Wirtschaft : Ich kann – ich will!

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Den Kanzler drückt die Last von vier Millionen Arbeitslosen. Im Wahlkampf muss er sich von der Opposition Reformstau und ein zu mageres Wirtschaftswachstum vorhalten lassen. Doch wie lassen sich für das Heer der Jobsuchenden auf die Schnelle neue Stellen finden? Durch eine bessere Beratung und Vermittlung, wie es die Hartz-Kommission vorschlägt?

Dass Gerhard Schröder mit diesem Rezept richtig liegen könnte, untermauert eine neue Studie der amerikanischen Yale University. Dort hat eine Gruppe von Arbeitsmarkt-Forschern herausgefunden, dass die Wahrscheinlichkeit, als Beschäftigungsloser in Deutschland wieder eine Stelle zu finden, entscheidend von der inneren Einstellung abhängt. Menschen, die es gewohnt sind, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, finden danach schneller einen neuen Job als solche, die sich eher durch „äußere Einflüsse“ fremdbestimmt fühlen. Bei diesen Erwerbslosen brauche es einen Kick von außen, damit sie auf dem Arbeitsmarkt wieder erfolgreich sind.

Das bedeutet, dass die Prognose von VW-Vorstand Peter Hartz durchaus zutreffen könnte: Wenn seine Ideen zügig umgesetzt würden, könnten bis 2005 zwei Millionen neue Jobs entstehen. Skeptikern dürfte es nach den Ergebnissen der Studie schwerer fallen, sich mit ihren Bedenken gegen die Reform Gehör zu verschaffen.

Die Studie aus Yale, verfasst von einer Gruppe um den Forscher William T. Gallo, stützt sich auf das Sozio-ökonomische Panel (SOEP). Diese Langzeitumfrage unter mehreren Tausend Bürgern der Bundesrepublik, die seit 1984 läuft und vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) betreut wird, ist für Sozialwissenschaftler eine wahre Goldgrube. Denn sie können über Jahre beobachten, wie sich die Lebensumstände der Teilnehmer entwickeln und so wertvolle Daten herausfiltern. Anhand der Aussagen von Arbeitslosen in der SOEP-Befragung teilte das Gallo-Team die Betroffenen in zwei Gruppen ein: Auf der einen Seite Menschen, die glauben, der Lauf der Dinge hänge vom Schicksal ab und sei mithin kaum zu beeinflussen.

Auf der anderen Seite machte Gallo Erwerbslose aus, die ihr Leben selbst in der Hand zu haben glauben und auf äußere Einflüsse wenig geben. Überraschende Erkenntnis: Das Risiko, überhaupt arbeitslos zu werden, ist für beide Gruppen gleich hoch. Geht der Brötchengeber pleite, nützt auch die größte Selbstsicherheit nichts. Ist der Job dann aber futsch, zeigt sich der Unterschied: Die Mehrheit der Menschen, die vorgeben, ihres eigenen Glückes Schmied zu sein, findet sowohl nach drei als auch nach sechs Monaten Arbeitslosigkeit schneller eine neue Stelle. Die anderen müssen länger warten. Die Folge: Ihre Qualifikationen veralten schneller, sie werden als Arbeitslose schneller krank und haben es immer schwerer, wieder einen Platz im Erwerbsleben zu finden.

Helfen könnten die Berater beim Arbeitsamt, die die Unsicheren an die Hand nehmen und mit ihnen ihre Stärken und Schwächen analysieren. Zwar bleibt trotz der Yale-Studie unklar, wie viele der vier Millionen Arbeitslosen eher selbstbewusst sind und wie viele sich eher fremdbestimmt fühlen. Dem Kanzler wäre aber allemal geholfen – schon mit Hunderttausend Arbeitslosen weniger. Carsten Brönstrup

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