Wirtschaft : „Ich kann mir billigere Tickets vorstellen“

Wolfgang Kurth, Chef der Billigairline Hapag-Lloyd Express, über den Wettbewerb am Himmel und neue Strecken

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Herr Kurth, der Preiskampf unter den Billigfliegern geht jetzt richtig los. Letzte Woche hat Germanwings angekündigt, ab 19 statt ab 29 Euro zu fliegen. Damit ist Ihr Niedrigstpreis von 19,99 Euro unterboten. Werden Ihnen jetzt die Kunden davonlaufen?

Ich weiß nicht, ob jemand wegen 99 Cent Unterschied davonläuft. Solche Aktionen verunsichern den Verbraucher. Sie glauben, sie buchen für den günstigsten Preis, und ein paar Wochen später werden die Tickets noch billiger, nur weil jetzt ein Wettbewerber in den Markt eintritt oder den anderen unterbietet.

Werden Sie Ihre Preise jetzt auch senken?

Wenn wir neue Strecken auflegen oder Flüge zu neuen Tageszeiten anbieten, kann ich mir neue, billigere Preisstrukturen vorstellen. Aber wir werden jetzt nicht auf das GermanwingsAngebot reagieren.

Wann wird es denn neue Strecken geben?

Im Dezember wird es Neuigkeiten geben. Wir planen neue Strecken ins europäische Ausland, insbesondere nach Osteuropa. Außerdem wollen wir weitere innerdeutsche Strecken fliegen.

Berlin-München zum Beispiel?

Nein, denn unser Partner Germania will ja künftig diese Strecke bedienen. Also kommt das für uns derzeit nicht in Frage. Es gibt aber andere Flughäfen, die uns interessieren. Es muss ja nicht unbedingt Frankfurt oder München sein.

Also wollen Sie jetzt auch billigere Provinzflughäfen wie Frankfurt Hahn ansteuern?

Es gibt drei Kategorien von Flughäfen: einmal Düsseldorf, Frankfurt und München. Dort sind die Start- und Landegebühren recht hoch. Dann kommt die Kategorie Köln, Nürnberg, Hannover, wo die Gebühren niedriger sind. Noch eine Kategorie darunter liegen dann Baden-Baden, Frankfurt-Hahn oder Saarbrücken. Die zweite Ebene sehe ich bei uns im Moment auf dem Radarschirm.

Die Germania, die Ihnen ja die Flugzeuge verchartert, baut jetzt ihr eigenes Streckennetz aus und schließt einen Einstieg der Tui aus. Wird sie damit nicht zum Konkurrenten?

Wir können auch getrennt voneinander erfolgreich sein. Die Routen von Hapag-Lloyd Express und der Germania überschneiden sich nicht, und wir werden bei der Streckenauswahl nicht gegeneinander antreten. Die Germania hat auch ein anderes Konzept. Während wir unsere Preise der Nachfrage anpassen, kosten bei der Germania alle Tickets gleich viel. Ich glaube aber nicht, dass das die erfolgsversprechende Lösung ist.

Sie haben eine Woche nach dem Buchungsstart 55000 Tickets verkauft. Zufrieden?

Ja, das übertrifft unsere Erwartungen. Soweit mir bekannt, hat Germanwings für die erste Woche 30000 Buchungen verzeichnet, mit sechs Flugzeugen. Wir starten im Moment noch mit vier Maschinen.

Experten gehen davon aus, dass nur einige Billigflieger überleben. Gehören Sie dazu?

Ja, natürlich. Denn Germanwings und Air Berlin gehen defensiv in den Markt hinein. Sie reagieren lediglich auf die derzeitige Nachfrageschwäche auf dem Chartermarkt. Germanwings beziehungsweise Eurowings hat Flugzeugkapazitäten von Reiseveranstaltern bekommen, die zuvor als Charter eingesetzt waren. Air Berlin fliegt die gleichen Ziele an, bloß zu anderen Preisen. Die einzigen, die gesagt haben, jetzt gründen wir eine neue Fluggesellschaft, sind wir.

Wo liegt denn Ihr Vorteil?

Wir haben die Marke Hapag- Lloyd – bei ähnlichen Preisen spielt die schon eine Rolle. Außerdem haben wir die Markt- und Finanzkraft der Tui im Rücken.

Aber Germanwings hat doch auch die Lufthansa im Rücken?

Der Grat der Streckenüberschneidung mit anderen zur Lufthansa gehörenden Gesellschaften erscheint mir groß. Wir dagegen haben eine genaue Abgrenzung.

Am Montag hat Ryanair wieder ein Rekordwachstum verkündet. Und trotzdem beharren Sie auf Ihrem Modell, das lange nicht so kostengünstig ist. Warum?

Ryanair hat im Augenblick großen Erfolg in Frankfurt Hahn. Das wird aber nicht andauern. Ich glaube, die Kunden zahlen lieber fünf Euro mehr für einen guten Service, wenn sie die Wahl haben. Statt mit dem Auto nach Hahn zu fahren, ist es doch angenehmer, von Köln aus zu fliegen.

Sie planen rund 1000 Flugstunden pro Flugzeug und Jahr mehr als die Lufthansa. Dann müssen auch die Piloten länger fliegen. Gefährdet das die Sicherheit?

Nein. Wir werden das gesetzliche Limit nicht überschreiten.

Wie beurteilen Sie den Standort Berlin?

Berlin ist sehr attraktiv. Das Problem ist der Flughafen Tegel, der mit seiner Auslastung an der Grenze ist. Vielleicht gäbe es hier noch Platz für eine weitere Strecke. Aber wir werden hier keinen Teil der Flotte stationieren.

Sie könnten doch nach Schönefeld gehen...

Schönefeld ist von den Berlinern noch nicht voll akzeptiert. Wir liebäugeln damit, aber können noch nicht einschätzen, ob wir von Schönefeld aus konkurrieren könnten. Die Frage ist: Wie groß muss der Preisunterschied sein, um Schönefeld attraktiver als Tegel zu machen. Das untersuchen wir gerade.

Das Gespräch führte Flora Wisdorff.

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