Ifa 2007 : Showtime im Wohnzimmer

Noch steht der PC meist im Büro. Doch die Industrie will ihn zur Entertainment-Zentrale machen.

Die Fotos vom Sommerurlaub sind auf dem Laptop, die DVD von Omas 80. Geburtstag liegt irgendwo in einer Schublade, und die Lieblingssongs sind auf dem MP3-Player gespeichert. Bilder, Filme, Musik – in den Haushalten wächst die Zahl digitaler Daten jeden Tag. So werden zum Beispiel jeden Monat knapp 2,4 Milliarden digitale Fotos in Deutschland gemacht, hat der Branchenverband Bitkom ermittelt. „Leider sind die Daten aber oft nicht dort verfügbar, wo Menschen sie zusammen konsumieren wollen“, sagt Axel Freyberg von der Unternehmensberatung AT Kearney. „Meist steht der PC im Arbeits- oder im Kinderzimmer, aber nicht im Wohnzimmer, wo das gemeinsame Erleben möglich ist.“

Experten erwarten daher, dass immer mehr Haushalte beginnen werden, den PC ins Wohnzimmer zu verlagern und ihre digitalen Geräte zu vernetzen. Digital Home oder Home Networks sind die Schlagworte, die ein wichtiges Thema auf der Internationalen Funkausstellung sein werden, die kommenden Freitag in Berlin beginnt. „Bisher war es ein Zukunftsthema, aber jetzt fängt es an, den Massenmarkt zu erreichen“, sagt Verena Dolphin von Red Door Consulting in Düsseldorf.

„Wir beobachten, dass der Markt in Europa stark anzieht“, sagt auch Laurence Meyer vom Marktforschungsinstitut Jupiter Research. Ein wichtiger Grund dafür sei, dass viele Internetanbieter ihre Kunden mit den nötigen Geräten versorgten, in der Hoffnung, über diesen Weg später weitere Dienste an den Kunden verkaufen zu können. Ein Beispiel dafür ist die Telekom mit ihrem Produkt T-Home – die Kombination aus Telefon, schnellem Internetanschluss und TV. Aber auch Gerätehersteller wie Fujitsu-Siemens oder Philips sowie Microsoft und Apple versuchen, den Markt anzuschieben. Sony kündigte gerade an, die Spielekonsole PlayStation 3 zum Fernsehempfänger und Festplattenrekorder ausbauen zu wollen. Voraussetzung für eine steigende Nachfrage sei die weitere Verbreitung von Breitbandanschlüssen, sagt Meyer. In Ländern, in denen die Versorgung mit schnellen Internetzugängen höher sei, steige auch die Zahl der Heimnetzwerke. Noch ist der Markt sehr überschaubar und Zahlenmaterial rar – auch weil die Abgrenzung zu den Märkten für Computer und Unterhaltungselektronik schwer ist.

Die Vernetzung fängt im Kleinen an: „Sie beginnt da, wo sich in einem Haushalt mehr als ein Computer befindet, der Zugang zum Internet braucht“, sagt Freyberg von AT Kearney. Ein richtiges Home Network wird es, wenn weitere Geräte wie Fernseher und Stereoanlage hinzukommen. Doch bei der Unterhaltungselektronik ist noch lange nicht Schluss, Netzwerke lassen sich auch ausdehnen auf die zentrale Steuerung von Garagentor, Heizung und Jalousien. Ob der Verbraucher aber auch einen vernetzten Kühlschrank möchte, der selbstständig neue Waren im Supermarkt ordert, da sind die Experten skeptisch. „Die Vernetzung der digitalen Medien, das ist das Thema, worum es derzeit primär geht“, sagt Freyberg. Das endet nicht an der Haustür, auch mobile Geräte wie das Handy können ins Netzwerk integriert werden.

Dolphin von Red Door bezweifelt, dass Kunden eine Komplettlösung aus einer Hand wünschen. „Das ist zu kompliziert, zu teuer“, sagt sie. „Für den Konsumenten sind einfache Lösungen wichtig.“ Und dabei nicht für jeden die gleiche. Der Markt werde stark von den Bedürfnissen getrieben, und daher werde es spezifische Lösungen für verschiedene Zielgruppen geben. Der Musikliebhaber zum Beispiel: Er kann sich eine Opernaufzeichnung aus dem Netz laden und sie im Wohnzimmer auf dem großen Bildschirm sehen und über die Hifi-Anlage hören. Die Vernetzung funktioniert, weil immer mehr Geräte auf der Basis des Internetprotokolls miteinander kommunizieren können.

Doch am Ende müssen sie auch physisch vernetzt werden – über Kabel oder Funk. Die heutige Technik für Funknetzwerke für zu Hause sei leistungsfähig genug, um Musik und Bilder zu übertragen, meist aber nicht für fernsehtaugliche Videos, sagt Freyberg. „Die nächste Generation kann mehr.“ Doch die Alternative – neue Kabel durch die Wohnung zu legen – schreckt viele ab. „Im Moment haben Kunden sogar Schwierigkeiten, überhaupt jemanden zu finden, der so etwas macht“, sagt Freyberg. „Eine Verkabelung über das hausinterne Stromnetz ist daher eine zunehmend interessante Variante.“ Dann muss in der Familie nur noch geklärt werden, wo die neue Zentrale des digitalen Zuhauses stehen soll: unter dem Fernseher oder doch lieber im Keller.

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