Wirtschaft : „Ideologiefrei über Kernkraft diskutieren“

Herr Schmoldt, das Getöse vor dem Energiegipfel ist beachtlich. Kann in so einer Atmosphäre der Gipfel klappen?

Mit Sicherheit helfen gegenseitige Unterstellungen nicht weiter. Der Gipfel ist grundsätzlich der richtige Versuch, eine verlässliche Energiepolitik bis zum Jahr 2020 zu verabreden.

Obwohl die ersten beiden Gipfel nicht viel gebracht haben?

Ja. Obwohl ich natürlich registrieren musste, dass ein Thema mit einem Tabu belegt ist: Es gibt leider keine ideologiefreie Diskussion über Kernenergie. Dies wäre dringend erforderlich angesichts der klimapolitischen Herausforderungen. Wir haben insgesamt das Prinzip der Nachhaltigkeit strikt zu beachten. Die ökonomischen, ökologischen und sozialen Erfordernisse müssen im Gleichgewicht bleiben. Wettbewerbsnachteile für die deutsche Industrie – einhergehend mit Arbeitsplatzverlagerungen ins Ausland – nutzen am Ende auch der Umwelt nicht.

Also längere Laufzeiten für die AKWs gleich sichere Industriearbeitsplätze?

Wir müssen uns jedenfalls fragen, ob Deutschland sich die Vorreiterrolle zum Beispiel bei erneuerbaren Energien und der Versteigerung von Emissionszertifikaten auch leisten kann. Zur Kernenergie: Der Ausstiegsbeschluss gilt. Bei der Umsetzung ist allerdings sehr ernsthaft zu überlegen, ob man sich weniger an den reinen Laufzeiten der Kernkraftwerke und stärker an deren Sicherheit orientieren sollte. Zu fragen ist in diesem Zusammenhang auch, wie denn die gesetzten klimapolitischen Ziele erreicht werden sollen.

Dafür will die Regierung die Energieeffizienz jährlich um drei Prozent erhöht sehen.

Das ist unrealistisch, weil solch ein Wert schon in der Vergangenheit nicht annähernd erreicht wurde.

Aber wenn die Politik den Firmen keine Vorgaben macht, modernisieren die ihren Kraftwerkspark weiterhin eher gemächlich.

Um zu investieren, brauchen die Firmen verlässliche Rahmenbedingungen. Wenn zum Beispiel nicht erkennbar ist, wie die Verteilung und damit der Preis der Emissionszertifikate nach 2013 aussehen, dann verunsichert das natürlich die Kraftwerksbetreiber.

Arbeiten die Betreiber engagiert genug am CO2-freien Kraftwerk?

Ich denke schon. Ohne Kohle wird es auch künftig keine Energieversorgung geben, aber dafür braucht man dann CO2-freie Anlagen.

Was kommt nun raus beim Gipfel?

Ich hoffe, dass die Bundesregierung auch ein Szenario mit einer jährlichen Effizienzsteigerung von zwei Prozent durchrechnet. Das wäre immerhin noch eine Verdoppelung des langjährigen Durchschnitts. Wenn der Gipfel am Dienstag nicht zum Erfolg führt, dann müssen wir eben noch einen vierten machen.

Hubertus Schmoldt (62) ist seit 1997 Chef der Gewerkschaft IG BCE, die Beschäftigte der Branchen Bergbau, Chemie und Energie organisiert. Das Gespräch führte Alfons Frese.

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