rheinbach, das liegt hier in Nordrhein-Westfalen. Beide Orte sind rund 20 Minuten von hier entfernt. Wir könnten schon im nächsten Jahr mit der Planung beginnen. Als Erstes könnte die Logistik umziehen. Danach setzen wir eventuell ein modernes Produktionsgebäude dran, wo wir die Ware ebenerdig und rationell produzieren können.

Wird der Standort Bonn geschlossen?

Wir können an unserem bisherigen Standort nicht weiter produzieren, wir müssen aus diesem Wohngebiet raus. Aber bis alles verlegt wäre – das wäre ein Prozess, der sich sicherlich über zehn Jahre hinziehen würde oder noch länger.

Warum kommen Sie nicht nach Berlin? Ihre Bären würden doch gut zum Berliner Bären passen …

Ja, aber damit würde uns doch die Vergangenheit wieder einholen. Als die Regierung noch hier war, hatte sich die Stadt Bonn vor allem um die Politik und viel zu wenig um die Industrie gekümmert. In Berlin würde es uns doch nicht anders ergehen.

Das Interview führte Heike Jahberg.

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