Wirtschaft : „Ich weiß, dass ich ein guter Mensch bin“

Die Textilproduzentin Britta Steilmann über Macht und Moral in Wirtschaft und Politik – Und die Kunst, ein Familienunternehmen zu führen

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Frau Steilmann, als Expertin: Was sagen Sie zum modischen Auftritt von Bundeskanzler Schröder und Kanzlerkandidat Stoiber beim ersten TV-Duell? Sollten sie beim nächsten Mal etwas anderes anziehen?

Beim ersten Fernsehduell waren beide gut angezogen. Sehr typengerecht in Anzügen, Hemden und Krawatten farblich abgestimmt. Deshalb sehe ich keinen Grund für Veränderung.

Haben Sie an Politikern schon mal Ihre eigenen Modelle entdeckt?

Wir produzieren 26 Millionen Bekleidungsstücke pro Jahr, davon laufen die meisten nicht unter unseren Labels, sondern als Eigenmarken des Handels. Wenn Politiker unsere Sachen tragen, lässt sich das nicht so leicht nachvollziehen.

Sie haben 1994 Rudolf Scharping im Wahlkampf unterstützt. Reizt es Sie, sich jetzt wieder in die Politik einzumischen?

Ich muss ein Unternehmen führen und habe im Moment keine Zeit, mich intensiv um Politik zu kümmern. Man muss sich entscheiden, zwei solche Berufe kann man nicht nebeneinander her ausüben.

Was würden Sie in der Politik anders machen?

Eines habe ich gelernt in der Zeit, in der ich politisch noch aktiver war: Sie können nur ganz kleine Schritte machen. So etwas fällt mir schwer. Für eine politische Karriere bin ich wohl zu fordernd und vielleicht auch zu ungeduldig. Nehmen Sie das Kanzlerduell. Beide Kandidaten waren gut vorbereitet, sehr geschult. Mir fehlten aber Leidenschaft und Authentizität, Zivilcourage wie sie John F. Kennedy in einem seiner Bücher beschrieb. Den Mut, für die Wahrheit einzustehen, auch wenn der Kandidat vielleicht nicht bei jedem Wähler auf Verständnis stößt. Das ist keine Kritik, vielmehr ein gesellschaftliches Phänomen. Wir sehen auch in der Wirtschaft die Tendenz, dass Menschen immer weniger Ecken und Kanten haben. Ich schätze klare, polarisierende Menschen. Menschen, die sich klar bekennen.

Sind Sie Mitglied der Grünen?

Nein, ich war noch nie Mitglied irgend einer Partei.

Statt Ökobilanzen lesen Sie jetzt Unternehmensbilanzen. Wie viel Mut braucht man, um ins Familienunternehmen zurück zu gehen?

Man braucht heute überhaupt Mut, eine Führungsaufgabe in der Wirtschaft zu übernehmen. Es gibt viele neue Spielregeln. Unternehmen und Geschäftsbeziehungen werden zunehmend komplexer. Die ständigen Veränderungen sind sehr spannend, aber auch enorm anspruchsvoll - in jeder Hinsicht. Ich habe mir früher einmal vorgestellt, es könnte doch so etwas wie einen Rat der Weisen geben, in dem erfahrene, kluge Männer und Frauen sitzen, die bei allen Fragen mit Rat zur Seite stehen.

Ein Aufsichtsrat?

Im Prinzip sind das Aufsichtsräte oder Beiräte. Mir zeigt aber die Erfahrung aus vielen Gremien, dass das Tempo der Veränderung auch sehr erfahrenen Managern oder Alt-Managern klare Grenzen aufzeigt. Deshalb nutze ich die Erfahrung von Beiräten neben ihrer Kontrollfunktion eher im Sinne von emotionaler Intelligenz zum Beispiel für die richtige und sensible Kommunikation von Veränderungen im Betrieb. Machen wir uns nichts vor: Die größte Herausforderung für Unternehmen ist es, bei den Mitarbeitern die ständige Bereitschaft für Veränderung zu erreichen.

Was ist mit Ihrem Vater ?

Mein Vater war viele Jahre lang mein Vorbild und ein großartiger Lehrer - beruflich und privat. Wir sind uns in mancher Beziehung sehr ähnlich. Insofern konnte ich selbstverständlich auch von seinen Fehlern profitieren. Ich habe genau beobachtet, wie er sich in bestimmten Situationen verhalten hat und wie die Leute reagiert haben. Daraus habe ich gelernt. Eine meiner großen Stärken ist emotionale Intelligenz. Ich kann mich auf Leute einlassen.

Sie sind 1999 Knall auf Fall aus dem Unternehmen ausgeschieden und vor einem Jahr als Chefin zurück gekehrt. Wie hoch sind die Erwartungen, die jetzt an Sie gestellt werden?

Ich habe mir meine Rückkehr sehr lange überlegt - bestimmt drei, vier Monate. Aber Steilmann ist nun einmal ein großer Teil meiner Geschichte. Was die innerfamiliären Auseinandersetzungen angeht, bin ich ziemlich unemotional. Bevor ich ins Unternehmen zurückgekehrt bin, haben meine Schwestern und ich sehr klare Absprachen getroffen. Ich habe gesagt: Für mich geht das Unternehmen vor, und ich nehme keine Rücksicht auf Familienbande. Und ich habe beide gefragt: Könnt Ihr Euch vorstellen, notfalls das Unternehmen zu verlassen, wenn es mit uns nicht klappt?

Und, konnten sie?

Sonst wären wir heute nicht alle im Unternehmen.

Verlangen Sie von Ihren Schwestern nicht ein bisschen viel?

Im Gegenteil. Nur weil wir so klare Absprachen haben, können wir das Thema emotionsloser angehen. Unsere Zusammenarbeit funktioniert brillant. Ich kann mit beiden super arbeiten. Wir können uns aufeinander verlassen.

Wie groß ist Ihre Angst zu versagen?

Ich habe nicht vor, hier zu scheitern. Ich will das Unternehmen erfolgreich machen - und zwar nachhaltig. Das ist nicht leicht. Das Konsumklima ist schwierig, und viele unserer Handelspartner stehen derzeit extrem unter Druck. Früher habe ich gesagt, ich bin Unternehmerin mit Leidenschaft. Heute habe ich mir einen Teil der Leidenschaft abgeschminkt. Leidenschaft kann Sie emotional blockieren, man verliert Objektivität.

Was können Sie tun, um Steilmann aus der Konsumkrise herauszuholen?

Wir haben unsere Kollektion und die Lieferrhythmik umgestellt, wir haben mit dem Handel Partnerschaftskonzepte aufgesetzt, und wir setzen im Unternehmen auf eine klare Markenprofilierung. Wir müssen im Vergleich zu unseren Wettbewerbern eben das Stückchen Mehrwert bieten, das uns im Geschäft hält. Der Wettbewerb ist gnadenlos. Sie bekommen heute Mode überall und zu allen Preisen. Deshalb ist der Mehrwert oft entscheidend.

Von einst 40 Standorten in Deutschland hat Steilmann mit Ausnahme des Werks in Cottbus und der Musterschneiderei in Wattenscheid alle geschlossen. Warum ?

Es tut mir weh, Arbeitsplätze abzubauen. Aber ich bin zum Schutze des Ganzen angetreten und kann keine Rücksicht auf Einzelschicksale nehmen. Heute müssen Sie als Unternehmer so viel Eigenkapital haben, dass Sie mittelfristig aus eigener Kraft wachsen können. Und das geht nicht ohne ein rigides Kostenmanagement. Wir können schon seit zehn Jahren nicht mehr kostendeckend in Deutschland produzieren.

Ihre Öko-Kollektion ist inzwischen eingestellt. Kann man mit Öko-Kleidung in Deutschland kein Geld verdienen?

In Nischensegmenten wahrscheinlich schon, in großem Stil eher nicht. Schauen Sie, wo die Leute heute ihre Kleidung einkaufen. Es wachsen alle, die nicht im klassischen Textilgeschäft sind, und die vertikalen Lifestyle-Retailer wie Zara, Mango oder Pimkie. Obwohl es meine Öko-Kollektion „It´s one world" nicht mehr gibt, ist ökologische Produktion für Steilmann immer noch ein großes Thema. Immerhin haben wir als eines der ersten Bekleidungsunternehmen Öko- und Sozialstandards für unsere gesamte Produktion eingeführt. Alle unsere Bekleidungsstücke sind ökologisch und sozial gesichert.

Sie sind Öko-Managerin, Indianerschützerin, Buchautorin, Model und haben zwischenzeitlich auch den Fußball-Verein SG Wattenscheid 09 gemanagt. Ist das eine grandiose Selbstinszenierung oder ist wirklich alles echt?

Zum Fußball bin ich gekommen, weil mein Vater bei Wattenscheid 09 sehr engagiert ist und ich in Wattenscheid groß geworden bin. Der Manager-Job war frei, und er hat mich gefragt, ob ich das machen möchte. In meiner Naivität hätte ich niemals gedacht, dass die Konstellation Frau und Fußball ein solches Riesenthema werden könnte.

Und der Rest?

Machen Sie sich selbst einen Eindruck. Ich habe mich stark für das Thema Ökologie engagiert, weil ich gedacht habe, ich kann nicht andere kritisieren, wenn wir das im eigenen Betrieb nicht auf die Reihe kriegen. Auf die Lakota-Indianer bin ich eher zufällig gestoßen. Mein Engagement für die Vereinbarung von Ökologie und Ökonomie hat Scharping damals veranlasst, mich in sein Beraterteam zu holen. Alles was ich bis heute getan habe, war geprägt von meinem Wunsch nach positiver Veränderung. Ich werde mich auch weiter für die unterschiedlichsten sinnvollen Projekte einsetzen. Schon seit meinem sechsten Lebensjahr habe ich meinem Vater gesagt: In deine Fußstapfen kann ich nicht treten, ich kann nur neben dir herlaufen und etwas eigenes machen.

Und jetzt sind Sie doch bei den Fußstapfen angekommen.

Ich führe sein Unternehmen in der nächsten Generation fort. Ethisch und moralisch in seinem Sinne, mit den Strategien, die das Hier und Jetzt fordert.

Gefällt Ihnen Ihr Gutmensch-Image?

Ich habe ein sehr stabiles Wertesystem, und ich setze mich für die Beseitigung von gesellschaftlichen Missständen ein. Ich weiß, dass ich ein guter Mensch bin. Ganz ehrlich.

Das Interview führte Heike Jahberg.

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