Wirtschaft : IFA 2001: Der Start ins neue Zeitalter des Multimedia-Mobilfunks verzögert sich

Corinna Visser

Künftig müssen wir uns nicht mehr langweilen. Denn überall wo wir hingehen, wird unser UMTS-Handy uns begleiten. Mit der neuen Multimedia-Mobilfunktechnik werden wir auch unterwegs immer online sein, können uns aus dem Internet Videos, Musik oder Spiele herunterladen oder uns in das interne Firmennetzwerk einwählen, um unsere Arbeit zu erledigen. Mit dem neuen Mobilfunkstandard werden breitbandige Anwendungen mobil. "UMTS wird unser Kommunikationsverhalten revolutionieren", sagt Roman Friedrich, Berater bei der Unternehmensberatung Booz Allen & Hamilton. "Es wird für einen Großteil der Bevölkerung zum täglichen Leben gehören."

Diesen Optimismus teilen heute nur noch wenige. Vor einem Jahr hieß es noch: Mobilfunkanbieter, die keine Lizenz für den neuen Standard UMTS ergattern, werden nicht überleben. Heute leiden genau die Unternehmen, die im August 2000 bei der spektakulärsten Auktion der deutschen Wirtschaftsgeschichte eine UMTS-Lizenz ersteigert haben, unter den hohen finanziellen Belastungen. Insgesamt fast 100 Milliarden Mark haben die sechs Unternehmen und Konsortien für ihre Lizenzen bezahlt. Hinzu kommen noch die Kosten für den Aufbau der Netze.

Heute scheint vor allem eines klar zu sein: UMTS wird später kommen als ursprünglich erwartet. Gingen die Unternehmen anfänglich davon aus, Ende 2002 schon an den Start gehen zu können, rechnet die Mehrheit der Betreiber heute frühestens 2003 mit dem Beginn des UMTS-Zeitalters. Es wird allein an der ausreichenden Zahl von neuen Multimedia-Endgeräten fehlen. Die Verzögerung bei der Lieferung von Endgeräten ist hat schon Tradition im Mobilfunkgeschäft. Daneben wächst in der Bevölkerung der Widerstand gegen die Installation neuer Sendemasten und Basisstationen, was den Aufbau der Netze erschwert. Die Durststrecke für die Mobilfunkanbieter - bis UMTS ein Massengeschäft wird und die Unternehmen schwarze Zahlen schreiben können - dauert folglich länger als erwartet.

Mittlerweile mehren sich die Zweifel, ob UMTS überhaupt jemals ein Erfolg wird. Diese Skepsis ist an den Aktienkursen der betroffenen Unternehmen deutlich abzulesen. Analysten und auch Klaus-Dieter Scheurle, der als ehemaliger Präsident der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post die Lizenzen vor einem Jahr versteigerte, sind überzeugt: Es wird auf Dauer keine sechs UMTS-Netzbetreiber in Deutschland geben. Wenigstens ein oder zwei Lizenznehmer werden auf der Strecke bleiben oder übernommen.

Auch Friedrich von Booz Allen & Hamilton ist überzeugt, dass es zu einer Konsolidierung auf dem Markt kommen wird. Für ihn bedeutet das aber nicht, dass UMTS ein Flop wird. "Man darf die Sache nicht allein vom Kapitalmarkt her betrachten. Von der Anwendungsseite her wird UMTS ganz sicher ein Erfolg - nur eben nicht für jeden Lizenznehmer." Chancen haben nach Friedrichs Einschätzung nur die Anbieter, die Produkte und Dienste entwickeln, die dem Nutzer einen echten Mehrwert bringen. Unterhaltung, Information, Kommunikation und M-Commerce, also Einkäufe und Bankgeschäfte per Handy: All das versprechen die Betreiber. Mehrwert bieten schon allein die höheren Übertragungsraten von UMTS. "Was die Nutzer heute bereits mit GPRS ausprobieren können, wird mit UMTS schneller, komfortabler und luxuriöser", sagt Friedrich.

Großes Potenzial sehen die Betreiber in Online-Spielen - die heute schon in Japan der Renner sind - und in lokalisierten und personalisierten Datendiensten. Wo finde ich in einer fremden Stadt ein gutes italienisches Restaurant und wie gelange ich dort hin? Das UMTS-Handy präsentiert nicht nur vorab die Speisekarte sondern leitet den Nutzer auch direkt bis vor das Lokal. "Es gibt bereits Überlegungen bei Supermarktketten, die den Kunden die aktuellen Sonderangebote inklusive Bild aufs Handy schicken wollen, wenn der Kunde am Laden vorbeigeht", sagt Friedrich. Das setzt natürlich das Einverständnis des Kunden voraus.

Vor allem muss der Kunde bereit sein, eine wesentlich höhere Mobilfunkrechnung zu akzeptieren als heute. Sonst gehen die Kalkulationen der Netzbetreiber nicht auf. Heute geben Privatkunden im Schnitt selten mehr als 50 Mark im Monat für die Nutzung ihres Handys aus. Wenn Qualität und Ausgestaltung der mobilen Datendienste stimmen, hält Friedrich einen Betrag von 100 Mark für realistisch. "In diese Dimension müssen die Netzbetreiber auch vorstoßen, wenn sie profitabel arbeiten wollen." Dem stehen auf der anderen Seite wesentlich höhere Entwicklungs- und Marketingkosten gegenüber. Denn in der Vergangenheit haben die Mobilfunkfirmen nur ein Produkt angeboten: Sprache. In Zukunft wird es eine Vielzahl von Produkten sein für jeweils verschiedene Zielgruppen. Dafür, sagt Friedrich, müssten sich die Netzbetreiber jedoch erst von ingenieur- zu marketingorienten Unternehmen wandeln: "Die Herausforderung ist gewaltig."

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